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Wahlkampf in Berlin : Schulz greift an, Steinbrück grätscht dazwischen

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Schulz über Schulz: „Neulich hab ich irgendwo gelesen, sieht aus wie ein Eisenbahn-Schaffner.“ Bild: dpa

Nach dem 0:3 bei den Landtagswahlen versucht Martin Schulz bei einer großen SPD-Konferenz, inhaltlich ein paar Bälle reinzuhauen. Von der Seitenlinie aber tritt ihm Kanzlerkandidaten-Vorgänger Steinbrück in die Beine.

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          Martin Schulz brennt die Sonne auf sein „heißes, haarloses Haupt“, wie er schwitzend seinem Publikum mitteilt. Über eine Stunde redet er bereits im Willy-Brandt-Haus über seinen Wahlkampf. Mehr als die Sonne nerven den Kanzlerkandidaten der SPD die Kommentare, die er über sich lesen muss. Vor dem Treffen mit 500 Funktionären, von Unterbezirkschefs bis zu den Kandidaten für die Bundestagswahl, hat Schulz in den sozialen Medien um Input gebeten: „Geht es bei uns gerecht zu? Mich interessiert, was Ihr denkt. Halte am Samstag eine Rede und will darauf eingehen. Also schreibt mir.“

          Tausende antworten. Was da bei Schulz über Twitter, Facebook und Instagram ankommt, ist nicht nur schön, wie der 61 Jahre alte Würselner erzählt. „Tolle Ratschläge. Kauf’ Dir endlich mal Maßanzüge und nicht immer die von der Stange. Kauf’ Dir ’ne andere Brille. Der Bart... in Deutschland ist noch nie einer mit Bart Kanzler geworden“, witzelt Schulz über Schulz.

          Dann ist Schluss mit lustig. Ihm werde der Charme eines Sparkassen-Angestellten angedichtet. „Neulich hab ich irgendwo gelesen, sieht aus wie ein Eisenbahn-Schaffner.“ Was sei das für eine oberflächliche Haltung, ereifert sich Schulz: „Die überwiegende Mehrheit der Menschen in diesem Lande (...) kauft die Anzüge von der Stange oder hat vielleicht auch nur ein Kassengestell bei der Brille. Aber genau das sind die Leute, die dieses Land am Laufen halten.“

          Es ist der Moment, in dem Schulz den SPD-Funktionären ganz nah kommt. Für einen Augenblick sind die schlimmen Wahlpleiten und deprimierenden Umfragen vergessen, ist der Schulz-Effekt, der über Wochen die Partei elektrisierte und dann verpuffte, wieder zu spüren. Auch der Kandidat selbst wirkt vitalisiert. Noch am Montag fragte sich jeder, warum Schulz nicht selbst das SPD-Wahlprogramm in der Parteizentrale präsentierte, er sich auf TV-Auftritte in den Abendsendungen beschränkte. Jetzt greift er an.

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          Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern? Eine Schande, die er in seinen ersten 100 Tagen als Kanzler tilgen wolle. Die Union als Hüterin von Recht und Ordnung? „Das ist kein Privileg irgendeiner Partei, die da rumläuft.“ Wuchtige Steuersenkungen à la Horst Seehofer? „Ich weiß nicht, was bei dem wuchtig ist. Nein, ich bin für wuchtige Investitionen.“ Schulz auf Tauchstation, während Angela Merkel Weltpolitik macht? „Die Bundestagswahl wird weder in Washington noch in Moskau entschieden, aber auf diesen Dörfern, wo ich tingele.“

          Schulz ist gut drauf. Nach 69 Minuten Redezeit hat er sein Ziel erreicht. Die aus der ganzen Republik angereisten Genossen, die noch einen Workshop zum Haustür-Wahlkampf per Smartphone-App bekommen, dürften motiviert nach Hause fahren. Schulz ist so beseelt vom Jubel, dass er tatsächlich auf das Podest der großen Willy-Brandt-Statue klettert, um seine Fans besser sehen zu können.

          „Steht da jetzt Erich Schulz-Honecker?“

          Die SPD aber bleibt sich an diesem Wochenende treu. Denn Schulz wird nicht nur über die sozialen Medien angegangen. Da ist noch einer im eigenen Laden, der stets mit offenem Visier kämpft. Peer Steinbrück. 2013 ging er nach einer Pannenserie als Kanzlerkandidat unter. Jetzt fährt der ehemalige Finanzminister dem aktuellen Kanzlerkandidaten in die Parade – satirisch überzeichnet, Steinbrück ist ab Juli mit dem Kabarettisten Florian Schroeder auf Bühnentour. Ein bisschen SPD-Bashing ist da keine schlechte Werbung, dürfte Steinbrücks Motivation sein.

          Was er von der Seitenlinie halbironisch ins SPD-Spielfeld schießt, treibt das Schulz-Lager zur Weißglut. Die 100 Prozent bei Schulz’ Wahl zum Parteichef seien „vergiftet“ gewesen: „Die Partei saß plötzlich auf Wolke sieben, es hat sich ein Realitätsverlust eingestellt, und das Publikum hat sich gewundert: Steht da jetzt Erich Schulz-Honecker?“

          Steinbrück ledert in Interviews der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und der „Bild am Sonntag“ ab. Der Fokus von Schulz auf Gerechtigkeit? Zu eng. Die SPD, gelegentlich ein verbiesterter „Heulsusen“-Verein, solle die Finger von Rot-Rot-Grün lassen, sich was bei FDP-Chef Christian Lindner abschauen: „Lindner kommt an mit seinem Stil; nicht aufgesetzt, locker, das weckt Sympathien.“

          Sonst noch Empfehlungen für Schulz? „Ich habe um Himmels willen nichts zu raten“, sagt „has been“ Steinbrück. „Johannes Rau würde sagen: In dem Wort Ratschläge stecken ja auch immer Schläge.“

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