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Wahlanalyse : Von Großen und Gernegroßen

Zu- und Abwanderung von Wählerstimmen bei der Bundestagswahl 2013 Bild: F.A.Z.

Die kleinen Parteien haben sich politisch selbstverzwergt. Den Grünen ist ihr programmatischer Kern abhanden gekommen. Die AfD ist in jene „Protest“-Position eingerückt, die im Westen die Linke innehat. Eine Wahlanalyse.

          Deutschland im Jahr 1990: Die Wahl zum ersten Deutschen Bundestag nach der Wiedervereinigung wird zu einem Triumph der Unionsparteien. Mit Helmut Kohl, dem „Kanzler der Einheit“, als Spitzenkandidaten kommen CDU und CSU gemeinsam auf mehr als 43 Prozent der Stimmen. Kein Riss zwischen Ost und West geht durch das Land. Deutschland im Jahr 2013: Wieder geht kein Riss durch die Bundesrepublik, jedenfalls keiner, der die Unionsparteien beträfe. Die Union schneidet in den neuen Ländern ähnlich gut ab wie in der früheren Bundesrepublik. Selbst in den Stadtstaaten und in Brandenburg erzielt die CDU Landesergebnisse, von denen sie vor Jahren nur träumen konnte. Auch der Erfolg in den Flächenländern im Westen und Süden, etwa im grün-rot regierten Baden-Württemberg und in Bayern, straft all jene Lügen, die die Wählerschaft der Union vor der Wahl in Lethargie verfallen sahen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Freilich ist der 15. Sieg der Union in einer Bundestagswahl nicht die Folge überlegener Programmatik oder eines überzeugenden Personalangebots. Der Erfolg hat nur einen Namen: Angela Merkel. Sie hat, so hat es die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen um Matthias Jung und Andrea Wolf ermittelt, das „beste Kanzlerimage seit 1990“. Das Ansehen der Kanzlerin ist hoch, die Zufriedenheit mit ihrem Regierungsstil und der Kompetenzvorsprung vor ihrem Herausforderer Peer Steinbrück nicht minder – und das weit über die eigene Anhängerschaft hinaus. Am Wahltag bekannten drei Viertel der SPD-Wähler gegenüber den Meinungsforschern von Infratest dimap um Richard Hilmer, Merkel vertrete Deutschland in der Welt gut. Unter den Grünen-Wählern waren es immerhin sieben von zehn.

          Zweitstimmenanteile der Union in Prozent

          Diese Union war am Sonntag nicht zu schlagen – nicht jedenfalls in einer Lage, in der mehr als ein Drittel der Wähler kundgab, ihnen sei es gleich, welche Parteien in Berlin regierten – Hauptsache, Merkel bleibe Bundeskanzlerin. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Doch auf wen hätten die Bürger sonst ihre Hoffnung setzen können, dass es mit der Wirtschaft weiter vorangeht, dass die Eurokrise gut überstanden wird und dass immer mehr Bürger Arbeit finden?

          Auf diesen Politikfeldern konnte die CDU in den vergangenen Jahren viel Boden gutmachen – so viel, dass sich die SPD mit Nebenschauplätzen wie dem Eintreten für angemessene Löhne, niedrige Mieten oder der Abschaffung des Betreuungsgelds zufriedengeben musste. Dumm nur, dass diese Programmatik von einem Spitzenkandidaten namens Steinbrück repräsentiert wurde, dem niemand abnahm, er habe als „linke“ Spitze der SPD die Rolle seines Lebens gefunden, geschweige denn, dass er in den Kompetenz- und Persönlichkeitswerten mit der Bundeskanzlerin jemals auf Augenhöhe gewesen wäre. Mehr als die Hälfte der in der Woche vor der Wahl oder am Wahltag selbst befragten Bürger sagte denn auch, Steinbrück habe seiner Partei im Wahlkampf mehr geschadet als genützt.

          Zweitstimmenanteile der SPD in Prozent

          In Zahlen ausgedrückt, liest sich diese Meinung so: Von den in die Millionen gehenden Stimmen, die die SPD im Jahr 2009 verlor, gewann sie am Sonntag nur wenige zurück. Und hätte sie ausweislich der von Infratest dimap erstellten Bilanz der Wählerwanderung nicht erheblich von ehemaligen FDP-, Linkspartei- und Grünen-Wählern profitiert, wäre aus dem Anstieg von 23,0 Prozent auf jetzt 25,7 Prozent der Stimmen nichts geworden. So aber kann die Forschungsgruppe Wahlen zu dem Ergebnis kommen: „Erstmals seit knapp einem halben Jahrhundert legen beide großen Parteien zu.“

          Doch ist die relative Stärke der SPD mehr noch als die Stärke der CDU eine direkte Folge der Schwäche der sogenannten kleinen Parteien. Weil sich aber zwei von ihnen, die FDP und die Grünen, zwischendurch gar nicht mehr klein fühlten, traf sie der Absturz in der Wählergunst am Sonntag umso härter.

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