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Wahl-Chaos in Berlin : Bericht aus der Warteschlange

Sie wollten doch nur wählen: Berliner stehen am Wahlsonntag Schlange vor den Wahllokalen im Tiergarten Gymnasium in der Altonaer Straße. Bild: dpa

In der Hauptstadt herrschte am Wahlsonntag Chaos. In manchen Wahllokalen gingen die Wahlzettel aus, in anderen meldeten sich die Wahlhelfer krank. Vor den Lokalen bildeten sich lange Schlangen. In einer davon stand unser Autor.

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          Zwölf Uhr mittags am Wahlsonntag, mitten in Berlin-Moabit, Bezirk Mitte. Familien gehen spazieren oder gemeinsam zur Wahl, durch die Straßen der Hauptstadt zieht sich der Berlin-Marathon. Vor den Wahllokalen 414 und 419 in der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule, einem Backsteinbau im Stephanskiez, haben sich lange Schlangen  gebildet. Sie reichen über den Schulhof und die angrenzende verkehrsberuhigte Straße bis zu einem kleinen Parkplatz. Es scheint so, als würde die Bundestagswahl auf großes Interesse stoßen. Doch das, was in Moabit an diesem Wahlsonntag passiert, ist ein Sinnbild für den teilweise chaotischen Ablauf der Bundestags- und Abgeordnetenhauswahlen in Berlin.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Zunächst wartet ein großer Teil der Wahlberechtigten geduldig. Doch es geht kaum voran. Nach 20 Minuten beschweren sich die ersten in der Schlange, in der mittlerweile mehr als 30 Personen stehen. Eine ältere Dame mit Rollator fragt, ob sie sich setzten dürfe, die anderen lassen sie vor, bis zur Glastür am Eingang des Gebäudes. Der Frust nimmt von Minute zu Minute zu. Nach 30 Minuten verzichten die ersten darauf, ihr Kreuz zu machen, und gehen. Man versuche es später wieder, sagt ein junger Mann.

          Doch auch Stunden später sind die Schlangen nicht kürzer. In der ganzen Stadt wird noch nach 18 Uhr gewählt, weil die Wahllokale den Andrang kaum bewältigen können. Später rechtfertigt sich die Landeswahlleitung, dass dies auch an der hohen Anzahl an Abstimmungen gelegen habe. In der Hauptstadt durften insgesamt sechs Stimmen abgeben werden: zwei zur Wahl des Bundestags, zwei zur Wahl des Abgeordnetenhauses, eine für die Bezirksverordnetenversammlungen und eine für den Volksentscheid „Deutsche Wohnen und Co enteignen“.

          Ein Wachmann will die Menge beruhigen

          Als vor der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule ein Wachmann durch die Reihen läuft und die Menge beruhigen will, gehen weitere Wahlwillige. „Noch etwa 30 Minuten“, sagt der Wachmann sichtlich aufgeregt, viele in der Schlange verdrehen die Augen, schauen auf die Uhr oder ihr Mobiltelefon. In der Schlange steht auch ein junger Gastronom, der einige Straßen weiter ein kleines Restaurant betreibt. Er wird ungeduldig. Eigentlich wollte er nur schnell in seiner Mittagspause wählen, nun wartet er seit 30 Minuten. Mehrmals fragt er zynisch, wer ihm den Ausfall bezahlen soll.

          Weitere zehn Minuten vergehen. Die Schlange bewegt sich – wenn auch langsam. Dann, nach weiteren zehn Minuten, wird plötzlich die Menge aufgeteilt. Alle Wahlberechtigten, die in Wahllokal 414 wählen sollen, dürfen an der Schlange vorbei vor zur Tür gehen. In diesem Wahllokal gäbe es kaum noch Andrang, sagt der Wachmann, während für das Wahllokal 419 weiter angestanden werden müsse.  Weitere fünf Minuten vergehen, bis zumindest die große Glastür erreicht ist, die zur Mensa der Schule führt, wo das Wahllokal aufgebaut wurde.

          Im Wahllokal drängen sich die Leute. Zwei Wahlhelfer nehmen die Personalien auf, kontrollieren den Wahlschein und händigen die fünf Zettel aus. Es gibt nur zwei Wahlkabinen für 1000 Wahlberechtigte. Nur eine Urne steht zur Verfügung. Nach etwa einer Stunde ist endlich die Wahlkabine erreicht. Nach der Stimmabgabe werden alle sechs Zettel in dieselbe Urne geworfen.

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