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Vorbereitungen auf das Undenkbare : Merkels saurer Apfel

Eine Opposition am Rande des Nervenzusammenbruchs: Nicht nur in der Union wird bedauert, dass die Kanzlerin keine eigene Mehrheit hat.

          1 Min.

          Es stimmt natürlich, dass durch die Reihen der Grünen der „Geist der Bevormundung“ weht. Doch darf man schon ein wenig darüber lächeln, dass dies gerade der Vorsitzende der CSU beklagenswert findet. Denn Seehofer ist ja nicht nur der Obervormund seiner eigenen Partei. Nur zwei Tage nach der Bundestagswahl spielt er auch schon den Basta-Onkel der ganzen Union. Er werde keine Gespräche mit den Grünen führen, sagt er, und „damit hat sich das“. Ein Mann, ein Machtwort. So stellt man sich in Teilen der CSU politische Führung vor, die über die Grenzen des Freistaats hinausreicht.

          Aber auch nur in Teilen. Die CSU-Landesgruppenchefin in Berlin, Hasselfeldt, gab sich in der Frage, wie man es mit den Grünen halten solle, weniger apodiktisch, obwohl sie vermutlich wie Seehofer zuerst an eine große Koalition mit der SPD denkt. Doch kluge Frauen lassen den Wunschpartner nicht schon vor Aufnahme der Verhandlungen über den Ehevertrag wissen, dass der andere mögliche Kandidat ein dahergelaufener Haderlump ist, der keinesfalls in Betracht kommt. Oder sollte das nur Seehofers spezielle Art sein, mit der er die CSU auf das Undenkbare vorbereiten will? Derartige Aufwärmübungen lassen sich auch bei den Sozialdemokraten und sogar bei den Grünen beobachten. Letztere machen es Seehofer derzeit wirklich schwer. Kaum findet er die Vergangenheit von Trittin und Beck unerträglich, sind die beiden schon weg.

          Doch bedeuten die Aufräumarbeiten bei den Grünen natürlich noch nicht, dass sie als Mehrheitsbeschaffer bereitstünden, wenn Seehofer seine Meinung änderte, was ja schon vorgekommen sein soll. Auch die SPD hadert damit, erst mit einem miesen Wahlergebnis bestraft worden zu sein und dann auch noch als staatstragender „Steigbügelhalter“ in die Dienste Merkels treten zu müssen. Das Spiel mit dem Gedanken, lieber in der Opposition zu bleiben, soll die Seelenqual des linken Flügels lindern – und gleichzeitig den Preis für den Eintritt in die Regierung hochtreiben. Denn einer wird in den sauren Apfel beißen müssen, den Merkel in der Hand hält. Neuwahlen müssten Grüne und SPD weit mehr fürchten als die Union, auch wenn man von Stimmen im rot-grünen Lager hört, die froh wären, wenn Merkel eine eigene Mehrheit hätte. Die würde den Oppositionsparteien am Rande des Nervenzusammenbruchs vieles ersparen. Doch wie sagte schon Steinbrück: Hätte, hätte, Fahrradkette.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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