https://www.faz.net/-gpf-91ss1

Martin-Schulz-Experiment : Die seltsamste Zeit

Tapfer und würdevoll: Martin Schulz auf einer Kundgebung der SPD in Kassel Bild: Imago

Das Experiment Martin Schulz führte die SPD kurzzeitig in ungeahnte Höhen. Umso schmerzlicher war der Absturz danach. Der Kanzlerkandidat kämpft jetzt darum, nach dem 24. September weiter eine Rolle zu spielen.

          9 Min.

          Hin und wieder sind sie noch zu sehen, die kleinen, rechteckigen Schilder mit der Aufschrift: „London, New York, Paris, Würselen“. Ein, zwei glühende Anhänger im Publikum auf den Kundgebungen des SPD-Kanzlerkandidaten halten sie dann trotzig in die Höhe – in Bremen, in Kiel, in München. Sie wirken wie Devotionalien aus alten, besseren Tagen. Dabei wurden sie erst vor sechs Monaten gedruckt. Für Martin Schulz, der derzeit seine Tournee durch das Land tapfer und würdevoll zu Ende bringt, sind sie Erinnerung an die wohl seltsamste Zeit in seinem politischen Leben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Zu Jahresanfang wurde Schulz unversehens ins Zentrum der politischen Arena plaziert. Nicht dass er es nicht gewollt hätte. Er traute sich das zu, keine Frage. Der scheidende Präsident des EU-Parlaments war gewissermaßen auf Jobsuche. Und er glaubte, erfolgreicher sein zu können als Sigmar Gabriel. Wirklich gerechnet hatte er aber nicht damit, dass sein Freund ihm die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz überlassen würde. Und schon gar nicht hatte er mit dem folgenden Raketenstart gerechnet. Damals wusste er nicht, wie ihm geschah: Das Publikum feierte ihn, er ließ sich fallen und von der Menschenmenge tragen wie ein Rockstar beim Crowdsurfing.

          Demoskopen suchen nach Erklärungen

          Was im Frühjahr des Jahres geschah – der plötzliche Umfragesprung der SPD um zehn Prozentpunkte nach oben – können sich Demoskopen bis heute nicht so richtig erklären. Dabei spielte die Demoskopie bei der Personalentscheidung eine wichtige Rolle; sie gab womöglich den Ausschlag. Gabriel begründete Ende Januar seinen überraschenden Verzicht auch mit dem Potential, das die Wahlsoziologie Schulz zuschrieb. Der folgende Hype, mit dem Gabriel so nun auch wieder nicht gerechnet hatte, war das Beste, was ihm passieren konnte. In jenen Wochen, in denen die SPD sich wie in einem Rausch befand – es muss im März dieses Jahres gewesen sein –, wandte sich Angela Merkel einmal an ihren Vizekanzler und erkundigte sich, wie es ihm denn gehe. War er, ohnehin eine verletzte Seele, ob der „Schulzomanie“ gekränkt? Gabriel wehrte ab und machte auf cool. Deshalb habe er es ja gemacht, deshalb habe er ja Schulz ins Rennen geschickt. So hieß seine Standardantwort in jenen Tagen.

          Auch das Lob für sein selbstloses Beiseitetreten, mit dem er auf dem Berliner Wahlparteitag im selben Monat überhäuft wurde, war Gabriel eher unangenehm. Hannelore Kraft etwa, seinerzeit noch eine Größe in der Partei, sagte, wenn Schulz, mit 100 Prozent zum Vorsitzenden gewählt, am 24. September Bundeskanzler würde, dann sei das auch sein, Gabriels, Sieg. Der Angesprochene blickte indes längst nach vorn. Er gefiel sich in seiner neuen Rolle als Außenminister, die ihm schon bald bisher nie erreichte Beliebtheitswerte verschaffen sollte.

          Schon seinerzeit wurde über Gabriels eigentliche Motive gerätselt. Die Unionsparteien, damals immer noch heftig im Clinch über Flüchtlinge und Obergrenzen, würden Federn lassen, die SPD – motiviert durch die neue Personalaufstellung – dazugewinnen. Im Ergebnis müsste die große Koalition fortgesetzt werden. War das sein Kalkül von Anbeginn? Hatte Gabriel sich bei seinem Verzicht im Januar für diesen Fall etwas von Schulz zusichern lassen? Gab es einen Deal?

          Weitere Themen

          Zweite Chance für Friedrich Merz?

          FAZ Plus Artikel: Kritik an AKK : Zweite Chance für Friedrich Merz?

          Ein Jahr nach der Wahl Kramp-Karrenbauers zur CDU-Vorsitzenden werden ihre Kritiker lauter – vor allem in großen Landesverbänden. Der Weg zur Kanzlerschaft wird immer schwerer. Das könnte nicht nur Merz in die Karten spielen.

          Kurden rufen Assads Soldaten zur Hilfe Video-Seite öffnen

          Syrien : Kurden rufen Assads Soldaten zur Hilfe

          Nach dem Einmarsch Ankaras in den Norden Syriens haben die dortigen Kurden eine Vereinbarung mit der Regierung in Damaskus geschlossen, um gemeinsam gegen die Türken vorzugehen.

          Topmeldungen

          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.
          Thomas Cook macht Bankrott in einer Zeit, in der das Fliegen als unnötige, im Grunde schon unlautere Handlung gilt. Worüber aber wird berichtet? Über die Streichung von Flügen und steckengebliebene Urlauber.

          Politische Willensbildung : Wer hat noch Mut zum Zweifeln?

          Politik ist die Vertretung von Interessen. Aber die werden kaum noch ausgesprochen. Statt Streit zuzulassen, erstickt man ihn meistens schon im Keim. Über einen immer enger werdenden Spielraum.
          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.