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SPD-Krönungsmesse : Wie lange hält der Schulz-Effekt?

Kraftvoll: SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender Martin Schulz Bild: dpa

An diesem Sonntag wird Martin Schulz feierlich zum SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gekürt. Der Hype, den seine Nominierung ausgelöst hat, ist selbst manchem Genossen unheimlich. Doch hält der Schulz-Effekt bis zur Wahl?

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          Wenn sich die Genossen am Sonntag in Berlin zur Krönungsmesse versammeln, um Martin Schulz endlich auch offiziell zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten zu küren, dann werden sie schnell vergessen, dass er neulich nach vielen guten Tagen auch mal einen schlechten hatte. Es war in Würzburg, ein Wahlkampfauftritt wie so viele derzeit, Schulz hatte gerade fertig gesprochen und erwartete frenetischen Jubel. Doch der Applaus plätscherte nur höflich vor sich hin. Also forderte Schulz ein paar Jusos am Bühnenrand dazu auf, doch mal ein bisschen Stimmung zu machen und „Martin, Martin“ zu rufen. Eine Kamera schnitt die Szene mit, sie verbreitete sich schnell im Internet. Für die Union war sie ein gefundenes Fressen, weil sie am Nimbus von Schulz kratzte. Seht Ihr, sagten sie: Der Hype ist nur aufgebauscht, das hält nicht bis zur Wahl. Wirklich nicht?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Die Erfolgsgeschichte, die die SPD seit der Nominierung von Schulz durch Gabriel Mitte Januar erlebt hat, ist beispiellos in ihrer jüngeren Geschichte. Vor Schulz galt sie als ewiger Verlierer, fähig höchstens zu einer Juniorpartnerschaft in einer großen Koalition. Die Sozialdemokraten hatten kein wirkliches Thema, vor allem aber waren sie für den Wähler keine Alternative zur sozialdemokratisierten Merkel-CDU. Mit Schulz hat sich das über Nacht geändert, seither berauschen sich die Genossen an ihrem Höhenflug.

          Unter ihrem bei Wahlvolk und Basis unbeliebten Langzeitvorsitzenden Sigmar Gabriel krebste die SPD in den Umfragen zuletzt bei 20 Prozent herum, an der Untergrenze einer Volkspartei, den Verfolgeratem der rechtspopulistischen AfD im Nacken. Und die Sorge, dass es bei der Bundestagswahl noch weniger werden könnte, bereitete vielen SPD-Funktionären und um ihre Mandate bangenden Abgeordneten schlaflose Nächte.

          Unter Schulz hat sich die SPD binnen Wochen nicht nur wieder in die erste Liga zurückgekämpft, sie hat plötzlich wieder eine echte Machtoption in Berlin. Eine Machtoption, die sie nicht wie 2005 und 2013 in der Rolle des ewigen Juniorpartners einer übermächtigen Merkel-CDU erschöpft, sondern die SPD wie zu den Zeiten von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder wieder zur stolzen und selbstbewussten Kanzler-Partei machen könnte. Und zwar je nach Umfrage in verschiedenen Konstellationen: Rot-Schwarz, Rot-Rot-Grün oder knapp für eine Ampel-Koalition. Eine Phantasie, die Schulz gerne in seinen Motivationsreden in überfüllten Bierzelten befeuert.

          In den letzten Umfragen für den Bund liegt die SPD mit der Union bei 31 Prozent annähernd gleichauf. Und in ihrem für einen Bundestagswahlsieg unverzichtbaren Stammland Nordrhein-Westfalen, wo CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet sich zeitweilig Hoffnung gemacht hatte, hat sie zwei Monate vor der Landtagswahl um fünf Prozentpunkte zugelegt. Mit 40 Prozent in der jüngsten Umfrage ist sie klar stärkste Kraft vor der auf 26 Prozent gefallenen CDU.

          Selbst im Saarland, wo lange ausgemacht schien, dass die allseits beliebte CDU-Ministerpräsidentin und Merkel-Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer am 26. März einen sicheren Sieg einfahren würde und die SPD sich wieder nur als kleiner Partner in der großen Koalition wiederfindet, liegen die Sozialdemokraten mit der CDU gleichauf und könnten derzeit eine rot-rote Landesregierung anführen. Der Schulz-Effekt hat fast alles verändert. Auf einmal gilt die SPD als treibende Kraft. Und die CDU, allen voran die Kanzlerin, steckt plötzlich in der Defensive.

          Mehr Offensivspiel gewünscht

          In der CDU macht sich das Lager um Merkel wie ihre Vertrauten, Fraktionschef Volker Kauder und Generalsekretär Peter Tauber, Mut mit dem Verweis auf frühere SPD-Kanzlerkandidaten. So sei die SPD mit dem von einigen Hamburger Medien in die Kandidatur geschriebenen und gedrängten Peer Steinbrück 2012 auch für wenige Wochen auf Umfragewerte von 30 Prozent hochgeschnellt, um dann bei der Bundestagswahl im September 2013 gedemütigt bei 25 Prozent zu landen, während die CDU mit mehr als 41 Prozent knapp die absolute Mehrheit der Mandate verfehlte.

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