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SPD in der Krise : Warum Martin Schulz scheitert

Schulz findet nicht statt, Gabriel schon

Als Sigmar Gabriel im Januar nach quälend langen Monaten des Wartens endlich einwilligte, Schulz Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz zu überlassen, schien das für den Goslarer eine Niederlage zu sein. Die Partei atmete regelrecht auf, als der bei vielen ungeliebte Gabriel Außenminister wurde – und auch er selbst wirkte in den Monaten danach wie befreit. Mehr noch: Als Außenminister machte er zur Überraschung vieler, die schon das Schlimmste befürchtet hatten, bella figura.

Auch sonst war der Wechsel ins Auswärtige Amt für Gabriel kein Karriereknick, sondern ein Revitalisierungsprogramm – und ein geschickter Schachzug obendrein: Spätestens seit Gabriel in der Türkei-Frage wieder alle diplomatische Zurückhaltung fahren lässt, die er nach seinem Amtsantritt eigentlich Schulz überlassen wollte, übertrumpft er den Kanzlerkandidaten regelmäßig in puncto Attacke und ist dazu noch der Umfragestar der SPD. Damit ist Gabriel auch in den Medien ungleich präsenter als Schulz – was sich nicht zuletzt in der letzten Bundestagsdebatte am Dienstag zeigte, bei der der Außenminister zur besten Sendezeit die Kanzlerin attackierte. Sollte Gabriel Schulz mit dem Argument, ein Regierungsamt sei im Wahlkampf nur hinderlich, davon abgeraten haben, Außenminister und Kanzlerkandidat zugleich zu werden, dann hat er seinen alten Freund gründlich hinters Licht geführt. Und sich selbst eine Ausgangsbasis für die Zeit nach der Wahl verschafft, wie sie so gut schon lange nicht mehr war.

Merkel gegen Schulz : Die wichtigsten Momente des TV-Duells

Schulz ist zu nett

Das Fernsehduell gegen Angela Merkel war bezeichnend: Martin Schulz, von dem die SPD Attacke erwartet, dankte der Kanzlerin nicht nur für manche Antworten, er nahm sogar seinen bislang schärfsten Angriff zurück, Merkel betreibe mit ihrer abwartenden Politik einen „Anschlag auf die Demokratie“. Dass ein Kanzlerkandidat im wichtigsten Aufeinandertreffen vor der Wahl eine solche Attacke vor einem Millionenpolitik quasi revidiert, so etwas gab es noch nicht – und viele Wähler dürften sich in ihrem Urteil bestätigt gefühlt haben, dass Martin Schulz zwar ein netter Kerl sei, aber zu wenig Biss für das Kanzleramt habe. Gerhard Schröder rüttelte seinerzeit am Zaun und schrie: „Ich will hier rein.“ Und Martin Schulz? Lässt sich von der Kanzlerin über den Mund fahren, als er ihr beim Duell ins Wort fallen will – und sagt dazu noch artig Danke. Schulz lasse nicht den unbedingten Willen erkennen, Kanzler zu werden – das kritisieren auch in der SPD viele hinter vorgehaltener Hand. Kann man es ihnen verdenken?

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Schulz verwandelt die Themen nicht

Nach der Nominierung als Kanzlerkandidat brauchte Martin Schulz lange, bis sein Team das Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl präsentierte. Noch schlimmer: Ende Mai verschob die Partei erst kurzfristig die Präsentation des Programmentwurfs, weil die Themen Steuern und Rente – immerhin Kernthemen für das SPD-Thema Soziale Gerechtigkeit – noch nicht fertig waren. Kurz darauf stellte Schulz den halbfertigen Entwurf dann doch vor und lieferte Steuern und Rente später nach – nach einer Vision aus einem Guss wirkte das nicht. Auch sonst ist es Schulz nicht gelungen, wichtige SPD-Kernthemen zu scharfen Waffen gegen Merkel im Wahlkampf zu machen. Der Diesel-Skandal, die Diskussion um ein höheres Renteneintrittsalter, die Finanzminister Schäuble aufgeworfen hatte, die Steuerdebatte – gefühlt fand all das im Wahlkampf kaum statt.

Vor allem hat sich Schulz bei seinen Themen verzettelt. Anders als der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn in Großbritannien, der sich vor der Parlamentswahl ohne große Rücksicht auf Verluste auf einen Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit konzentriert und damit binnen kurzer Zeit einen Rückstand in den Umfragen von mehr als 20 Prozent annähernd aufgeholt hat, war bei Schulz bis zuletzt nicht klar zu sagen, mit welcher Kernbotschaft er nun eigentlich in die Bundestagswahl zieht. Ein klarer Kandidat hat ein klares Thema: Eine solche Botschaft hat Schulz von Anfang an gefehlt.

Selbst wenn sie, wie bei Angela Merkel, nur lautet: Sie kennen mich.

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