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Hochburg im Westerwald : Wo die SPD noch siegen kann

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Hochburg der SPD: Das rheinland-pfälzische Örtchen Kundert Bild: Ullstein

Die SPD erzielt in einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz seit Jahren Wahlergebnisse von sozialistischem Ausmaß. Was können die Sozialdemokraten im Bund dort lernen, um aus dem Umfragetief zu kommen?

          5 Min.

          Es ist nicht einfach, Kundert zu finden. Eine schmale Straße führt bergauf und bergab, um viele Kurven. Hinter dem Nebel liegt in einem Tal das Dorf. Im Backes, der alten Backstube, ist der Ofen noch warm. Die älteren Frauen sind auf dem Weg zur Seniorensportgruppe. Der Handyempfang ist schlecht. Neuigkeiten, so scheint es, kommen in Kundert erst ein bisschen später an. Vielleicht geht es deshalb der SPD hier noch gut.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Den Wahlkampf hätte sich Gabi Weber schließlich auch sparen können. Mit ihrem Mitarbeiter ist die Bundestagsabgeordnete in den Westerwald gekommen. Ihre Heimat, so nennt sie die Gegend hier selbst. Ihr kleiner Kampagnen-Bus steht neben dem Backes, er hat eine rote Umweltplakette, damit wäre sie in die Großstädte gar nicht gekommen. Weber hat Flyer mit ihrem Gesicht darauf dabei. Gewöhnliche Wahlkampfutensilien, in einem ungewöhnlichen Dorf. Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren bekam die SPD in Kundert 62 Prozent. Weber, die Direktkandidatin, holte 71,5 Prozent. Angela Merkel, um sie einmal als Vergleich heranzuziehen, holte in ihrem Wahlkreis 56,2 Prozent. Aber weil Webers Wahlkreis nicht nur aus Kundert besteht, sondern noch aus vielen Orten und Örtchen im Umkreis, gewann sie nicht das Direktmandat. Es gibt Orte in der Umgebung, in denen ist die SPD auch stark. Aber auch solche, in denen die CDU vorne liegt. Kundert ragt heraus. Wie kommt das? An der zahlenmäßigen Stärke des SPD-Ortsvereins kann es nicht liegen. Die SPD in Kundert hat fünf Mitglieder.

          Die Menschen in Kundert haben die SPD nicht vergessen

          Bei der Landtagswahl im März vergangenen Jahres holte Hendrik Hering phänomenale 78,8 Prozent der Stimmen. Seine Partei bei den Zweitstimmen immerhin 72,9 Prozent. Davon kann selbst die CSU vielerorts nur träumen. Hering ist ein prominentes Mitglied der Fraktion im Landtag in Mainz. Er war Fraktionsvorsitzender, und seit der Wahl ist er Landtagspräsident. Er hat Kundert nicht vergessen. Aber warum haben die Menschen in Kundert über all die Jahrzehnte die SPD auch nicht vergessen? Heißt es nicht immer wieder, dass die Bürger zu Wechselwählern geworden seien? Dass alte Parteibindungen nicht mehr viel zählten? Warum schafft die SPD in Kundert das, woran sie sonst an vielen Orten scheitert? Dörfer wie Kundert gibt es überall. Jeder dritte Ort in Deutschland hat weniger als 1000 Einwohner. Können die vielen SPD-Ortsvereine im großen Land etwas von der kleinen Kundert-SPD lernen?

          Die SPD-Bundestagskandidatin Weber kann Hochdeutsch und kundig über die Konflikte Ostasiens sprechen. Das braucht sie heute alles nicht. Heute sagt sie Oarm statt Arm und eisch statt ich. Und wie sie Tomaten in ihrem Garten zieht, das wollen die Leute in Kundert wissen.

          „Wir machen eigentlich nicht so viele politische Veranstaltungen“, sagt Michael Birk. Für einen Ort mit 264 Einwohnern ist das nicht überraschend. Aus dem Munde des örtlichen SPD-Vorsitzenden ist es ziemlich überraschend. Die Kunderter sehen abends in den Nachrichten, wie der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Martin Schulz über soziale Gerechtigkeit spricht und eine Quote für Elektro-Autos fordert. Mit dem Leben in Kundert hat das nicht allzu viel zu tun. „Was man so von Martin Schulz sieht, das ist schon eine andere Welt“, sagt Birk.

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