https://www.faz.net/-gpf-7imbr

SPD-Basis : Das Wir verzweifelt

  • Aktualisiert am

Aussprache über die Bundestagswahlergebnisse im SPD-Ortsverband im schwäbischen Göppingen. Bis die Basis von einer Koalition mit der Union überzeugt ist, muss wohl noch viel „geschwätzt“ werden. Bild: Wresch, Jonas

Die SPD will mit der Union über die Bildung einer Koalition verhandeln. Dann soll die Basis entscheiden, ob das Bündnis zustande kommt. Doch die weiß selbst noch nicht, was sie will. Sozialdemokratische Szenen aus vier Ortsverbänden.

          Ein Antrag ohne Abstimmung in Bonn

          Gabi Mayer ist nervös. Am Mittwochabend sitzt sie im Bistro „Ente“ mitten in Bonn. Gleich soll der „Treffpunkt Sozialdemokratie“ beginnen, ein politischer Stammtisch. Die stellvertretende Vorsitzende der Bonner SPD kann deshalb nicht in ihrem Ortsverein Hardtberg sein, wo gerade eine Mitgliederversammlung läuft. Dort wollen die Genossen die Bundestagswahl auswerten, die nicht schlecht gelaufen ist für die örtliche SPD. Ulrich Kelber ist es wieder gelungen, das Bonner Direktmandat zu holen, obwohl die ehemalige Bundeshauptstadt eigentlich recht bürgerlich ist. Früher war vom „Adenauer-Wahlkreis“ die Rede, weil der erste Bundeskanzler hier fünf Mal hintereinander gewann. Und auch nach ihm wurde jahrzehntelang der CDU-Kandidat gewählt. Am 22. September hieß der Sieger aber schon zum vierten Mal hintereinander Kelber. Es gibt also Grund zur Freude für die Bonner Sozialdemokratie.

          Anlass zur Beunruhigung aber ist für Gabi Mayer, dass ein Genosse im Bezirk Hardtberg just an diesem Abend einen Entschließungsantrag gegen eine große Koalition einbringen möchte. Mayer ist skeptisch. Sie fände es unklug, sich jetzt festzulegen. Und deshalb wäre sie gerne bei den Hardtberger Parteifreunden. „Aber gut. Wo auch immer Sozialdemokraten derzeit zusammenkommen, gibt es ja sowieso kein anderes Thema“, sagt sie.

          Auch in den nächsten Monaten wird das so sein. Nachdem die SPD entschieden hat, mit der Union über die Bildung einer Koalition zu verhandeln, ist auch klar: Am Ende soll die SPD-Basis abstimmen, ob sie auch zustande kommt. Ob Deutschland von Union und SPD regiert wird - oder eben nicht. Die Basis muss entscheiden. Und weiß doch selbst noch nicht, was sie will.

          In der „Ente“ setzen sich die ersten Genossen an die vier zusammengeschobenen Tischchen mit den zwei flackernden roten Kerzen. Philip Stühler-Walter ist ganz neu dabei. Erst am Tag nach der Bundestagswahl ist er in die SPD eingetreten, weil er seiner sozialdemokratischen Seele endlich eine Heimat geben musste, wie er sagt. Eigentlich wollte er schon viel früher Genosse werden, aber dann kam ihm Gerhard Schröder mit der Agenda- und Basta-Politik dazwischen. „Jetzt ist die SPD wieder sozialdemokratisch“, glaubt der Anwalt für Arbeitsrecht. Er ist strikt gegen ein Bündnis mit der Union. „Aber austreten würde ich wegen einer großen Koalition nicht wieder.“

          Die politische Karriere von Burkhard Muschner begann in der Bonner Republik. Seit 1971 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten. In Bonn und später in Berlin diente der Sozialdemokrat als Pressesprecher der Hamburger Landesvertretung - sogar in der Zeit von Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Auch in seinem schönsten Ehrenamt als Organisator der Bundestagsabgeordneten-Fußballer hat Muschner intensive Erfahrungen beim parteiübergreifenden Zusammenwirken gesammelt. Aber gegen eine große Koalition ist Muschner trotzdem. „Ginge es nach mir, sollte sich die SPD noch nicht einmal auf Gespräche einlassen.“ Die schönste, beste, segensreichste Phase sei für ihn die Zeit der sozialliberalen Koalition mit den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt gewesen. Am anderen Ende des Tisches sitzen zwei Jung-Genossen, beide Anfang 20. Sie lauschen, wie ihr 71 Jahre alter Genosse Joachim Köhler von einer Koalition aus einem anderen Jahrtausend erzählt. „Mein letztes tolles Ereignis mit der SPD war am 8. Mai 1988“, sagt Köhler. Er war früher persönlicher Referent von Björn Engholm. Am 8. Mai 1988 kam die SPD mit Engholm an der Spitze in Schleswig-Holstein auf 54,8 Prozent der Stimmen. Zum Thema große Koalition sagt Köhler nichts. Im Hintergrund plätschert halblaut die Lounge-Musik vor sich hin.

          Weitere Themen

          Und der Verlierer ist…

          Streit um von der Leyen : Und der Verlierer ist…

          Für die SPD ist die Lage vertrackt: Entweder sie verrät eigene Überzeugungen oder hat eine Verfassungskrise in Europa zu verantworten. Die CDU kann davon nur profitieren und erhöht weiter den Druck auf die Genossen.

          „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“ Video-Seite öffnen

          Repräsentantenhaus gegen Trump : „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“

          Präsident Donald Trump hat auf Twitter vier Parlamentarierinnen geraten, sie sollten „dahin zurückgehen, wo sie herkamen, und helfen, diese total kaputten und kriminalitätsverseuchten Orte wieder in Ordnung zu bringen“. Das hat einen Sturm der Empörung unter den Demokraten und vielen Bürgern ausgelöst.

          Hipster, ab aufs Land!

          FAZ Plus Artikel: Strukturwandel : Hipster, ab aufs Land!

          Die Bundesregierung will benachteiligten Regionen helfen: mit Geld und schnellem Internet. Dass sich dort mittlerweile bizarrerweise Pendlerströme umkehren, kann man mit diesen Mitteln aber nicht beheben. Denn oft geht es um ein Lebensgefühl.

          Topmeldungen

          Nachfolge für von der Leyen : Eine Überraschung namens AKK

          Noch am Dienstag waren sich in Berlin alle sicher, den Nachfolger Ursula von der Leyens im Verteidigungsministerium zu kennen: Jens Spahn. Doch ein Telefonat zwischen Kanzlerin und CDU-Vorsitzender änderte alles.

          Made in Space : Eine Fabrik im Weltraum

          Die Vereinigten Staaten wollen zurück zum Mond. Dabei sollen private Unternehmen helfen. Ein Partner der Raumfahrtbehörde Nasa ist auf 3D-Druck im All spezialisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.