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Kommentar : Schiffbruch mit Tiger

Merkels Herausforderer: Martin Schulz Bild: dpa

Mit der Kanzler-Nominierung von Martin Schulz ist der SPD eine Sensation gelungen. Mit einem Mal wirkt Kanzlerin Merkel durchaus bezwingbar. Vor allem Sigmar Gabriel profitiert von dieser Entwicklung.

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          Sigmar Gabriel hat sehr plausible Gründe für die Rochade mit Martin Schulz genannt. Aber: mehr Zeit für die Familie? Ein erfahrener Politiker weiß, dass man die als Außenminister schwerlich bekommt. Gabriels eigentliche Rechnung hat vielleicht eher damit zu tun, dass er ein Überlebenskünstler ist. Er hat sich schon aus den verzwicktesten Positionen befreit. Also: Bleibt Merkel Kanzlerin, bleibt Gabriel Außenminister – und die Welt liegt ihm zu Füßen, Deutschland irgendwann womöglich wieder eingeschlossen. Wird Schulz Kanzler, bleibt Gabriel Minister – und mit einer Portion Glück vielleicht sogar im Außenamt. Schulz zumindest wäre ihm zu Dank verpflichtet.

          Mit seinem Schritt hat Gabriel zugleich den Pfropfen aus einer Flasche gezogen, in der es mächtig gärte. Der Propfen war er selbst - weil ihm in der eigenen Partei nicht zugetraut wurde, dass er die Kanzlerin besiegen könne. Nun hat Martin Schulz innerhalb einer einzigen Woche in den Umfragen Merkels Werte übertroffen. Die SPD hat bei der Sonntagsfrage deutlich zugelegt. Gäbe es eine Direktwahl ins Kanzleramt, wären – laut Infratest dimap – 50 Prozent der Befragten für Martin Schulz, aber nur 34 für Angela Merkel.

          So ist binnen Tagen sichtbar geworden, was vorher fast undenkbar schien: Merkel kann verlieren. Die zuletzt nahezu mürrische Selbstgewissheit der Union, ihre Kanzlerin sei und bleibe alternativlos, gehört nach nur einer Woche Schulz schon der Vergangenheit an. Damals, vor zwei Wochen, glaubte man noch ausrechnen zu können, dass eine Union, die doppelt so fett im Futter steht wie die nächsten beiden Parteien, sich ihre Koalitionspartner aussuchen kann. Und natürlich weiter die Kanzlerin stellen wird. Das wollen CDU und CSU an diesem Sonntag auf ihrer Klausur denn auch gewissermaßen beschließen – erst vor einigen Tagen hat Horst Seehofer sich und seinem Landesvorstand endlich abgerungen, bei der Bundestagswahl für die eigene Kanzlerin eintreten zu wollen. Und das sagt eigentlich schon alles.

          Der Schulz-Effekt

          Löst man sich nämlich aus den Kulissen scheinbar festgefügter Erwartungen und richtet den Blick aus der Distanz auf die Union und ihre Kanzlerin, dann sieht man bei ihr wenigstens so viel Anlass zur Sorge wie bei der SPD zur Hoffnung. Martin Schulz ist ein beliebter Politiker, er kann Menschen für sich einnehmen, auch über Parteigrenzen hinweg. Er ist intelligent, ungewöhnlich gebildet sowie politisch erfolgreich und erfahren. Er spielt als Trumpfkarte aus, dass ihn mit der Mehrheit der Wähler verbindet, was hochmütige Widersacher ihm vorwerfen: dass er kein Abitur hat, es im Leben nicht immer leicht hatte, dass er sich mit solidarischer Hilfe aus Schwierigkeiten gekämpft hat.

          Und dennoch ist der Schulz-Effekt zunächst einmal ein Gabriel-Effekt. Gabriel nämlich hat die Figur aus dem Spiel genommen, die Merkel unbesiegbar scheinen ließ: sich selbst. Indem er die Bahn für Schulz frei machte, hat er einen anderen Blick auf Merkel freigegeben: auf eine Kanzlerin, der von ihrer eigenen Partei und aus ihrem eigenen politischen Lager über anderthalb Jahre straflos härtester Widerstand entgegengesetzt wurde. Früher galt sie mal als gefährlich. Angeblich pflasterten die Leichen ihrer Gegner ihren politischen Weg. Horst Seehofer hat diesen Ruf zerstört. Keine noch so große Demonstration von Einigkeit der Schwesterparteien im Wahljahr kann das ungeschehen machen. So wenig wie Merkel ungeschehen machen kann, dass sie seinerzeit Horst Seehofer nicht in ihre Entscheidung eingebunden hat, die Flüchtlinge ins Land zu lassen – und der damit auch seine Loyalität entfesselte. Schiffbruch mit Tiger.

          Lädierte Kanzlerin

          Wichtiger als Furcht und Schrecken, die ein Machthaber verbreitet, ist in der Demokratie allerdings der Nimbus von Erfolg, ja Fortune. Damit war Merkel ins Wahljahr 2013 gegangen, mit einer Politik von Maß und Mitte, die Vertrauen einflößte. Doch in der sogenannten „Flüchtlingspolitik“ hat sie wichtige Ziele nicht erreicht: Die Westbalkan-Route wurde gegen ihr Votum verzäunt, die Verteilung der Flüchtlinge in Europa findet nicht statt, das Abkommen mit Erdogan funktioniert zwar, findet aber kaum irgendwo Akzeptanz und trägt der Kanzlerin obendrein immer wieder den (ungerechten) Vorwurf ein, sie deale mit Diktatoren. Die Menschlichkeit ihrer einsamen Entscheidung vom September 2015 verschafft ihr nach wie vor Anerkennung, ja Bewunderung – doch anscheinend weniger im eigenen als im politischen Lager des Gegners.

          All das lässt die Kanzlerin inzwischen etwas lädiert erscheinen. Immer noch ein politisches Schwergewicht, aber angeschlagen. Und die Schwesterparteien ein zerstrittener Haufen, der sich, wenn es gutgeht, vielleicht gerade mal bis zum Wahltag zusammenreißt. Eine derart ungemütliche Konstellation begünstigt gewöhnlich den politischen Wechsel. Beispiele dafür bieten die Jahre 1982, 1998 und 2005. Das Jahr 2017 bringt freilich noch andere, in ihrer Wirkung unvorhersehbare Faktoren ins Spiel.

          Volker Zastrow

          Correspondent at large.

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