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SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

Kämpferisch bis zum Schluss: Martin Schulz in Aachen Bild: AFP

Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.

          Am Samstagnachmittag dauert es auf dem Katschhof in Aachen eine Weile, bis Martin Schulz wieder seinen schönen Würselen-Witz macht. Es ist die letzte Kundgebung vor der Bundestagswahl, die Schulz auf dem zentralen Aachener Platz zwischen Dom und Rathaus abhält. Schon Ende Januar, als sich der Überraschungskanzlerkandidat offiziell der SPD-Fraktion im Bundestag vorstellte, hatte Schulz diesen Gag gemacht: „Ich komme aus Würselen, der Stadt, in deren Schatten sich Aachen gut entwickelt hat.“ Schulz nutzte diesen Witz seither gern, um seinen Zuhörern zu vermitteln: Hier steht einer vor euch, der ist ganz schön selbstbewusst, aber der hat trotzdem nicht vergessen, wo er herkommt und was die Menschen an der Basis bewegt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          In selbst von Genossen nicht mehr für möglich gehaltene Umfragehöhen hatte der frühere EU-Parlamentspräsident die SPD in den Wochen nach seiner Nominierung geführt: Auf 31 Prozent, einmal gar auf 33 Prozent kamen die Sozialdemokraten. Längst aber ist die SPD wieder auf ernüchterndes Niveau irgendwo zwischen 22 und 24 Prozent herabgesunken. Seit Wochen schon kämpft Schulz gegen die Resignation in den eigenen Reihen an.

          Schulz warnt vor „Regierung der sozialen Kälte“

          An diesem sonnigen Samstag aber hat Schulz in Aachen noch einmal viele jubelbereite Anhänger mobilisiert. Immer wieder stehen sie während seiner Rede auf, halten ihre Transparente mit Aufschriften wie „Jetzt Kanzler“ oder „Paris – New York – Würselen“ hoch. Auch ein paar unverdrossene Jusos sind da. Sie haben ihre T-Shirts übergezogen mit den aufgedruckten Stationen des sogenannten Schulz-Zugs, der erst im Kanzleramt zum stehen kommen sollte. Es ist das Wahlkampfmaterial aus einer Zeit als Schulz „Kult“ war. Lichtjahre scheint das her sein.

          Endspurt: Schulz vor jubelnden Anhängern auf dem Aachener Katschhof

          Am Samstag will Schulz seine Kampagne auf heimischen Terrain mit Anstand zu Ende bringen, er will retten, was für die SPD noch zu retten ist. Es gelte nun zu verhindern, dass eine „Regierung der sozialen Kälte“ ans Ruder komme, warnt Schulz auf dem Katschhof. Das Land müsse zusammengehalten werden. „Es brodelt unter der Decke.“ Von seinem Anspruch, Kanzler zu werden, spricht der Kandidat in Aachen zunächst nicht.

          Welch‘ ein Vergleich zum Beginn des Jahres. Damals schien Schulz ein Raketenstart zu gelingen. Wo Schulz auch auftrat, das Publikum feierte ihn frenetisch. Weil Sigmar Gabriel, anders als auch von den Spitzengenossen erwartet, nicht selbst als sozialdemokratischer Spitzenkandidat antreten wollte, musste die längst auf ihn zugeschnittene SPD-Kampagne in aller Eile auf Schulz umgemodelt werden. Der allererste Termin auf Schulz‘ eilig zusammengestellter Deutschland-Tour führte ihn wie nun der letzte Termin am Samstag nach Nordrhein-Westfalen. Im „Mondpalast“, einem Volkstheater in Herne mitten im Ruhrgebiet, trat Kandidat Schulz Anfang Februar erstmals auf. „Die SPD hat den Anspruch, stärkste Partei zu werden. Ich habe den Anspruch Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden“, rief Schulz damals. Es klang verwegen, aber bei den Genossen wirkte es: endlich wieder einmal einer an der Spitze der Bundes-SPD, der ans Gewinnen glaubt. Die Genossen störte damals noch nicht einmal, dass Schulz, der kein brillianter Redner ist, den Saal gar nicht „rockte“.

          Monatelanger Schulz-Hype

          So ging es im Grunde bei allen seinen Auftritten in jenen ersten Wochen. Wo Schulz sprach, waren Sozialdemokraten wieder stolz, Sozialdemokraten zu sein. Schulz schien ein sagenhaftes Perpetuum mobile in Gang gesetzt zu haben: Wir legen in den Umfragen zu, weil wir wieder an den Sieg glauben. Und weil wir wieder an den Sieg glauben, legen wir in den Umfragen zu. Landauf, landab berauschten sich die Genossen an ihrem Rausch, merkte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung damals kritisch an.

          Andere Medien ließen sich dagegen mitreißen vom angeblich immer tollere Fahrt aufnehmenden Schulz-Zug. „Die SPD feiert derzeit ein Comeback, das die deutsche Politik noch nie erlebt hat“, hieß es Anfang März etwa in der „Zeit“. Die lange an der 20-Prozent-Marke festgetackerte Sozialdemokratie stehe plötzlich so quicklebendig da „wie Lazarus nach einer Frischzellenkur, die SPD schießt in den Umfragen an CDU und CSU vorbei und der Mann mit Halbglatze an der Frau mit Raute“. Während die verblüffte Union in Schockstarre verharre, rücke für die Sozialdemokratie das Kanzleramt in Reichweite. Sogar Abbitte glaubte die „Zeit“ damals leisten zu müssen: Zu den Pflichten von Berichterstatter gehöre es, nicht nur zu schreiben, wie sich eine Partei präsentiert, sondern auch, was in ihr steckt. Es gehe nicht nur um die aktuelle Form, sondern auch um das grundlegende Potential. „Dieses Potential des Sozialdemokratischen übersahen die Berichterstatter, auch Autoren dieser Zeitung“, so die „Zeit“.

          Böses Erwachen bei Landtagswahlen

          In der Partei hatten manche freilich längst klare Vorstellung von Schulz‘ Potential: „Gottkanzler“ nannten sie ihn. So gesehen war es ganz selbstverständlich, dass Schulz Mitte März mit einem göttlichem Ergebnis als Nachfolger von Sigmar Gabriel zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt wurde. Er bekam 100 Prozent der Stimmen. Es war der Gipfel der sozialdemokratischen Autosuggestion. Der erste Tiefschlag war die Landtagswahl im Saarland. Dort hatte die SPD unter dem Eindruck des vermeintlichen Schulz-Schubs in Umfragen so zugelegt, dass sich eine rot-rot-grüne Machtoption jenseits der CDU-geführten großen Koalition zu eröffnen schien. Dass Schulz der Linkspartei offen Avancen machte, war ein schwerer Fehler. Denn so mobilisierte er weit ins eigene Lager hinein für die CDU, die die Wahl dann klar für sich entscheiden konnte. Der zweite Tiefschlag war der Verlust der Macht in Schleswig-Holstein Anfang Mai.

          Erinnerung an bessere Tage: Martin Schulz wird Ende Januar von Parteianhängern im Willy-Brandt-Haus in Berlin frenetisch bejubelt.

          Eine noch schlimmere Niederlage folgte eine Woche später in Schulz‘ Heimatverband. Nach sieben Jahren wurde die rot-grüne Regierung von Hannelore Kraft (SPD) krachend abgewählt. Danach nahm Kraft alle Schuld auf sich. Sie sei es gewesen, die darum gebeten habe, dass sich Schulz weitgehend aus ihrem Wahlkampf heraushalte. Mit Landesthemen wollte Kraft punkten. Dabei wäre es besser gewesen, die SPD hätte aus dem NRW-Wahlkampf eine kleine Bundestagswahl gemacht – damit hätte sie einerseits von den vielen rot-grünen Defiziten im Land ablenken können, andererseits hätte sich Schulz mit Themen wie Rente, gute Arbeit, soziale Gerechtigkeit und Europa richtig warmlaufen können für den Herbst.

          Dringend angewiesen wäre Schulz auf ein Landtagswahl-Ergebnis seiner Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland gewesen, das man als Schub für ihn hätte interpretieren können. So aber geriet die Schulz-Kampagne nach dem NRW-Debakel der SPD endgültig aus dem Tritt. Gleich darauf ging es auch bei der Bundestagswahl-Sonntagsfrage wieder bergab für die Sozialdemokraten. Schon seit geraumer Zeit befinden sie sich in den Umfragen nun wieder im Vor-Schulz-Tief. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Partei am Sonntag sogar die niedrigen 23 Prozent, die der damalige Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier holte, unterbietet.

          Schulz gibt sich weiter kämpferisch

          Zuletzt klammerte man sich bei der SPD noch an die Erwartung, dass es auf das TV-Duell mit Kanzlerin Merkel ankomme. Das Rennen werde sowieso erst in den letzten Wochen entschieden. Aber anders als Steinmeier 2009 und Peer Steinbrück 2013, die dann trotzdem gegen Merkel keine Chance hatten, verlor Schulz das Duell, weil es ihm nicht gelang, Merkel inhaltlich herauszufordern und Unterschiede deutlich zu machen. Es war kein Duell, es war ein Duett.

          Hätte sich Schulz doch nur so kämpferisch gegeben wie am Samstag auf dem Aachener Katschhof. Angela Merkel stehe für Lethargie und Stillstand, ruft er seinen Anhängern zu. „Sie will die Vergangenheit verwalten, ich die Zukunft gestalten.“ Merkel sei die Weltmeisterin des Ungefähren. Immer lasse sich alle Hintertürchen auf und betreibe Demobilisierung durch Verweigerung der Debatte. Ziemlich resigniert klingt Schulz dabei – um dann seinen zwischenzeitlich relativierten Vorwurf nun doch noch einmal kraftvoll über den Katschof schallen zu lassen: „Ich bleibe dabei: Das schadet der Demokratie.“

          Monatelang ist Schulz durch Deutschland getourt. Seit Wochen absolvierte er in der Regel zwei Kundgebungen pro Tag. Stets sagte er den Satz: „Wenn ich Bundeskanzler bin.“ Wahlkämpfer müssen sich unverdrossen geben. Am Samstag hat Schulz seinen aufreibenden Tour-Kalender abgearbeitet. Und bei diesem letzten Auftritt dauert es lange, bis er den Kanzler-Satz wiederholt. „Egal, was morgen herauskommt: Es war ein großer, wundervoller Wahlkampf“, sagt er stattdessen zunächst. Er kämpfe nicht für sich, für Zahlen oder für Meinungsforscher, sagt Schulz offenbar in Anspielung auf die erste wenige Stunden alte, besonders ernüchternde Umfrage, wonach die SPD ihr historisches Tief von 2009 noch einmal unterbieten und nur noch auf 21,5 Prozent kommen soll. „Ich kämpfe für meine Prinzipien, dafür dass es gerechter zugeht in Deutschland, für ein starkes Europa“. Seine Anhänger auf dem Aachener Katschhof jubeln dankbar. Dann erst sagt Schulz: „Dafür will ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“

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