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SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

Monatelanger Schulz-Hype

So ging es im Grunde bei allen seinen Auftritten in jenen ersten Wochen. Wo Schulz sprach, waren Sozialdemokraten wieder stolz, Sozialdemokraten zu sein. Schulz schien ein sagenhaftes Perpetuum mobile in Gang gesetzt zu haben: Wir legen in den Umfragen zu, weil wir wieder an den Sieg glauben. Und weil wir wieder an den Sieg glauben, legen wir in den Umfragen zu. Landauf, landab berauschten sich die Genossen an ihrem Rausch, merkte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung damals kritisch an.

Andere Medien ließen sich dagegen mitreißen vom angeblich immer tollere Fahrt aufnehmenden Schulz-Zug. „Die SPD feiert derzeit ein Comeback, das die deutsche Politik noch nie erlebt hat“, hieß es Anfang März etwa in der „Zeit“. Die lange an der 20-Prozent-Marke festgetackerte Sozialdemokratie stehe plötzlich so quicklebendig da „wie Lazarus nach einer Frischzellenkur, die SPD schießt in den Umfragen an CDU und CSU vorbei und der Mann mit Halbglatze an der Frau mit Raute“. Während die verblüffte Union in Schockstarre verharre, rücke für die Sozialdemokratie das Kanzleramt in Reichweite. Sogar Abbitte glaubte die „Zeit“ damals leisten zu müssen: Zu den Pflichten von Berichterstatter gehöre es, nicht nur zu schreiben, wie sich eine Partei präsentiert, sondern auch, was in ihr steckt. Es gehe nicht nur um die aktuelle Form, sondern auch um das grundlegende Potential. „Dieses Potential des Sozialdemokratischen übersahen die Berichterstatter, auch Autoren dieser Zeitung“, so die „Zeit“.

Böses Erwachen bei Landtagswahlen

In der Partei hatten manche freilich längst klare Vorstellung von Schulz‘ Potential: „Gottkanzler“ nannten sie ihn. So gesehen war es ganz selbstverständlich, dass Schulz Mitte März mit einem göttlichem Ergebnis als Nachfolger von Sigmar Gabriel zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt wurde. Er bekam 100 Prozent der Stimmen. Es war der Gipfel der sozialdemokratischen Autosuggestion. Der erste Tiefschlag war die Landtagswahl im Saarland. Dort hatte die SPD unter dem Eindruck des vermeintlichen Schulz-Schubs in Umfragen so zugelegt, dass sich eine rot-rot-grüne Machtoption jenseits der CDU-geführten großen Koalition zu eröffnen schien. Dass Schulz der Linkspartei offen Avancen machte, war ein schwerer Fehler. Denn so mobilisierte er weit ins eigene Lager hinein für die CDU, die die Wahl dann klar für sich entscheiden konnte. Der zweite Tiefschlag war der Verlust der Macht in Schleswig-Holstein Anfang Mai.

Erinnerung an bessere Tage: Martin Schulz wird Ende Januar von Parteianhängern im Willy-Brandt-Haus in Berlin frenetisch bejubelt.

Eine noch schlimmere Niederlage folgte eine Woche später in Schulz‘ Heimatverband. Nach sieben Jahren wurde die rot-grüne Regierung von Hannelore Kraft (SPD) krachend abgewählt. Danach nahm Kraft alle Schuld auf sich. Sie sei es gewesen, die darum gebeten habe, dass sich Schulz weitgehend aus ihrem Wahlkampf heraushalte. Mit Landesthemen wollte Kraft punkten. Dabei wäre es besser gewesen, die SPD hätte aus dem NRW-Wahlkampf eine kleine Bundestagswahl gemacht – damit hätte sie einerseits von den vielen rot-grünen Defiziten im Land ablenken können, andererseits hätte sich Schulz mit Themen wie Rente, gute Arbeit, soziale Gerechtigkeit und Europa richtig warmlaufen können für den Herbst.

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