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Deutschland vor der Wahl : Beim Poesiewettbewerb

  • -Aktualisiert am

Bei den Poetry Slammern in Mainz: Das Publikum ist gespannt. Bild: Aziza Kasumov

„Die Polkappen schmelzen, halb Europa wählt rechts“: Der Poetry Slam in Mainz ist politisch – und das meist links. So wird nicht nur die AfD kritisiert, sondern auch die Frauenquote beim Schach. Aus der neuen FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“.

          Diese Veranstaltung hat einen Bildungsauftrag – und der lautet Liebe“, sagt Ken Yamamoto mit gehauchter Stimme in sein Mikrofon. Das Publikum schmilzt dahin, besonders, weil es so unglaublich klebrig-schwül ist an diesem Mittwochabend in Mainz. Ein bisschen Liebe könnten alle gebrauchen, schließlich sei der Ton rauher geworden auf der Welt – zum Beispiel wegen Donald Trumps früheren Kommunikationsdirektors Anthony Scaramucci – und das spüre man auch auf der Bühne im Eulchen Schlossbiergarten, sagt Yamamoto.

          Gemeinsam mit dem Sozialpädagogen Jens Jekewitz, der Filzlocken trägt und ein bedrucktes T-Shirt, moderiert Yamamoto den „Poetry Slam“, einen Poesiewettbewerb. Nicht wie sonst treten die „Poetry Slammer“ in zwei Runden gegeneinander an. Stattdessen betreten an diesem Abend abwechselnd Sänger und Dichter die Bühne. Am Ende bewerten fünf zu Beginn aus dem Publikum auserkorene Juroren das Gesagte und Gesungene auf einer Skala von eins („Bitte suchen Sie sich eine andere Freizeitbeschäftigung“) bis zehn (Hier verwenden die Juroren zur Lobpreisung ein Zitat Scaramuccis über das Geschlechtsteil des Präsidentenberaters Stephen Bannon).

          Der Ton ist tatsächlich rauher geworden. „Poetry Slams“ sind ein Spiegel des Alltags, die „Slammer“ verarbeiten in ihren Texten alles, was ihnen vor die Nase und auf den Block kommt. Das reicht von Pornografie über Zehn-Finger-Tipp-Kurse bis hin zum Feminismus. Die „Slammer“ und ihr Publikum sind relativ jung, viele zwanzig oder dreißig Jahre alt. In den Texten geht es folglich nicht um Rente oder Altersarmut. Stattdessen wird vor allem der Aufstieg der AfD oft thematisiert. Vielleicht auch, weil AfD und Pegida eine verlässliche Steilvorlage bieten und die „Slammer“-Szene tendenziell dem sozialdemokratischen bis linken Milieu zuzuordnen ist. Yamamoto selbst ist als „Slammer“ schon bei Reden von Frank-Walter Steinmeier (SPD) während dessen Zeit im Außenministerium aufgetreten und arbeitet gerade an einem Auftritt vor einer Rede von Sigmar Gabriel – obwohl er selbst, wie er sagt, eigentlich „linker als links“ ist.

          Politisiert durch das Thema Flüchtlinge

          „Slam ist relativ politisch geworden,“ sagt auch Jey Jey Glünderling, einer der „Slammer“ an diesem Abend. Auslöser dieser Politisierung war nicht zwangsweise die nahende Bundestagswahl – vielmehr ist es das Thema Flüchtlinge gewesen, und das daraus erwachsene Bedürfnis, sich dem Thema aus einer eigenen Perspektive anzunehmen. In Mainz waren die Flüchtlinge gleichwohl nur eine Randnotiz wert, stattdessen ging es um jene, die „Frauen Mäuschen und Männer Volksverräter“ nennen. Letztere Aussage stammt übrigens von Finn Holitzka und wurde im Gesamtwerk mit einer üppigen Punktewertung belohnt.

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          Man könne, sagt Yamamoto, natürlich auch als AfD-Mitglied auf der Bühne auftreten. „Aber man würde wahrscheinlich ausgebuht werden.“ Wieso? „Es ist künstlerisch eine relative Selbstverständlichkeit, kein Nazi zu sein und zu glauben, dass Frauen Menschen sind,“ sagt Andivalent, ein „Slammer“ mit Künstlernamen aus Mannheim. Er trägt verwuschelte Haare, ein schlabberiges Shirt und die Zigarette im Mund. Sein erster Beitrag am Abend ist ein Plädoyer für mehr Optimismus trotz einer düsteren Weltlage: „Die Polkappen schmelzen, halb Europa wählt rechts, und das iPhone 7 hat keinen Kopfhörerzugang mehr.“ Aber zu wissen, dass die Menschen „scheiße“ seien, das sei wenigstens auch ein Erkenntnisgewinn. Das Publikum lacht – und das an diesem Abend bei nahezu jedem politischen Witz, ob er auf Kosten von Putins „Männerbrüsten“ oder der Frauenquote bei Schachfiguren geht – die beträgt übrigens nur 6,2 Prozent.

          Für unsere FAZ.NET-Serie haben wir uns in der Republik umgehört – wie geht es den Menschen in der Uckermark, in Oberbayern oder in Düren? Klicken Sie auf die Karte, um zu erfahren, was die Deutschen vor der Bundestagswahl bewegt.

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          Bei aller Gesellschaftskritik darf eines nicht fehlen: der unausgesprochene Hinweis, das gesprochene Wort cum grano salis zu verstehen, mit einem Korn Salz wie die alten Römer sagten, also als Satire. So können auch rechte Positionen aufgegriffen werden, etwa wenn „Slammer“ zur Verteidigung der deutschen Außengrenzen aufrufen. Ernst gemeint ist das nicht. „Da würde das Publikum nicht mitgehen,“ sagt Glünderling. „Aber Satire soll Grenzen überschreiten.“ Die Lippen hat er sich nach seinem Auftritt übrigens rot angemalt, mit dem hässlichsten Ton, den er im Drogeriemarkt finden konnte. Zweck des Schauspiels: Ein Kussmund ist auch eine sehr persönliche Art der Buchsignierung.

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