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Hype um SPD-Kanzlerkandidaten : Martin!

  • -Aktualisiert am

Schulz und Ich: „Dann meine „Vorwärts“. Ich sage: „Für Friederike, bitte“. Schulz schreibt, hält inne, fragt mich: „Vorne i, e oder ie?“ Ich bin schon wieder gerührt!“ Bild: Frank Röth

Wie kommt man in den Schulz-Rausch? Ich versuche es so: Schulz sehen, Autogramm holen, in Ohnmacht fallen. Ein Selbstversuch.

          6 Min.

          Seit Wochen wird über Martin Schulz gesprochen und geschrieben, als sei er eine Droge. Und ich darf sie ausprobieren! Jeden Tag habe ich in der Redaktion davon geträumt: Schulz sehen! Aber nicht mit dem Notizblock am Rand stehen und Jusos fragen, wie die Stimmung ist. Ich geh ja auch nicht in die Kneipe und frage dann nur, ob das Bier schmeckt. Ich will den Schulz-Rausch selbst erleben! Jetzt hat mein Chef es erlaubt, eigentlich sogar selbst vorgeschlagen, wohl, weil er mein Sehnen erkannte. Unter zwei Bedingungen darf ich fahren: Ich soll ein Autogramm holen. Und wenigstens einmal kurz besinnungslos werden. Ich verspreche, mein Möglichstes zu tun.

          Geschehen soll es in Kamen. Dort in der Stadthalle. Am Sonntagmorgen um zehn. Kamen liegt in Nordrhein-Westfalen, ist für sein Autobahnkreuz berühmt und, was damit zusammenhängt, nicht für seine Zuganbindung. Ich will aber, wegen Rausch, nicht Auto fahren. Also reise ich am Samstagabend schon nach Köln, um da mit Schulz-Videos und Liedern vorzuglühen. Am nächsten Morgen dann weiter nach Kamen. Ich hasse es, früh aufzustehen, denke aber an Willy Brandts Worte: „Ich muss immer ein bisschen müde sein, um etwas Gutes machen zu können.“ Also sehr müde, um etwas sehr Gutes machen zu können.

          Ein Lied für Martin Schulz

          In Köln gehe ich abends in ein Brauhaus. An der Theke schaue ich ein Youtube-Video, das ich schon im Büro manchmal heimlich angesehen habe. Allerdings immer nur eine Stelle. Das Video ist von 2014. Martin Schulz sitzt im Auto mit einem Fernsehmoderator. Der reicht Schulz ein iPad: „Ich habe Ihnen ein Karnevalslied mitgebracht.“ Es ist von den Bläck Fööss und heißt „En unserem Veedel“. Der Text besagt, dass die Leute in einem Stadtviertel zusammenhalten. Martin Schulz spielt das Lied ab und singt laut mit. An der Bar schauen jetzt ein paar Männer anerkennend rüber; ist das schon der Schulz-Effekt? Ich habe Schulz’ Gesang sehr laut abspielen müssen, denn im Brauhaus ist es auch sehr laut. „Martin Schulz!“, sage ich, schon leicht angeschulzt, zu zwei Männern neben mir. Die lachen. Warum, ist mir schleierhaft. Vielleicht schämen sie sich ihrer Gefühle. Als Schulz fertig gesungen hat, fragt ihn der Moderator, ob er ein Gemütsmensch sei: „Ja! Ja, da könnt ich heulen.“ Auch ich bin gerührt. Dann noch mal gerührt von meiner Rührung. Die Droge Schulz, falls sie denn berauscht, rauscht warm. Bier ist nichts dagegen. Die Kölsch-Gläser der Männer leuchten wie Gaslaternen am Beginn einer kalten Nacht, in der mancher erfrieren wird. Ich gehe in mein Hotel.

          Am nächsten Morgen stehe ich um sechs auf. Während ich mich ankleide, spiele ich auf meinem Handy ein Lied ab: das „Schulzzuglied“ der Gruppe „Schulzenbrothers“. Es wurde extra für Martin Schulz geschrieben. Ich will es so oft mitsingen, bis ich alle drei Strophen auswendig kann. Die Melodie des Steigermarsches erklingt, dann eine Männerstimme: „Glück auf, Glück auf! Der Schulzzug rollt! Und er hat keine Bremsen, fährt mit voller Kraft, und er hat keine Bremsen, fährt mit voller Kraft ins Kaaaanz-laaa-a-ha-hamt, ins Kaaanz-laaa-aaamt!“ Ich finde meinen Gesang inbrünstig, voller Gefühl. Viermal, fünfmal habe ich die Strophen durch, da hämmert jemand an die Tür. Es dröhnt, denn die Tür ist sehr dünn. Die Wände sind es leider auch. Ich habe ein Billighotel gebucht; meine niedrigen Reisekosten sollen meinen Chef milde stimmen, falls das mit dem Besinnungsloswerden nicht klappt. Vom Flur brüllt einer heiser: „Geht auch bisschen leiser, wa!“ Ich will ihn einladen, mitzusingen, doch als ich öffne, ist der Flur leer.

          Selfie mit einer lebensgroße Pappfigur

          Im Zug denke ich an Schulz. Nichts Spezielles, nur oft hintereinander das Wort „Schulz“. Wenn man oft genug „Schulz“ denkt, denkt man irgendwann „Schutz“. Vor der Stadthalle in Kamen hat die AfD einen Stand aufgebaut. Ich nähere mich skeptisch, denn ich will mir den Rausch nicht auf den letzten Metern vermiesen lassen. Ein AfD-Mann bietet mir ein Brötchen an, in dem eine Wurst klemmt. Dazu deutet er auf ein Plakat: „Martin hat auf Schampus Durst, Guido bleibt bei Brot und Wurst.“ Offenbar eine Gemeinheit gegen Schulz, der doch gar keinen Alkohol trinkt. Ich verzichte auf die Wurst und frage, wer Guido sei. Der AfD-Mann verleiht seiner Stimme einen missbilligenden Klang: „Wenn Sie das nicht wissen, haben Sie, sage ich mal, keine Ahnung von Politik.“ Es handele sich um einen lokalen AfD-Politiker. Als ich nicht ohne Stolz einwende, dass ich von weit her, aus Hessen, angereist sei, großes Staunen: „Extra für Schulz?“ Ja. Der Mann gesteht: „Schulz ist der Einzige in der SPD, der kein Langweiler ist.“ Somit eine Gefahr für die AfD. Deshalb steht sie hier.

          Drinnen treffe ich auf eine lebensgroße Pappfigur von Martin Schulz. Sofort mache ich ein Selfie. Ein gepiercter Mann im Jackett bietet an, mich mit dem Pappschulz zu fotografieren. Er reicht mir einen roten Bilderrahmen, den ich um unsere Gesichter halte. Aus der unteren Ecke führt eine Sprechblase zu meinem Mund: „Zeit für Martin“. Auf dem Foto zeigt Schulz leuchtend weiße Zähne, ich lächele verlegen. Aber, wie ich meine, auch froh. Unter dem Pulli trage ich, zusammengerollt in den Hosenbund gesteckt, das SPD-Magazin „Vorwärts“. Hab ich aus der Redaktion mitgenommen. Titelbild ist Schulz. Er soll sein Autogramm da draufschreiben. Meine Tasche musste ich abgeben, und weil ich die Hände zum Klatschen brauche, trage ich das Magazin nun wie eine geheime Pistole. Es drückt, aber egal.

          „Kein Mensch, kein Tier, Martin Schulz ist hier“

          Um das Rednerpult steht ein Halbkreis aus vielen Papphockern. Für die Jusos. Aber bestimmt auch für mich. In der ersten Reihe sind noch Plätze frei. Ich setze mich direkt vors Pult. Hinter mir ertönt eine zarte Stimme: „Kannst du dich vielleicht eins weiter nach links setzen? Ich sehe nichts mehr.“ Ein Juso, Typ kleiner Bruder, lächelt mich schüchtern an. Gern tue ich ihm den Gefallen, lade ihn und seinen Freund aber ein, zu mir in die erste Reihe aufzurücken. Tatsächlich! Sie kommen. Mein Nachbar links ist ein liebenswürdiger Gesamtschüler, ebenfalls Juso. Er erzählt mir von seinen Mitschülern. Fast keiner wolle im Herbst wählen gehen. Er, der Juso, rede auf sie ein: „Geht wählen, erst mal egal, was!“ Ich finde das sehr anständig. Das sage ich ihm auch. Er freut sich. Ich bin schon wieder gerührt.

          Auf dem Boden liegen braune Pappen, daneben Eddings. Ich schlage dem Gesamtschüler vor, gemeinsam ein Schulz-Plakat zu malen. Sein Blick verrät Zustimmung, aber auch Nachdenklichkeit. Die zwei aus der zweiten Reihe wollen mitmachen. „Aber was schreiben wir drauf?“ Ich schlage vor: „Martin, Martin!“ Simpel und gut. Den Jungs ist das aber zu simpel. Sie wollen „JETZT IST SCHULZ!“, das hat sich schon bewährt auf früheren Schulz-Plakaten. Die Jungs fürchten, ihre Handschrift versaue das Plakat. Also schreibe ich. Meine Idee, dem „U“ unten einen schulzigen Vollbart zu malen, kommt an: „Sehr geil!“ Auch andere haben gute Plakate: „Kein Mensch, kein Tier, Martin Schulz ist hier“, „Martin we want you!!!“, „Ich und mein Schulz“. Geduldig ertragen wir das Vorprogramm. Lokale SPD-Größen blühen im Glanze dieses Schulzes.

          Ein Hoch auf die Pressefreiheit

          Dann kommt er! Zusammen mit Hannelore Kraft. Wir sehen ihn noch gar nicht, aber die Kameramänner und Fotografen rennen in eine Richtung. Aus der schiebt sich sodann ein Menschenknoten auf uns zu. Wir sind aufgesprungen und rufen, ohne dass uns jemand auffordern müsste: „Martin, Martin, Martin!“ Mir fällt es ganz leicht. Ich freue mich, dass sich alle so freuen. Martin Schulz freut sich auch. Er winkt uns und setzt sich zu uns auf einen Papphocker. Direkt neben ihm sitzt ein Schwarzer mit Hut. Der Hut ist mit Pailletten bestickt: oben schwarz, dann rot, dann gold. Der Mann freut sich so sehr, dass Schulz neben ihm sitzt, dass er die Blinklichter in der Sohle seiner Turnschuhe einschaltet. Lightshow für Schulz! Wir klatschen stürmisch. Es fühlt sich merkwürdig und gut an, so wie eine WG-Party, auf der schon um acht alle tanzen. Dann spricht Hannelore Kraft. Aber nicht lange.

          „Martin, Martin, Martin!“ Er lacht, nickt uns zu, lacht. „Martin!“ Ich rufe, so laut ich kann. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, in Ohnmacht zu fallen. Geht aber nicht. Ich war noch nie ohnmächtig, nicht mal bei Michael Jackson. Außerdem hab ich Angst, dass sie mich raustragen. Dann kriege ich vielleicht kein Autogramm. Martin Schulz spricht eindringlich und schaut mich dabei oft an. Glaube ich. Vielleicht schaut er auch alle gleichzeitig an, so wie die Mona Lisa. Schulz lobt die Pressefreiheit und dass es gut sei, dass Journalisten auch Sachen über ihn, Schulz, schrieben, die ihm nicht gefielen; die „heute-Show“ habe ihn zum Beispiel „Martin Schnulz“ genannt, weil er so schnulzig daherrede. Schulz lacht, wir lachen mit. Lachen statt zetern macht cool.

          Der Kater nach dem Schulz

          Schulz schildert einen Vorfall, der sich eben vor der Halle zugetragen habe. Jemand von der AfD habe dem Schwarzen mit dem schwarz-rot-goldenen Hut zugerufen: „Nimm den Hut ab, das sind nicht deine Farben!“ Schulz sieht sehr wütend aus, wir rufen: Buh! Und meinen es auch so. Schulz ist berühmt für seinen Ärger über Fremdenfeinde. Einmal hat er im Europaparlament einen Abgeordneten des Saales verwiesen, weil der etwas Rassistisches gesagt hatte. Darüber gibt es jetzt auch schon ein Lied, zur Melodie von „Ghostbusters“.

          Martin Schulz lobt das Plakat „Ich und mein Schulz“. Er macht Witze über seinen Bart und sein Abitur, das er nicht hat. Sein Fazit: „Der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik hat kein Abitur und nen Bart, also!“ Er lacht! Wir lachen! Unsere Gesichter leuchten wie Kong-Ming-Laternen, die in den Himmel aufsteigen wollen. Ich bin jetzt schulzmäßig sehr gut drauf.

          Nach einer Stunde ist Schluss. Erhitzt stürze ich schulzwärts. Jetzt oder nie das Autogramm. Andere sind schneller. Schulz schreibt Schulz in rote Parteibücher. Dann meine „Vorwärts“. Ich sage: „Für Friederike, bitte“. Schulz schreibt, hält inne, fragt mich: „Vorne i, e oder ie?“ Ich bin schon wieder gerührt! Langsam wird mir meine Rührung aber unheimlich. Es ist wie beim Trinken, wenn man ahnt, dass der Kater schlimm wird. Dann ist Schulz fort. Ich rede kurz mit dem Deutschlandhut-Mann. Er sagt, der AfD-Spruch sei bei ihm „da rein, da raus“ gegangen. Eine blonde Frau stellt sich zu uns. Sie wirkt enthusiasmiert, berichtet aber, sie sei bestürzt. Gleich darauf fragt sie den Mann, ob sie ihn umarmen dürfe. Ich schaue weg. Bald fährt mein Zug. Dann leichtes Kopfweh.

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