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Hype um SPD-Kanzlerkandidaten : Martin!

  • -Aktualisiert am

Ein Hoch auf die Pressefreiheit

Dann kommt er! Zusammen mit Hannelore Kraft. Wir sehen ihn noch gar nicht, aber die Kameramänner und Fotografen rennen in eine Richtung. Aus der schiebt sich sodann ein Menschenknoten auf uns zu. Wir sind aufgesprungen und rufen, ohne dass uns jemand auffordern müsste: „Martin, Martin, Martin!“ Mir fällt es ganz leicht. Ich freue mich, dass sich alle so freuen. Martin Schulz freut sich auch. Er winkt uns und setzt sich zu uns auf einen Papphocker. Direkt neben ihm sitzt ein Schwarzer mit Hut. Der Hut ist mit Pailletten bestickt: oben schwarz, dann rot, dann gold. Der Mann freut sich so sehr, dass Schulz neben ihm sitzt, dass er die Blinklichter in der Sohle seiner Turnschuhe einschaltet. Lightshow für Schulz! Wir klatschen stürmisch. Es fühlt sich merkwürdig und gut an, so wie eine WG-Party, auf der schon um acht alle tanzen. Dann spricht Hannelore Kraft. Aber nicht lange.

„Martin, Martin, Martin!“ Er lacht, nickt uns zu, lacht. „Martin!“ Ich rufe, so laut ich kann. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, in Ohnmacht zu fallen. Geht aber nicht. Ich war noch nie ohnmächtig, nicht mal bei Michael Jackson. Außerdem hab ich Angst, dass sie mich raustragen. Dann kriege ich vielleicht kein Autogramm. Martin Schulz spricht eindringlich und schaut mich dabei oft an. Glaube ich. Vielleicht schaut er auch alle gleichzeitig an, so wie die Mona Lisa. Schulz lobt die Pressefreiheit und dass es gut sei, dass Journalisten auch Sachen über ihn, Schulz, schrieben, die ihm nicht gefielen; die „heute-Show“ habe ihn zum Beispiel „Martin Schnulz“ genannt, weil er so schnulzig daherrede. Schulz lacht, wir lachen mit. Lachen statt zetern macht cool.

Der Kater nach dem Schulz

Schulz schildert einen Vorfall, der sich eben vor der Halle zugetragen habe. Jemand von der AfD habe dem Schwarzen mit dem schwarz-rot-goldenen Hut zugerufen: „Nimm den Hut ab, das sind nicht deine Farben!“ Schulz sieht sehr wütend aus, wir rufen: Buh! Und meinen es auch so. Schulz ist berühmt für seinen Ärger über Fremdenfeinde. Einmal hat er im Europaparlament einen Abgeordneten des Saales verwiesen, weil der etwas Rassistisches gesagt hatte. Darüber gibt es jetzt auch schon ein Lied, zur Melodie von „Ghostbusters“.

Martin Schulz lobt das Plakat „Ich und mein Schulz“. Er macht Witze über seinen Bart und sein Abitur, das er nicht hat. Sein Fazit: „Der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik hat kein Abitur und nen Bart, also!“ Er lacht! Wir lachen! Unsere Gesichter leuchten wie Kong-Ming-Laternen, die in den Himmel aufsteigen wollen. Ich bin jetzt schulzmäßig sehr gut drauf.

Nach einer Stunde ist Schluss. Erhitzt stürze ich schulzwärts. Jetzt oder nie das Autogramm. Andere sind schneller. Schulz schreibt Schulz in rote Parteibücher. Dann meine „Vorwärts“. Ich sage: „Für Friederike, bitte“. Schulz schreibt, hält inne, fragt mich: „Vorne i, e oder ie?“ Ich bin schon wieder gerührt! Langsam wird mir meine Rührung aber unheimlich. Es ist wie beim Trinken, wenn man ahnt, dass der Kater schlimm wird. Dann ist Schulz fort. Ich rede kurz mit dem Deutschlandhut-Mann. Er sagt, der AfD-Spruch sei bei ihm „da rein, da raus“ gegangen. Eine blonde Frau stellt sich zu uns. Sie wirkt enthusiasmiert, berichtet aber, sie sei bestürzt. Gleich darauf fragt sie den Mann, ob sie ihn umarmen dürfe. Ich schaue weg. Bald fährt mein Zug. Dann leichtes Kopfweh.

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