https://www.faz.net/-hpp-8w15a

Hype um SPD-Kanzlerkandidaten : Martin!

  • -Aktualisiert am

Selfie mit einer lebensgroße Pappfigur

Im Zug denke ich an Schulz. Nichts Spezielles, nur oft hintereinander das Wort „Schulz“. Wenn man oft genug „Schulz“ denkt, denkt man irgendwann „Schutz“. Vor der Stadthalle in Kamen hat die AfD einen Stand aufgebaut. Ich nähere mich skeptisch, denn ich will mir den Rausch nicht auf den letzten Metern vermiesen lassen. Ein AfD-Mann bietet mir ein Brötchen an, in dem eine Wurst klemmt. Dazu deutet er auf ein Plakat: „Martin hat auf Schampus Durst, Guido bleibt bei Brot und Wurst.“ Offenbar eine Gemeinheit gegen Schulz, der doch gar keinen Alkohol trinkt. Ich verzichte auf die Wurst und frage, wer Guido sei. Der AfD-Mann verleiht seiner Stimme einen missbilligenden Klang: „Wenn Sie das nicht wissen, haben Sie, sage ich mal, keine Ahnung von Politik.“ Es handele sich um einen lokalen AfD-Politiker. Als ich nicht ohne Stolz einwende, dass ich von weit her, aus Hessen, angereist sei, großes Staunen: „Extra für Schulz?“ Ja. Der Mann gesteht: „Schulz ist der Einzige in der SPD, der kein Langweiler ist.“ Somit eine Gefahr für die AfD. Deshalb steht sie hier.

Drinnen treffe ich auf eine lebensgroße Pappfigur von Martin Schulz. Sofort mache ich ein Selfie. Ein gepiercter Mann im Jackett bietet an, mich mit dem Pappschulz zu fotografieren. Er reicht mir einen roten Bilderrahmen, den ich um unsere Gesichter halte. Aus der unteren Ecke führt eine Sprechblase zu meinem Mund: „Zeit für Martin“. Auf dem Foto zeigt Schulz leuchtend weiße Zähne, ich lächele verlegen. Aber, wie ich meine, auch froh. Unter dem Pulli trage ich, zusammengerollt in den Hosenbund gesteckt, das SPD-Magazin „Vorwärts“. Hab ich aus der Redaktion mitgenommen. Titelbild ist Schulz. Er soll sein Autogramm da draufschreiben. Meine Tasche musste ich abgeben, und weil ich die Hände zum Klatschen brauche, trage ich das Magazin nun wie eine geheime Pistole. Es drückt, aber egal.

„Kein Mensch, kein Tier, Martin Schulz ist hier“

Um das Rednerpult steht ein Halbkreis aus vielen Papphockern. Für die Jusos. Aber bestimmt auch für mich. In der ersten Reihe sind noch Plätze frei. Ich setze mich direkt vors Pult. Hinter mir ertönt eine zarte Stimme: „Kannst du dich vielleicht eins weiter nach links setzen? Ich sehe nichts mehr.“ Ein Juso, Typ kleiner Bruder, lächelt mich schüchtern an. Gern tue ich ihm den Gefallen, lade ihn und seinen Freund aber ein, zu mir in die erste Reihe aufzurücken. Tatsächlich! Sie kommen. Mein Nachbar links ist ein liebenswürdiger Gesamtschüler, ebenfalls Juso. Er erzählt mir von seinen Mitschülern. Fast keiner wolle im Herbst wählen gehen. Er, der Juso, rede auf sie ein: „Geht wählen, erst mal egal, was!“ Ich finde das sehr anständig. Das sage ich ihm auch. Er freut sich. Ich bin schon wieder gerührt.

Auf dem Boden liegen braune Pappen, daneben Eddings. Ich schlage dem Gesamtschüler vor, gemeinsam ein Schulz-Plakat zu malen. Sein Blick verrät Zustimmung, aber auch Nachdenklichkeit. Die zwei aus der zweiten Reihe wollen mitmachen. „Aber was schreiben wir drauf?“ Ich schlage vor: „Martin, Martin!“ Simpel und gut. Den Jungs ist das aber zu simpel. Sie wollen „JETZT IST SCHULZ!“, das hat sich schon bewährt auf früheren Schulz-Plakaten. Die Jungs fürchten, ihre Handschrift versaue das Plakat. Also schreibe ich. Meine Idee, dem „U“ unten einen schulzigen Vollbart zu malen, kommt an: „Sehr geil!“ Auch andere haben gute Plakate: „Kein Mensch, kein Tier, Martin Schulz ist hier“, „Martin we want you!!!“, „Ich und mein Schulz“. Geduldig ertragen wir das Vorprogramm. Lokale SPD-Größen blühen im Glanze dieses Schulzes.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sollen die SPD zu neuen Höhen führen: Norbert Walter-Borjans (links) und Saskia Esken, hier mit der kommissarischen Parteivorsitzenden Malu Dreyer

Parteitags-Chat : Wie hält’s die SPD mit der Groko?

Wohin steuern die designierten Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans? +++ Stehen sie zur Koalition mit CDU und CSU? +++ Können sie die Partei versöhnen? +++ Verfolgen Sie die Reden des neuen SPD-Führungsduos im Parteitags-Chat der F.A.Z.
Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“
Erinnert ein wenig an einen Fernsehturm: Der Baum auf dem Weihnachtsmarkt in Vilnius.

Europas Weihnachtsbaum-Contest : O Tannenbaum!

Der Weihnachtsbaum ist auch nicht mehr, was er einmal war. Verstößt er gegen die ökologische Correctness? Soll eine Attrappe aus Plastik her? Wenigstens wissen wir, wo Europas angeblich schönster Christbaum steht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.