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CSU im Wahlkampf : Seehofers Wahlkampflüftchen

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Größere Vorräte an Weißbier

Niemand kann Horst Seehofer vorwerfen, nicht für taktische Innovationen offen zu sein. Nach der Bundestagswahl 2013 gab sich die CSU überraschend bescheiden und griff in Berlin nicht nach einem der klassischen Ministerien in der Bundesregierung. Die Ressorts Innen, Außen, Finanzen, Wirtschaft, Verteidigung wurden CDU und SPD überlassen, aus einem einfachen Grund: Seehofer wollte keine CSU-Vizekönige in Berlin. Er glaubte, sein Mobiltelefon mit der eingespeicherten Nummer der Kanzlerin reiche, um den Einfluss der CSU in Berlin zu wahren. Doch dieser Glaube wurde stark erschüttert, als Flüchtlinge in großer Zahl über die deutschen Grenzen kamen – und die CSU nur zuschauen konnte.

„Die Situation von 2015 darf sich nicht wiederholen“ – diese Aussage im Wahlprogramm lässt sich im Falle Seehofers sehr persönlich interpretieren. Mit einem Bundesinnenminister Herrmann wäre nicht nur der Informationsfluss von Berlin nach München garantiert; es würde auch ein Entscheidungsstrang von München nach Berlin gezogen. In früheren Jahren war ein Wechsel Herrmanns nach Berlin daran gescheitert, dass der Franke sich mit einem Dasein als Expat in Berlin nicht anfreunden konnte. Jetzt hat er sich seinem Schicksal ergeben, auch wenn er in Erding über örtliche Verkehrsvorhaben in einer Ausführlichkeit spricht, als wolle er als Landrat kandidieren. An diesem Nachmittag drängt sich der Verdacht auf, dass Herrmann als Erdinger Landrat möglicherweise glücklicher wäre als in einem Berliner Ministerium, auch wenn dort größere Vorräte von Erdinger Weißbier angelegt würden.

Mit gutem Beispiel voran

In großen – und kleinen – Dramen fällt oft Nebendarstellern der Part zu, die Wahrheit auszusprechen. In Erding ist der CSU-Oberbürgermeister Max Gotz begeistert, dass er Herrmann „im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs“ begrüßen kann. Herrlicher könnte nicht auf den Punkt gebracht werden, dass die CSU die Wähler nicht groß damit verschrecken will, dass es nur noch wenige Tage bis zum Tag der Entscheidung sind. Oder einige Unverbesserliche, die es auch in Erding geben soll, darauf stoßen will, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, als sein Kreuz bei der CSU zu machen.

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Der oberste CSU-Wahlkämpfer geht mit gutem Beispiel voran: Seehofer übertreibt es in diesem Wahlkampf nicht mit großen Kundgebungen. Wer wollte es einem 68 Jahre alten Parteipatriarchen auch verdenken, dass es ihn nicht auf die Marktplätze und in die Bierzelte drängt, auch wenn er ein Pflichtminimum absolviert. Stattdessen widmet Seehofer einen ganzen Vormittag der Kommunalpolitischen Vereinigung der CSU, die in der Münchner Parteizentrale tagt – und die den großen Vorsitzenden dafür feiert, dass er „Milliardensummen purzeln“ lasse – in die kommunalen Kassen, versteht sich.

Seehofer lässt gleich zu Beginn seiner Rede wissen, dass niemand bestreiten könne, dass es Bayern „verdammt gutgeht“ – im Saal ist naturgemäß niemand, der solche finsteren Absichten hegt. Es folgt die Feststellung, dass es der CSU auch gutgeht – das Wörtchen verdammt fehlt dieses Mal. Sie sei in Umfragen stärker als andere Parteien zusammen. Wie zur Illustration fährt während dieser Worte ein Lieferwagen mit einem Plakat des bayerischen FDP-Spitzenkandidaten Daniel Föst vor der Parteizentrale der CSU auf und ab. Föst selbst tummelt sich auch vor der CSU-Tür, doch niemand hat ein Erbarmen mit ihm und bittet ihn auf eine Butterbrezen herein, die es bei der Kommunalpolitischen Vereinigung reichlich gibt, ohne Obolus.

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