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Sommerpressekonferenz : Politik ohne Zirkus

Ein Lächeln auf den Lippen: Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Bundespressekonferenz Bild: Matthias Lüdecke

Angela Merkel ist eine Wahlkämpferin, die ohne Säbelrasseln und große Diffamierungen in die Arena einzieht. Kritiker werfen ihr das oft vor. Zu Recht? Ein Kommentar.

          Manchmal hat es den Anschein, von Politik werde im Wahlkampf erwartet, sie verwandle sich in medienwirksamen Zirkus. Da müssen Kunststücke vollführt werden, muss es Lichtkegel und Trommelwirbel geben, und – Tusch! – wieder hat sich ein Kandidat im Löwenkäfig um Kopf und Kragen gepeitscht. Nichts gegen Akrobatik, Dompteure und Trapezkünstler: Wenn sie nicht gerade Schlachtrosse sind wie Gerhard Schröder oder Helmut Kohl, wirken Politiker, wenn es nicht ihrem Stil entspricht, leider oft wie Clowns. Nur sind sie nicht zum Lachen. Auch von Angela Merkel wird seit Jahren erwartet, dass sie im Wahlkampf, eingezwängt in ein tarnfarbenes Kanzlerkostüm, Messerwurf auf ihre Gegner veranstaltet. Allein, sie kann es nicht, sie will es nicht, es ist nicht ihre Art. Also lässt sie es.

          Ist das so schlimm? Ist das langweilig? Ist das „asymmetrische Demobilisierung“? Ist es Einlullerei? Ist es „Entpolitisierung“? Auch am Dienstag lagen diese Worte wohl etlichen Journalisten auf der Zunge, als sie der „Sommer-Pressekonferenz“ der Kanzlerin in Berlin lauschten oder beiwohnten. Merkel war nichts Neues zu entlocken (was hätte das auch sein sollen?), und das Alte trug sie vor, wie eine Politikerin es vorträgt, der beständig vorgehalten wird, sie müsse mehr erklären, aber wenn sie es dann tut, vorgehalten wird, sie wirke so emotionslos und nüchtern, so abgehoben und alternativlos. „Das ist für mich Wahlkampf“, sagte Merkel trotzig. Es war nicht das erste Mal, dass sie dabei in die Augen politischer Journalisten schaute, als wolle sie sagen: Ja, haben Sie denn immer noch nicht begriffen, was Politik eigentlich ist und worum es dabei geht?

          Viele Bürger denken vielleicht genauso. Selbst oder gerade diejenigen, die ihr Fehler anlasten oder sie dabei ertappen, dass sie sich auf eine nur Merkel eigene Weise um sie herum in die Zukunft redet. Energiewende, Bundeswehr, Eurorettung, Migration – ohne Fehler ist Merkel nach drei Kabinetten wahrlich nicht. Warum aber trauen die Leute ihr dann das vierte zu, Martin Schulz aber nicht einmal das erste?

          Für Merkel war das am Anfang auch so. Je länger sie regiert, desto mehr von der Erfahrung wird ihr gutgeschrieben, die Schulz nicht hat, nicht haben kann. Diese Abwägung bedient Merkel durch ungespielte Ruhe. Das hat nichts mit Einlullen oder „asymmetrischer Demobilisierung“ zu tun, schon gar nichts mit „Entpolitisierung“. Das ist Politik ohne Zirkus.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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