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Schwache Zahlen : Die unsichere Ernte der Grünen

Schwarz-Grünes Wunschdenken: Die Spitzenkandidaten Göring- Eckardt und Özdemir am Wochenende in Berlin Bild: dpa

Vor vier Jahren lehnten die Grünen eine Koalition mit der Union ab. Nun würden sie gerne, doch es sieht schlecht aus. Die aktuellen Prognosen sprechen gegen Jamaika.

          Im grünen Saisonkalender ist der September noch ein sehr guter Erntemonat. Bis auf Erbsen bleiben alle frischen Gemüsesorten im Angebot, nur beim Obst sieht es dünner aus: Erdbeeren, Johannisbeeren und Aprikosen sind alle. Selbstverständlich gilt das bloß für die einheimischen Erzeugnisse: „Saisonal und Regional“ lautet aber das Gebot über der Früchtetabelle im DIN-A4-Format, die die Grünen an ihren Wahlwerbe-Ständen verteilen. Das also ist aus dem Veggie-Day geworden, jener Wahlkampfempfehlung aus dem Herbst vor vier Jahren, die gemeint war als Aufruf, den Fleischkonsum deutscher Verbraucher zu reduzieren, die aber von vielen Wählern als Bevormundungsprügel empfunden wurde.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Dieses Mal stellen es die Grünen dezenter an und umständlicher, um ihre Botschaft für gesunde Ernährung zu verbreiten. Sie zeigen auf ihrem Faltblatt anhand kleiner bunter Symbole, wann Salat, Spargel und Kirschen reif sind, und verschieben die Belehrung ins Kleingedruckte: Dort heißt es dann warnend, „die vermeintliche Freiheit“, rund ums Jahr fast alle frischen Lebensmittel im Supermarkt kaufen zu können, „kommt uns teuer zu stehen“. Damit „machen wir uns abhängig von Exporten, schaden dem Klima mit immensen Treibhausemissionen .... und essen am Ende Obst und Gemüse, das nicht mehr richtig schmeckt und kaum noch Vitamine hat nach seiner Reise um die Welt“.

          „Auf ein Feierabendbier mit Cem“

          Für die Grünen ist dieser Ernteherbst der Bundestagswahl ein Novum: Erstmals haben sie ihr Feld weitgehend allein bestellt; ohne sich fest zu binden an den Gutsherrn SPD und dessen größere Maschinen und Mähdrescher. Und während sie ihr eigenes Feld betrachten, kurz vor der Mahd, bleiben die Vorhersagen eher bewölkt und regnerisch: acht Prozent lautet die Durchschnittszahl, welche die Prognosefirmen für die Grünen in diesen Tagen ausgeben. Das ist zu wenig für die beiden grünen Spitzenbauern, die schon oft gesagt haben, sie arbeiteten auf ein „zweistelliges Ergebnis“ hin.

          Beide, Katrin Göring-Eckardt wie Cem Özdemir, touren in diesen letzten Tagen vor dem Erntedatum häufig durch den Südwesten Deutschlands, jene Gegend, in der ihr Weizen letzthin am schönsten blühte. Auf dem Berliner Platz in Ludwigshafen, einer zugigen Fussgängerverbindung zwischen S-Bahnhof und Straßenbahnknotenpunkt, wirbt am Mittwochnachmittag ein grüner Sonnenschirm um Aufmerksamkeit. „Auf ein Feierabendbier mit Cem“, heißt die Einladung an die hastenden Passanten. Eine Handvoll Obdachlose mit mehr Zeit macht es sich an den zwei Biertischen bequem, die der Grünen-Kreisverband vor dem Mikrofon aufgeschlagen hat – offenkundig selbst vorsichtig in der Einschätzung der zu erwartenden Neugierigen an diesem Ort zu dieser Zeit.

          Allein mit Schäuble

          Am Ende stehen doch drei Dutzend Zuhörer um den Gast aus Berlin herum, als der anfängt zu sprechen. Eine der vom Bier angezogenen Gestalten bringt auf seinem Rollator rasch noch drei Flaschen Tannenzäpfle-Pils in Sicherheit. Özdemir beginnt mit dem Bier: wie wichtig sauberes Wasser für das Bierbrauen sei (die Handvoll sitzender Zuhörer nickt bedächtig) und wie teuer die steigende Güllebelastung aus der Landwirtschaft für das Trinkwasser werde. Dann kommen die gefährdeten Bienen dran, die Singvögel, die Kohlekraftwerke, der Diesel-Skandal. Schließlich nimmt Özdemir sein Publikum auf den beiden Bierbänken in den Blick, spricht über Ermunterung für Langzeitarbeitslose, erntet auch ein „Jawoll“ dabei und endet mit der Aussicht auf die eigene politische Ernte. Sein Erfolgsziel lautet „Schwarz-Grün“.

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