https://www.faz.net/-hpp-91yqd

Friedrichshain-Kreuzberg : Grünes Schlachtfeld

  • -Aktualisiert am

Kreuzberg pur: Hans-Christian Ströbele und Canan Bayram auf einer Demo für nazifreies Berlin (Archiv). Bild: DAVIDS

Im ur-grünen Berliner Bezirk will Canan Bayram das Direktmandat von Ströbele verteidigen. Für die Grünen hätte das symbolischen Wert, doch Bezirk und Partei liegen oft im Clinch. Wie tickt Friedrichshain-Kreuzberg?

          4 Min.

          Wer etwas über Friedrichshain-Kreuzberg erfahren will, beginnt am besten vor Gericht. Ein Raum in mintgrünem Neunziger-Jahre-Chic, unbequeme Stühle. Der Polizist am Eingang bekommt schon die Krise, wenn man nur nach dem Verfahren fragt. Jaja, Rigaer Straße, Klage gegen polizeiliche Maßnahmen. Typisch Friedrichshain. Der Junge, der später vor dem Richter sitzt, erzählt, wie er – gerade 15 – im Januar vergangenen Jahres eine Stunde ausharren musste, während er und seine Freunde von der Polizei durchsucht wurden. Sie waren auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier. „Es ging um szenetypisches Aussehen“, sagt ein Zeuge von der Polizist. Es sei damals eine schwierige Zeit gewesen, viele Straftaten rund um die Rigaer Straße, Angriffe auf Polizisten, Verletzte. Die Kinder hätten Rücksäcke dabei gehabt, in einer Gruppe gestanden und seien dunkel gekleidet gewesen. „Das ist in dem Kiez fast jeder“, sagt Canan Bayram und sieht empört aus.

          Tatjana Heid
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Die Rechtsanwältin mit türkischen Wurzeln lebt in Friedrichshain, ist seit elf Jahren direkt gewählte Abgeordnete des Berliner Parlaments und will Hans-Christian Ströbele beerben – indem sie das grüne Direktmandat in Friedrichshain-Kreuzberg verteidigt. An einem Freitag kurz vor der Wahl sitzt sie zwischen den Zuschauern des Verfahrens – blaue Hose, dunkelgrüne Strickjacke, apfelgrüne Windjacke – und notiert Namen und Aktenzeichen. Sie kennt die Mutter einer Klägerin. Die wollte, dass Bayram kommt. Die 51 Jahre alte Grünen-Politikerin wird oft gerufen, wenn im Kiez was los ist. Dann stellt sie sich zu einer Minderjährigen, die Probleme mit der Polizei hat, weil sie sich nicht ausweisen kann. Oder sie redet mit einer Gruppe Sudanesen, von denen einer eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzt – aber leider nicht verstanden hat wieso. „Mein Kiez ist mein Dorf“, sagt Bayram.

          Dieses Dorf ist jener Bezirk, an den alle denken, wenn sie das von der AfD beschworene Feindbild vom linksgrün versifften Gutmenschen bemühen. Friedrichshain-Kreuzberg, das sind das ökologisch bewusste Kreuzberg und das linke Friedrichshain, in dem es immer wieder zu Ausschreitungen kommt – etwa im Juni, als Vermummte in der Rigaer Straße Autos anzündeten. Friedrichshain-Kreuzberg, das ist Fair-Trade-Kaffee und Gras, Bergmannstraße und Kottbusser Tor. Seit 2006 hat der Bezirk einen grünen Bürgermeister, seit 2002 stellt er das einzige grüne Direktmandat.

          Bayram stößt auf Widerstand

          Es ist wichtig für die Partei, dass es in grüner Hand bleibt. Einerseits. Andererseits stößt Bayram auf Widerstand: zu links, zu erststimmig, immer ein wenig neben der Parteilinie. Und dann würde sie auch noch Renate Künast aus dem Bundestag werfen, die durch das Direktmandat auf der Landesliste nach hinten rutschen und dadurch vermutlich rausfallen würde. „Nicht wählbar“, beschied  Bayram kürzlich Volker Ratzmann, baden-württembergischer Realo und Vertrauter des Ministerpräsidenten Kretschmann in Berlin.

          Es werden viele Schlachten geschlagen in Friedrichshain-Kreuzberg.

          Wahlkampfstand auf der Bergmannstraße. Der Bergmannkiez, das ist das durchgentrifizierte Kreuzberg. An der Marheineke Markthalle wirbt ein Plakat für „vegan and row food“, Gemüse gibt es beim gutsortierten türkischen Lebensmittelladen, auf den Straßen ist wenig los. Die Leute arbeiten. Aus dem Fenster eines sanierten Altbaus schauen zwei junge Frauen mit Hipsterbrillen und Piercings zu, wie Bayram Flyer an Passanten verteilt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tagebau Garzweiler, im Hintergrund das Braunkohlekraftwerk Niederaußem

          Deutsche Klimapolitik : Hambi-Hype und Kohle-Farce

          Kampagnen zum Wohle des Klimas stecken voller Widersprüche und Kurzsichtigkeit. Das gilt für den Atomausstieg, den Kohleausstieg und auch für den „Hambi“.
          Sofie will nicht erkannt werden. Ihre Halbgeschwister wissen bis heute nicht von ihr.

          Kuckuckskinder : Mein Vater, der Fremde

          Kinder, die aus einem heimlichen Seitensprung hervorgehen, leiden darunter oft noch als Erwachsene. So ist es auch bei Sofie und Tobias.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.