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FDP : Schlimmer geht es immer

Ist der Untergang der FDP noch aufzuhalten? Bild: Greser & Lenz

Es ist eine harte Zeit für Rainer Brüderle. Erst wurde er als Spitzenkandidat der FDP zum „Herrenwitz“, dann stürzte er schwer. Und ganz nebenbei muss er seiner Partei auch noch das Überleben sichern.

          Auf einer Insel im Rhein steht Rainer Brüderle und rudert mit den Armen. Deutschland gehe es gut, ruft er, das Land habe die beste Regierung seit der Wiedervereinigung, die Freiheit müsse verteidigt werden, die Steuern gesenkt. FDP! Sein Publikum sitzt bei Kaffee, Kuchen und Weißwein an Biertischen im Freien. Frauen tragen rosa und hellblaue Sommerkleider, Männer helle Hosen, blaue Jacketts und Einstecktücher. Der Inselbesitzer, ein hessischer Unternehmer, lädt FDP-Freunde vor Wahlen in seinen Park auf die Königsklinger Auen. Ein gelbes Boot mit dem Namen „Philipp“ bringt Gäste von Eltville herüber.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Brüderle warnt vor „Rottrottgrün“, da wären „alle finanzpolitischen Grapscher beisammen“. Er entscheide selbst, was er trinke, ruft er über die Auen, „nicht die grünen Gouvernanten“. Die FDP-Anhänger zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz mögen Brüderle und seinen Humor. Seit vierzig Jahren ist er hier in der Partei zu Hause. In der FDP repräsentiert Brüderle den Mittelstand und die ältere Generation. Brot und Butter, lautet sein Motto. Nun setzt er hinzu: Die SPD, schlimm genug, wolle die Steuern erhöhen, aber der Grüne Trittin werde „noch einen Mao-Zuschlag drauflegen“. Beifall. Heitere Stimmung.

          Ein kleiner FDP-Elefant steht mitten auf dem Eis

          Am Horizont zieht ein Gewitter auf. Brüderle will aufbrechen. Der hessische FDP-Spitzenkandidat Jörg-Uwe Hahn sorgt sich derweil um die FDP, die sich Ende August bei acht bis neun Prozent wähnt. Gerechnet wird so: Umfrageergebnis plus ein Drittel. Denn vor den letzten drei Landtagswahlen haben die Demoskopen die FDP immer unterschätzt. Doch Hahn warnt: „So gut geht’s uns nicht. Ich habe die Angst, wenn’s dem Elefanten zu wohl ist, geht er aufs Eis.“ Vier Wochen später, nach der Bayern-Wahl, steht ein kleiner FDP-Elefant mitten auf dem Eis und unter ihm knackt es bedrohlich.

          Für Brüderle war der Weg über den eisernen Steg vor Eltville eine physische Herausforderung. Kameraleute werden gebeten, ihn beim vorsichtigen Abstieg nicht zu filmen. „Ich fühle mich sauwohl“, behauptet er Mitte August in Interviews. Das kann nur glauben, wer ihn nicht aus der Nähe sieht. Nach seinen Knochenbrüchen im Juni, ein Sturz nach einem Theaterbesuch, hat Brüderle etliche Kilo abgenommen. Die Wahlplakate zeigen jetzt einen stark verzeichneten, fröhlichen Frührentner. Auch seine Parteifreunde hat eine Werbeagentur verunstaltet: Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sieht aus wie 35.

          Die wahrscheinlich hässlichsten Plakate in der FDP-Geschichte

          Dirk Niebel wurde auf den Plakaten etwa ein Drittel des Gesichts wegretuschiert, seine Lippen schimmern rosarot. Westerwelle wirkt glatt wie ein Kinderpopo. Es sind die wahrscheinlich hässlichsten Wahlplakate in der FDP-Geschichte. Wer etwas Geld in der Kasse hat, wie die Partei in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg, ließ sich neue drucken.

          Als Brüderle dieser Tage neben seinen geschönten Abbildern stand, wollte ein frecher Reporter wissen: „Wer ist der gutaussehende Mann auf dem Plakat neben Ihnen?“ Brüderle erwiderte: „Das fragen sich viele Frauen in Deutschland!“ Anfang des Jahres hatte eine Illustrierte ihn als „Herrenwitz“ verspottet. Kurz davor glaubte der damals 67 Jahre alte Brüderle noch, er teile seine Kräfte weise ein, als er bloß die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl annahm, den Parteivorsitz aber ausschlug.

          Dann trafen ihn zwei Schläge, von denen er sich noch nicht erholt hat. Zuletzt war es der Sturz. Die danach notwendige Operation schadete zudem seiner Stimme. Brüderle müsste sich noch schonen, aber er muss kämpfen. „Ums Ganze“, wie es nun heißt. Den anderen, früheren Schlag teilte eine „Stern“-Journalistin aus. Die „Sexismus“-Berichterstattung hat den leutseligen und zuweilen etwas schräg witzelnden Brüderle tief getroffen.

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