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AfD-Hochburg Bitterfeld : Wieso sind die so wütend?

  • -Aktualisiert am

AfD-Anhänger in Bitterfeld Bild: Hans Christian Plambeck/laif

Wenn die AfD es in die Nachrichten schafft, dann meistens mit schrillen Parolen über Flüchtlinge. Ist das alles? FAZ.NET hat die Rechtspopulisten in ihrer ostdeutschen Hochburg Bitterfeld-Wolfen besucht und nachgefragt.

          Kay-Uwe Ziegler redet eine Stunde über die Probleme Deutschlands und nimmt dabei nicht einmal das Wort „Flüchtling“ in den Mund. Ziegler ist der Direktkandidat der AfD für den Bundestagswahlkreis 71, mitten in Sachsen-Anhalt: Bernburg, Staßfurt, Bitterfeld-Wolfen. Als die Sachsen-Anhalter 2016 ihren Landtag neu wählten, stimmten in Wolfen 31 Prozent für die AfD, in Bitterfeld waren es 33,4 Prozent.

          Bitterfeld-Wolfen ist eine AfD-Hochburg in der AfD-Hochburg Sachsen-Anhalt. Ziegler fährt im Schritttempo durch die Innenstadt von Bitterfeld oder dem, was von der Innenstadt übrig geblieben ist. Als die Mauer fiel, wohnten in der Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen 76.000 Menschen. Davon gibt es heute noch 41.000. Es ist 12 Uhr mittags, und der Marktplatz ist menschenleer. 

          Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl waren Journalisten aus ganz Deutschland in Bitterfeld und wollten wissen, worauf die Menschen sauer sind. Ein Team von Spiegel-Online war da und filmte Menschen in Jogginghose, die sauer waren. Sauer auf „Neger“, auf Ausländer und auf Flüchtlinge. „Dieser Journalistin würde ich gerne mal die Meinung sagen“, brummelt Ziegler genervt, während er seinen Wagen aus der Stadt heraussteuert. Er will zeigen, worauf er sauer ist.

          Ein paar Autominuten entfernt von der Innenstadt liegt ein künstlicher See. Mit über 200 Millionen Euro Steuergeldern wurde hier ein alter Braunkohletagebau renaturiert. Es ist ein hübscher See geworden, die Goitzsche. Investoren, wie die Merckles, Gründer von Ratiopharm, haben große Teile des Gewässer zum Spottpreis von 2,9 Millionen Euro gekauft und ihre Häuser ans Ufer gebaut.

          Der AfD-Mann für den Wahlkreis Anhalt: Kay-Uwe Ziegler.

          Was Ziegler wütend macht

          Der See steht dafür, was laut Ziegler alles schief läuft in Deutschland. „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir in unserem eigenen Land noch etwas zu sagen haben“, sagt er, „und ich bin mit dem Gefühl nicht alleine. Die Leute hier sind wütend auf die Entwicklungen in unserem Land.“ Wütend auf Investoren, die sich mit ihrem Geld einfach die Premiumwohnlage in Bitterfeld sichern konnten. Wütend auf die Leute, die ihr Geld in den gigantischen Chemieparks von Bitterfeld verdienen, aber in Leipzig und Berlin ihr Geld ausgeben. Wütend auf die Chemieunternehmen, die in Bitterfeld produzieren und kaum Gewerbesteuern zahlen. Und ja, auch wütend auf die Flüchtlinge, die ihnen ungefragt „vorgesetzt wurden“. Vor ein paar Wochen war Angela Merkel in Bitterfeld. Wieder schaffte die Stadt es in die überregionalen Nachrichten, diesmal mit einem schrillen Pfeifkonzert gegen die Kanzlerin, zu dem auch die AfD aufgerufen hatte.

          Ziegler versteht die Wut seiner Bitterfelder. Er selber habe nicht gepfiffen, sagt er. Ziegler wollte ein Plakat mit der Aufschrift „Die hat ja gar nichts an.“ basteln. Die anderen Protestler hätten das nicht verstanden. Es sollte eine Anspielung auf das Andersen-Märchen sein, in dem alle Untertanen dem Kaiser versichern, er wäre schön gekleidet, bis ein kleines Mädchen die Wahrheit ausspricht: „Der hat ja gar nichts an.“

          „Angela Merkel leidet anscheinend unter völligem Realitätsverlust“, sagt Ziegler. Er hat ein bulliges Gesicht, ist ein großer, stämmiger Mann von 53 Jahren. Wenn er sich aufregt und in Rage gerät, dann wird er nicht ausfallend, er bleibt ruhig. Manchmal schmunzelt er sogar und schiebt ein ungläubiges „Das ist doch verrückt“ hinterher. Verrückt, das war aus seiner Sicht auch Merkels Auftritt. Ziegler erzählte die Geschichte so: Vier Tage bevor Merkel kam, habe man die Stadt geputzt, wie damals bei Honecker. Die Kanzlerin sei dann mit dem Helikopter aus Berlin eingeflogen, habe sich vom Landeplatz mit der Limousine zur Goitzsche fahren lassen – dem See den die Ratiopharm-Familie den Bitterfeldern weggekauft habe. „Die haben da den Rasen gemäht, obwohl die das Gras doch gar nicht sehen konnte. Das ist doch verrückt!“ Merkel habe dann gesprochen, in einer Sprache, die vielen hier nichts sage, und sei wieder nach Berlin entschwebt. 

          Vom gelobten Wohlstand kommt in Bitterfeld nicht viel an

          Auch in Bitterfeld lächelt Merkel ihre Wähler von den Wahlplakaten aus an. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, heißt es darunter. Für Ziegler klingt das wie Hohn, Ausweis des Unverständnisses der „politischen Kaste“. Es gehe vielen Leuten gut in diesem Land, ja, aber die lebten nicht in Bitterfeld und auch nicht in Wolfen. Die Arbeitslosigkeit hier beträgt etwa acht Prozent. Das klinge gut, zur Jahrhundertwende waren es noch 20 Prozent. „Ist es aber nicht“, sagt Ziegler. Zu den acht Prozent zählt Ziegler noch 11,3 Prozent „Unterbeschäftigte“, Menschen in Ein-Euro-Jobs, Menschen, die Maßnahmen machen, in denen sie lernen, sich zu bewerben, und arbeitslose Menschen, die einfach älter als 58 Jahre sind. In Wirklichkeit, so rechnet Ziegler, hätte Bitterfeld wohl noch immer dieselbe Arbeitslosenquote wie vor 15 Jahren. Und keinen interessiere es, weil es dem Land super gehe.

          Ziegler steigt wieder in seinen weißen Ford Galaxy und verlässt Bitterfeld. Er fährt durch die Chemieparks im Nordwesten der Stadt, alle paar Kilometer wabert ein penetranter Chemiegeruch durch den Wagen. Er fährt weiter Richtung Nordwesten, quer durch seinen Wahlkreis, vorbei an Köthen, Bernburg und Nienburg nach Staßfurt.

          Staßfurt hat mit dem gleichen Problemem zu kämpfen wie Bitterfeld und Wolfen: Leerstand. Wer kann, verlässt die Stadt. Die, die geblieben sind, haben 2016 zu 32,1 Prozent die AfD gewählt. Etwa dreißig von ihnen sitzen an diesem Donnerstagabend in einem gutbürgerlichen Lokal, einem der wenigen, die es in Staßfurt noch gibt. Ziegler will sich hier mit Unterstützern unterhalten. Auf dem Parkplatz vor dem Lokal stehen ein paar AfD-Anhänger, rauchen und unterhalten sich. Einer von ihnen, ein Mann um die 50 Jahre, ist besonders gesprächig, redet jeden unumwunden an, der auf den Parkplatz hinzukommt. Er engagiere sich in der Lokalpolitik, sei parteilos, sagt er, unterstützte aber die AfD, weil sie sich für die „deutsche Souveränität“ einsetze. Er braucht nicht viele Sätze, bis er beim „Afrikanischen Ausbreitungstyp“ angekommen ist und dass der Thüringer Parteichef Björn Höcke in der Sache doch Recht habe. Ein anderer Mann, ein Rentner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, wirft mehrmals ein, er wolle sein Deutschland wieder haben. Er sei letztens in Frankfurt am Main gewesen, das sei ja fürchterlich, da sehe es ja aus wie im Orient. Es wird gelacht. Endlich beginnt die Veranstaltung. 

          Von Leerstand geplagt: Verfallene Bausubstanz in Bitterfeld

          Ziegler steht im großen Saal des Lokals und spricht zu seinen Anhängern, von denen an diesem Abend kaum einer unter 50 ist. Wenn Ziegler von Merkel redet, wird höhnisch gelacht. Wenn er sagt, SPD-Arbeitsministerin Nahles habe noch nie in der wertschöpfenden Industrie gearbeitet, hallt lautstarke Empörung durch den Saal. Manche rufen rein, stellen zwischendurch Fragen. Der Rentner, der seinen Namen nicht nennen wollte, meldet sich. „Ich bin schon immer hier gewesen und will wieder sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein“, sagt er ohne erkennbaren Zusammenhang zu Zieglers Rede und erntet lauten Applaus von den anderen Besuchern.

          Am Ende seiner Rede wird Ziegler nur kurz über Flüchtlinge geredet haben. Ziegler redet über die Hartz-Gesetze, über den Mindestlohn, von entrückten Politikern im fernen Berlin, von der Bundeswehr, die sich aus dem Ausland zurückziehen solle, davon, dass die anderen Parteien die AfD ausgrenzten. Ziegler gibt den Realpolitiker. Er selbst rechnet sich dem gemäßigten Flügel der AfD zu. Was so manche in der Partei von sich gäben, sei für ihn „nicht zielführend“. Namen will er öffentlich nicht nennen.

          Der wunde Punkt der AfD: Rechtsextremismus

          Ziegler ist fertig mit seiner Rede, genießt den Applaus, bittet um Fragen. Hinten in der Ecke saß die ganz Zeit über eine Gruppe junger Leute, beinahe unbemerkt. Eine von ihnen steht zögerlich auf, nachdem Ziegler ihr das Wort erteilt, und spricht ihn auf Rechtsextremismus an. Noch bevor Ziegler sein Mikrofon zum Mund geführt hat, gerät der Saal in Aufruhr, und die Diskussion ist beendet, bevor sie beginnt. 

          „Es gibt keinen Rechtsextremismus“, brüllt ein Mann der jungen Frau entgegen.

          „NSU“, ruft sie zurück. 

          Lachen mischt sich mit Wut. Dass die überhaupt hierher gekommen sind, argwöhnt es aus dem Publikum. Die Gruppe junger Menschen engagiert sich in lokalen Flüchtlingsheimen. Ziegler ruft seine aufgebrachten Parteifreunde zur Raison, distanziert sich in kurzen Sätzen vom Rechtsextremismus. 

          Warum fällt das den anderen Anhängern der AfD so schwer? Eine Antwort auf diese Frage kann an diesem Abend keiner geben.

          Ist Ziegler vielleicht in der falschen Partei? Als die Mauer gefallen ist, ist er der SPD beigetreten. Aus Naivität, wie er heute sagt. Am Ende hätten sich doch nur alle um den eigenen Vorteil gesorgt. Nach einem halben Jahr war er wieder draußen. Hört man ihn so über „das System“ reden, man könnte meinen, einen Linken-Politiker vor sich zu haben. 2009 ging Zieglers Wahlkreis an die Linke. „Gucken Sie sich das an“, sagt er, während er durch Bitterfeld fährt, „20 Prozent dieser Leute werden vom System anscheinend nicht mehr gebraucht, keiner kümmert sich um sie, keiner interessiert sich für sie. Sie werden nur noch als Konsumenten benötigt.“ Warum ist er eigentlich nicht bei der Linken? „Das sind für mich unrealistische Träumer.“ Ziegler will lieber Pragmatiker sein. Er besitzt ein paar Bekleidungsgeschäfte in der Innenstadt von Bitterfeld, hat neun Mitarbeiter. Seine Tochter wohnt bei ihm, ist 15 Jahre alt und muss sich in der Schule für ihren AfD-Vater rechtfertigen, so erzählt es Ziegler, weil er unbequeme Themen anspreche. Immer wieder vergleicht er die Bundesrepublik mit der DDR, in der er groß geworden ist, in Eisleben, keine Autostunde von Bitterfeld entfernt. Er hat an der Fachhochschule studiert und 1986 seinen Abschluss als Veterinäringenieur gemacht. Veterinäringenieur, nicht Tierarzt. „Und als die Mauer gefallen ist, da gab es diesen Beruf auf einmal nicht mehr.“

          Kay-Uwe Ziegler vor AfD-Anhängern in Staßfurt

          Die Wut der Abgehängten

          Ziegler und viele der Leute, die an dem Abend da sind, glauben, dass ein Teil der Gesellschaft sich von ihnen abgesetzt hat. Ganz real die etlichen Tausend, die aus der Region abgewandert sind und nun in den großen Städten und reichen Vororten wohnen. Oder diejenigen, die sich auf ihren Privatgrundstücken an der Goitzsche vom restlichen Bitterfeld separieren. Aber nicht nur die: „Manchmal glaube ich, die Theorie der Paralleluniversen muss stimmen“, sagt Ziegler. Die Bertelsmann-Stiftung hat vor ein paar Wochen gesagt, Muslime seien überdurchschnittlich gut integriert. „Aber ich sehe doch hier mit eigenen Augen ein anderes Bild“, sagt Ziegler fassungslos. „Wieso kommen Journalisten aus Hamburg, Berlin und Frankfurt und sagen uns, dass wir Flüchtlinge toll finden müssen und dass wir im Osten ja gar nichts über Ausländer wüssten? Wir sind doch nicht blöd!“, sagt AfD-Frau Simone Rausch nach Zieglers Rede. Auch ihr Mann und ihr Sohn sind in der AfD.

          Die Wut, die an diesem Abend immer wieder hochgekocht ist, war keine, die sich nur gegen Flüchtlinge gewandt hat. Sondern auch Wut, nicht mehr gehört zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Und dann sind da diese „Blockparteien“, die sich wie der Rest der Gesellschaft gegen die AfD zu verschworen haben scheinen. Das schweißt zusammen.

          Und warum geht es bei der AfD am Ende dann doch immer wieder um die Flüchtlinge? Ziegler denkt nach, er weiß, dass das kein einfaches Thema ist. „Jahrelang haben wir immer nur gehört, dass kein Geld da ist. Nicht für Schulen, nicht für Straßen, nicht für Polizei. Für nichts. Und dann kommen da diese Migranten, und plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr.“

          Mit solchen Sätzen schaffen sie es immer wieder in die Nachrichten. Wie viele Flüchtlingsheime gibt es eigentlich in Ihrem Wahlkreis, Herr Ziegler? Ziegler denkt kurz nach. „Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht“. In der Region würde aber auch die dezentrale Unterbringung überwiegen.

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