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AfD-Hochburg Bitterfeld : Wieso sind die so wütend?

  • -Aktualisiert am

„Es gibt keinen Rechtsextremismus“, brüllt ein Mann der jungen Frau entgegen.

„NSU“, ruft sie zurück. 

Lachen mischt sich mit Wut. Dass die überhaupt hierher gekommen sind, argwöhnt es aus dem Publikum. Die Gruppe junger Menschen engagiert sich in lokalen Flüchtlingsheimen. Ziegler ruft seine aufgebrachten Parteifreunde zur Raison, distanziert sich in kurzen Sätzen vom Rechtsextremismus. 

Warum fällt das den anderen Anhängern der AfD so schwer? Eine Antwort auf diese Frage kann an diesem Abend keiner geben.

Ist Ziegler vielleicht in der falschen Partei? Als die Mauer gefallen ist, ist er der SPD beigetreten. Aus Naivität, wie er heute sagt. Am Ende hätten sich doch nur alle um den eigenen Vorteil gesorgt. Nach einem halben Jahr war er wieder draußen. Hört man ihn so über „das System“ reden, man könnte meinen, einen Linken-Politiker vor sich zu haben. 2009 ging Zieglers Wahlkreis an die Linke. „Gucken Sie sich das an“, sagt er, während er durch Bitterfeld fährt, „20 Prozent dieser Leute werden vom System anscheinend nicht mehr gebraucht, keiner kümmert sich um sie, keiner interessiert sich für sie. Sie werden nur noch als Konsumenten benötigt.“ Warum ist er eigentlich nicht bei der Linken? „Das sind für mich unrealistische Träumer.“ Ziegler will lieber Pragmatiker sein. Er besitzt ein paar Bekleidungsgeschäfte in der Innenstadt von Bitterfeld, hat neun Mitarbeiter. Seine Tochter wohnt bei ihm, ist 15 Jahre alt und muss sich in der Schule für ihren AfD-Vater rechtfertigen, so erzählt es Ziegler, weil er unbequeme Themen anspreche. Immer wieder vergleicht er die Bundesrepublik mit der DDR, in der er groß geworden ist, in Eisleben, keine Autostunde von Bitterfeld entfernt. Er hat an der Fachhochschule studiert und 1986 seinen Abschluss als Veterinäringenieur gemacht. Veterinäringenieur, nicht Tierarzt. „Und als die Mauer gefallen ist, da gab es diesen Beruf auf einmal nicht mehr.“

Kay-Uwe Ziegler vor AfD-Anhängern in Staßfurt

Die Wut der Abgehängten

Ziegler und viele der Leute, die an dem Abend da sind, glauben, dass ein Teil der Gesellschaft sich von ihnen abgesetzt hat. Ganz real die etlichen Tausend, die aus der Region abgewandert sind und nun in den großen Städten und reichen Vororten wohnen. Oder diejenigen, die sich auf ihren Privatgrundstücken an der Goitzsche vom restlichen Bitterfeld separieren. Aber nicht nur die: „Manchmal glaube ich, die Theorie der Paralleluniversen muss stimmen“, sagt Ziegler. Die Bertelsmann-Stiftung hat vor ein paar Wochen gesagt, Muslime seien überdurchschnittlich gut integriert. „Aber ich sehe doch hier mit eigenen Augen ein anderes Bild“, sagt Ziegler fassungslos. „Wieso kommen Journalisten aus Hamburg, Berlin und Frankfurt und sagen uns, dass wir Flüchtlinge toll finden müssen und dass wir im Osten ja gar nichts über Ausländer wüssten? Wir sind doch nicht blöd!“, sagt AfD-Frau Simone Rausch nach Zieglers Rede. Auch ihr Mann und ihr Sohn sind in der AfD.

Die Wut, die an diesem Abend immer wieder hochgekocht ist, war keine, die sich nur gegen Flüchtlinge gewandt hat. Sondern auch Wut, nicht mehr gehört zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Und dann sind da diese „Blockparteien“, die sich wie der Rest der Gesellschaft gegen die AfD zu verschworen haben scheinen. Das schweißt zusammen.

Und warum geht es bei der AfD am Ende dann doch immer wieder um die Flüchtlinge? Ziegler denkt nach, er weiß, dass das kein einfaches Thema ist. „Jahrelang haben wir immer nur gehört, dass kein Geld da ist. Nicht für Schulen, nicht für Straßen, nicht für Polizei. Für nichts. Und dann kommen da diese Migranten, und plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr.“

Mit solchen Sätzen schaffen sie es immer wieder in die Nachrichten. Wie viele Flüchtlingsheime gibt es eigentlich in Ihrem Wahlkreis, Herr Ziegler? Ziegler denkt kurz nach. „Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht“. In der Region würde aber auch die dezentrale Unterbringung überwiegen.

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