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AfD-Hochburg Bitterfeld : Wieso sind die so wütend?

  • -Aktualisiert am

Vom gelobten Wohlstand kommt in Bitterfeld nicht viel an

Auch in Bitterfeld lächelt Merkel ihre Wähler von den Wahlplakaten aus an. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, heißt es darunter. Für Ziegler klingt das wie Hohn, Ausweis des Unverständnisses der „politischen Kaste“. Es gehe vielen Leuten gut in diesem Land, ja, aber die lebten nicht in Bitterfeld und auch nicht in Wolfen. Die Arbeitslosigkeit hier beträgt etwa acht Prozent. Das klinge gut, zur Jahrhundertwende waren es noch 20 Prozent. „Ist es aber nicht“, sagt Ziegler. Zu den acht Prozent zählt Ziegler noch 11,3 Prozent „Unterbeschäftigte“, Menschen in Ein-Euro-Jobs, Menschen, die Maßnahmen machen, in denen sie lernen, sich zu bewerben, und arbeitslose Menschen, die einfach älter als 58 Jahre sind. In Wirklichkeit, so rechnet Ziegler, hätte Bitterfeld wohl noch immer dieselbe Arbeitslosenquote wie vor 15 Jahren. Und keinen interessiere es, weil es dem Land super gehe.

Ziegler steigt wieder in seinen weißen Ford Galaxy und verlässt Bitterfeld. Er fährt durch die Chemieparks im Nordwesten der Stadt, alle paar Kilometer wabert ein penetranter Chemiegeruch durch den Wagen. Er fährt weiter Richtung Nordwesten, quer durch seinen Wahlkreis, vorbei an Köthen, Bernburg und Nienburg nach Staßfurt.

Staßfurt hat mit dem gleichen Problemem zu kämpfen wie Bitterfeld und Wolfen: Leerstand. Wer kann, verlässt die Stadt. Die, die geblieben sind, haben 2016 zu 32,1 Prozent die AfD gewählt. Etwa dreißig von ihnen sitzen an diesem Donnerstagabend in einem gutbürgerlichen Lokal, einem der wenigen, die es in Staßfurt noch gibt. Ziegler will sich hier mit Unterstützern unterhalten. Auf dem Parkplatz vor dem Lokal stehen ein paar AfD-Anhänger, rauchen und unterhalten sich. Einer von ihnen, ein Mann um die 50 Jahre, ist besonders gesprächig, redet jeden unumwunden an, der auf den Parkplatz hinzukommt. Er engagiere sich in der Lokalpolitik, sei parteilos, sagt er, unterstützte aber die AfD, weil sie sich für die „deutsche Souveränität“ einsetze. Er braucht nicht viele Sätze, bis er beim „Afrikanischen Ausbreitungstyp“ angekommen ist und dass der Thüringer Parteichef Björn Höcke in der Sache doch Recht habe. Ein anderer Mann, ein Rentner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, wirft mehrmals ein, er wolle sein Deutschland wieder haben. Er sei letztens in Frankfurt am Main gewesen, das sei ja fürchterlich, da sehe es ja aus wie im Orient. Es wird gelacht. Endlich beginnt die Veranstaltung. 

Von Leerstand geplagt: Verfallene Bausubstanz in Bitterfeld

Ziegler steht im großen Saal des Lokals und spricht zu seinen Anhängern, von denen an diesem Abend kaum einer unter 50 ist. Wenn Ziegler von Merkel redet, wird höhnisch gelacht. Wenn er sagt, SPD-Arbeitsministerin Nahles habe noch nie in der wertschöpfenden Industrie gearbeitet, hallt lautstarke Empörung durch den Saal. Manche rufen rein, stellen zwischendurch Fragen. Der Rentner, der seinen Namen nicht nennen wollte, meldet sich. „Ich bin schon immer hier gewesen und will wieder sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein“, sagt er ohne erkennbaren Zusammenhang zu Zieglers Rede und erntet lauten Applaus von den anderen Besuchern.

Am Ende seiner Rede wird Ziegler nur kurz über Flüchtlinge geredet haben. Ziegler redet über die Hartz-Gesetze, über den Mindestlohn, von entrückten Politikern im fernen Berlin, von der Bundeswehr, die sich aus dem Ausland zurückziehen solle, davon, dass die anderen Parteien die AfD ausgrenzten. Ziegler gibt den Realpolitiker. Er selbst rechnet sich dem gemäßigten Flügel der AfD zu. Was so manche in der Partei von sich gäben, sei für ihn „nicht zielführend“. Namen will er öffentlich nicht nennen.

Der wunde Punkt der AfD: Rechtsextremismus

Ziegler ist fertig mit seiner Rede, genießt den Applaus, bittet um Fragen. Hinten in der Ecke saß die ganz Zeit über eine Gruppe junger Leute, beinahe unbemerkt. Eine von ihnen steht zögerlich auf, nachdem Ziegler ihr das Wort erteilt, und spricht ihn auf Rechtsextremismus an. Noch bevor Ziegler sein Mikrofon zum Mund geführt hat, gerät der Saal in Aufruhr, und die Diskussion ist beendet, bevor sie beginnt. 

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