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Lars Klingbeil im Wahlkampf : Der SPD-Generalsekretär muss kämpfen

Unterstützung auf der Zielgeraden: Olaf Scholz am Dienstag beim Wahlkampfauftritt in Soltau mit Lars Klingbeil. Bild: dpa

Lars Klingbeil stammt aus einer konservativen Gegend. Das Rennen gegen einen CDU-Mann ist knapp, der SPD-Politiker muss es unbedingt gewinnen – weshalb Kanzlerkandidat Scholz persönlich ihm den Rücken stärkt.

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          In Soltau werden zwei Kandidaten den Einzug in den Bundestag unter sich ausmachen: Lars Klingbeil von der SPD und Carsten Büttinghaus von der CDU. Büttinghaus, Polizist und Freizeitjäger, wirbt mit dem Spruch: „Unsere Heimat. Unsere Erde. Ihre Wahl.“ Sein Gegner im Heide-Duell ist der SPD-Generalsekretär. Klingbeil wurde in Soltau geboren, Büttinghaus kommt aus Thüringen – Punkt für Klingbeil. Um Soltau herum ist die Heide allerdings eher schwarz als rot, weswegen Klingbeil bis zur letzten Sekunde um sein Mandat kämpfen muss. 2017 hatte er es direkt gewonnen, „ein sehr besonderer Moment, den ich gerne wiederholen möchte“, sagt Klingbeil. Zudem freilich auch etwas Glück gehört – oder ein Besuch von Olaf Scholz in letzter Minute. Büttinghaus suggeriert in seiner Kampagne, dass Klingbeil ja über einen sicheren Listenplatz sowieso in den Bundestag einzöge: „Charakterplatz statt Listenplatz“, lautet sein Motto.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Klingbeil hält dagegen. Wenn die SPD in Niedersachsen am Sonntag viele Direktmandate bekomme, könne es sein, dass die Landesliste nicht zum Zug komme. Also muss Klingbeil seinen Wahlkreis gewinnen. Und deswegen reiste Scholz am Dienstag noch nach Soltau. 20.000 Einwohner hat die Stadt, nördlich von Hannover gelegen. Scholz kam ein bisschen früher, drei, vier Veranstaltungen absolviert er jetzt pro Tag. So wie am Dienstag: erst Wolfsburg, dann Lehrte, am Nachmittag Soltau, dann weiter nach Lüneburg zur Abendveranstaltung.

          Die Neugierde auf Scholz hat zugenommen

          Jeden Tag seit Wochen absolviert Scholz dieses Programm. Das abendliche Glas Wein oder ein Bier unter Genossen wurde gestrichen. „Ich konzentrier mich komplett auf alkoholfreies Bier“, sagt Scholz, anders wäre das nicht zu schaffen. Was er denn gerade so lese, will eine Journalistin am Dienstag noch wissen, bevor es zur Wahlkampfbühne geht. Ganz ehrlich, viel sei es nicht, sagt Scholz, wenn er nach Mitternacht nach Hause komme. Aber neben dem Bett liege eine angefangene Hegel-Biographie, sehr gut, könne man dem Autor ausrichten.

          Jetzt schreitet der Weltgeist erst mal zur Bühne. Rund 800 Bürger haben sich innerhalb der Absperrungen versammelt, weitere ein- bis zweihundert schauen von draußen zu. Die Neugierde auf Scholz ist stark gewachsen, seit die SPD wieder in die Nähe einer Kanzlerschaft gekommen ist. Viel drum herum gibt es nicht: eine Bühne, ein paar Klingbeil-Plakate. Erst redet Scholz, dann der Wahlkreiskandidat. Scholz hat seine Standardrede inzwischen Dutzende Male gehalten, mehr Wohnungen versprochen, Klimaschutz mit Augenmaß („die Grünen haben da gute Ideen, aber ein Umsetzungsproblem“), aber doch revolutionär. Scholz rechnet vor, dass ein Stahlwerk der Zukunft soviel Energie fressen werde wie eine Großstadt, Hamburg etwa. Da müsse viel Windkraft und eine Art Innovationssturm her. Zu den Versprechen für das erste Regierungsjahr zählt eine „Gehaltserhöhung für zehn Millionen Menschen“, also die Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro. Dafür wolle er sorgen, zusammen mit den Gewerkschaften. Dafür müsse man „bei Leuten wie mir anklopfen, die etwas besser verdienen und die fragen, ob sie einen etwas höheren Beitrag leisten möchten. Ich sag schon mal: Ja.“

          Freundlicher Beifall in Soltau. Zwischendurch gibt es ein wenig Krawall, weil ein paar Klimaaktivisten versuchen, die Bühne zu stürmen. Vor vier Jahren gab es bei Kundgebungen viele Störer von rechts, diesmal sind es linke Aktivisten, die Aufmerksamkeit erzwingen wollen. Scholz’ Sicherheitsleute sind schneller als die Störer und die Soltauer Polizei. Scholz sagt ein paar beschwichtigende Worte zu den jungen Leuten, die in Berlin einen Hungerstreik fürs Klima abhalten. Sie sollten das bitte aufhören, es werde Gespräche geben. Fast völlig unerwähnt bleiben die politischen Wettbewerber. Ein paar freundliche Seitenhiebe auf die Grünen, kaum Bemerkungen zur Union.

          Nach Scholz macht Klingbeil nochmals auf den Ernst seiner Lage aufmerksam und auf die Zuspitzung, die der Wahlkampf nun erfahren soll: „Wer möchte, dass der nächste Kanzler der Bundesrepublik Olaf Scholz heißt, der sollte sein Kreuz bei der SPD machen“ – und, das meint er mit, natürlich bei ihm als Direktkandidaten. Nach den Reden verliest Klingbeil Fragen aus dem Publikum, die zuvor auf Karten eingereicht werden konnten. Was ist mit Corona und den Schulen, warum haben wir hier kein Internet, wie kann man die Schere zwischen Arm und Reich wieder schließen? Wahlkampfarena in Soltau. Auf die Frage, mit wem er denn nun koalieren wolle, hat Scholz eine geradezu majestätische Antwort: „Ich möchte eine Koalition mit den Bürgerinnen und  Bürgern. Beifall des Publikums. Langsam wird es draußen dunkel, Scholz fährt weiter. Lars Klingbeil kämpft weiter im Wahlkreis und für die große Kampagne. Bis zum Sonntag.

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