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F.A.Z.-Machtfrage : Immer gegen die Saupreißn!

Kein Bayer mehr im Kabinett? Himmel hilf, was ist da los? Bild: dpa

Markus Söder ist empört: Kein Bayer mehr im Kabinett! Dabei zeigt das Saarland: Auch viele Minister bedeuten nicht automatisch einen nachhaltigen Eindruck auf das Land. Die F.A.Z.-Machtfrage.

          3 Min.

          Spüren Sie ihn gerade auch, den epochalen Wind der Zeitläufte? Nein, nicht wegen der Ampel-Koalition, auch wenn die bekanntlich ein neues „Zukunftsprojekt“ anpacken will, sondern ausschließlich wegen ihrer Zusammensetzung! Wenn an diesem Mittwoch das neue Kabinett von Olaf Scholz vereidigt wird, wird zum ersten Mal seit Menschengedenken kein Bayer mehr am Kabinettstisch sitzen. Kein Bayer!

          Oliver Georgi
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Markus Söder ist das nach dem Scheitern der Kanzlerkandidatur der Herzen der nächste Schlag in die Magengrube – aber auch für Sie? Was macht das mit Ihnen, und erst recht mit dem Land? Werden sich künftige Historiker mit gramgebeugten Häuptern über die Ampel-Ära beugen und kopfschüttelnd murmeln: Corona-Pandemie, Gender-Sternchen und Karl Lauterbach, das war ohnehin kaum zu schaffen damals, aber erst die absentia bavariae hat den Armen den Rest gegeben, Kruzifix!

          In der Tat ist es bemerkenswert, dass ein so prägendes Bundesland wie Bayern (zumindest in der Selbstwahrnehmung) künftig nicht mehr dort vertreten ist, wo es nach eigenem Ermessen selbstverständlich hingehört, ins Zentrum der Macht nämlich! Was nur noch einmal beweist, welch verhängnisvolle Negativspirale Wolfgang Schäuble und Volker Bouffier auslösten, als sie beim Ringen um den CDU-Vorsitz für Laschet statt für Söder kämpften: kein Söder, kein Unionskanzler, kein Bayer mehr im Kabinett.

          Idylle am Ammersee: Erst keine bayerischen Minister und dann kein Bayern mehr?
          Idylle am Ammersee: Erst keine bayerischen Minister und dann kein Bayern mehr? : Bild: AP

          Und was kommt morgen? Kein Söder mehr? Kein Bayern? Gestrichen von der Landkarte wegen plötzlicher Erfolglosigkeit? Man hört es förmlich grummeln in München: Unter Franz Josef Strauß-hab-ihn-selig als CSU-Chef wäre so was nicht passiert; selbst unter Brandt saßen immer auch Bayern mit am Tisch, auch wenn sie die falsche Partei hatten.

          Opposition, c'est moi!

          Dabei hat es für Söder auch einen großen Vorteil, dass im Kanzleramt künftig kein Bayerisch mehr zu hören ist – umso besser lässt sich gegen die Saupreußen kollektiv stänkern. Opposition, c’est moi, Munich calling! Er könnte sich auch mit einem Blick in die Geschichte trösten, die schon einige bedenklich unbayerische Kabinette gesehen hat und trotzdem immer irgendwie weiterging. Außerdem haben andere Bundesländer trotz einer überwältigenden Mehrheit am Kabinettstisch nicht vermocht, wofür es in Bayern nur einen einzigen Minister braucht (Andreas Scheuer): Deutschland nachhaltig ihren Stempel aufzudrücken.

          Nehmen wir zum Beispiel die legendäre saarländische Ära, 2013 bis 21, die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern. Heiko Maas als Außenminister, Peter Altmaier als Kanzleramts- und dann als Wirtschaftsminister, später noch Annegret Kramp-Karrenbauer als Verteidigungsministerin und Fast-Merkel-Nachfolgerin – drei Politiker aus dem kleinsten Flächenland, vereint an den Hebeln der Macht, das wird Deutschland verändern und die Peripherie endlich ins Zentrum rücken; eine Prägung mindestens von der Fläche des halben Saarlandes. Hoffte damals mancher in Saarbrücken.

          Geschäftsführende Minister Kramp-Karrenbauer, Maas: Gleich mehrere Saarländer im Kabinett, hat das Deutschland geprägt?
          Geschäftsführende Minister Kramp-Karrenbauer, Maas: Gleich mehrere Saarländer im Kabinett, hat das Deutschland geprägt? : Bild: EPA

          Jetzt ist Maas geräuschlos aus dem Kabinett geflogen, AKK und Altmaier sind nicht mal mehr im Bundestag – und das Wissen der Deutschen über den liebens- und lebenswerten Flecken an der Grenze zu Frankreich nähert sich nach einer kurzen Amplitude wieder der Nulllinie. Ist in Brandenburg durch Maas und Co. die Liebe zur Saarschleife gewachsen? Eher nicht. Planen Bremer Familien jetzt ihren Sommerurlaub in Püttlingen, um einmal mit eigenen Augen das zu sehen, was AKK gesehen hat, wenn sie sich von Berliner Machtkämpfen erholte? Nicht ganz ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. 

          Warum nicht für eine Weile untertauchen?

          So gesehen, könnte Markus Söder sogar Hoffnung schöpfen: Prominent in einem Kabinett  vertreten zu sein, bedeutet für ein Bundesland noch lange keine Heilung – und für eine Weile unterzutauchen, ist kein Indiz, dass man sich als Land jetzt endgültig abschreiben müsste. Im letzten Kabinett von Helmut Schmidt zum Beispiel war kein Rheinland-Pfälzer vertreten – bis 1982 ein großgewachsener Mann aus Oggersheim Kanzler wurde.

          Bayerische Durchsetzungskraft: Franz Josef Strauß, hier nach einem Gespräch mit dem damaligen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl nach dem Kreuther Beschluss 1976 in Bonn
          Bayerische Durchsetzungskraft: Franz Josef Strauß, hier nach einem Gespräch mit dem damaligen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl nach dem Kreuther Beschluss 1976 in Bonn : Bild: Picture-Alliance

          Das war der letzte Teil unseres F.A.Z.-Newsletters zur Bundestagswahl – das Kabinett nimmt am Mittwoch seine Arbeit auf, für die nächsten vier Jahre ist die Machtfrage geklärt, zumindest im Kanzleramt. Außerhalb des Kanzleramts aber wird man weiter streiten und paktieren, wird Allianzen schmieden und Bündnisse aufkündigen und um heikle politische Themen ringen. Viel spannender Stoff also auch weiterhin für exklusive Nachrichten, profunde Analysen und scharfsinnige Kommentare – in der F.A.Z., auf FAZ.NET, in der F.A.S. und den anderen F.A.Z.-Medien. Wir freuen uns auf Sie!

          Einen schönen Tag wünscht Ihnen

          Ihr Oliver Georgi

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