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Merkels Nachfolgerin : „Ich habe die Leute ernst genommen“

Merkels Nachfolgerin in Meck-Pomm: Anna Kassautzki stammt aus Heidelberg, wuchs bei Alsfeld auf, studierte Staatswissenschaften in Passau und Greifswald. Seitdem leitet sie den Familienservice der Uni Greifswald. Bild: Picture-Alliance

Sie beerbt Angela Merkel in deren Wahlkreis Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I: Anna Kassautzki von der SPD. Was sich im Wahlkreis ohne den Kanzlerinnenbonus ändern könnte, erklärt sie im Interview.

          2 Min.

          Frau Kassautzki,  Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gerade verraten, dass sie die Schuhgröße 38 hat, als es immer wieder um ihre Fußstapfen ging. Wer im Kanzleramt in ihre Fußstapfen tritt, ist offen. Ihren Wahlkreis an der Ostsee, Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I, haben Sie als SPD-Kandidatin mit gut 24 Prozent der Erststimmen gewonnen – können Sie das ausfüllen?

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Mit Schuhgröße 39 kriege ich das ganz gut hin.

          Und abgesehen davon?

          Ich finde es immer noch megakrass, es ist eine große Ehre. Es erfüllt mich aber auch mit Demut. Die Wählerinnen und Wähler haben mir ihr Vertrauen geschenkt. Zum ersten Mal in der Geschichte demokratischer Wahlen hier oben, also seit 1900, ist dieser Wahlkreis an die Sozialdemokratie gegangen. Ich freue mich für die Leute da zu sein, nicht einfach nur weg nach Berlin zu gehen. Ich möchte jetzt ihre Stimme in Berlin sein.

          Seit mehr als 30 Jahren hatte Merkel den Wahlkreis gewonnen, immer wieder mit großem Vorsprung. Wie ist es Ihnen gelungen, ihr Wähler nun zu sich zu holen?

          Ich habe das nicht alleine geschafft, das war eine Teamleistung mit den Genossinnen und Genossen im Wahlkreis, im Land und im Bund. Ich war jeden Tag im Wahlkreis unterwegs, und es war nicht leicht, das mit meiner Arbeit an der Universität Greifswald zu vereinbaren. Und wir haben es geschafft, Antworten zu geben auf das, was die Leute interessiert. Das waren vor allem Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit, wie hohe Mieten oder fehlender Wohnraum, auch ärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Und ich habe mir die Zeit genommen, den Leuten zuzuhören, ich habe sie ernst genommen. Das ist nun das Ergebnis.

          Waren es am Ende im Wahlkreis in all den Jahren doch nur Merkel-Stimmen, und keine CDU-Stimmen?

          Ich habe vorher schon immer gesagt, dass es schwer zu sagen ist, wie viel Merkel-Stimmen es im Wahlkreis gibt und wie viele für die CDU. Das lässt sich auch jetzt schwer sagen. Aber mein Ergebnis zeigt doch, dass die Leute den Weg Richtung Zukunft gewählt haben.

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          Als Sie 1993 geboren wurden, war Merkel schon seit drei Jahren Wahlkreisabgeordnete, seit zwei Jahren Bundesfrauenministerin, und als Sie im Gymnasium waren, wurde sie Kanzlerin – was hat es für ihre Geschichte, für ihr politisches Leben bedeutet, dass da eine Frau ihren Weg nach oben gegangen ist?

          Ich habe mich schon sehr früh politisch engagiert, für mich persönlich hat es deshalb keine so große Rolle gespielt. Aber ich habe im Gespräch auch mit Kindern immer wieder gemerkt, dass sie natürlich ein Vorbild ist. Für junge Mädchen ist das ein starkes Zeichen zu sehen, als Frau funktioniert es genauso. Man muss nicht männlich sein, um Politik zu machen. Man muss nicht männlich sein, um Macht zu haben. Das können Frauen ganz genauso.

          Vieles, was in den vergangenen 30 Jahren im Wahlkreis gebaut, saniert, entwickelt wurde, wird auch zumindest dem Mitwirken von Merkel zugeschrieben. Fürchten Sie, dass es auch Enttäuschungen geben könnte, wenn der Wahlkreis mit Ihnen nun nicht mehr so im Fokus sein wird in Berlin?

          Das werden wir sehen. Mein Ziel ist es, ganz nah bei den Menschen zu bleiben. Das konnte Angela Merkel sicher nicht so gut machen, wie sie es vielleicht gewollt hätte aufgrund ihres Amtes in Berlin. Ich glaube, wenn man mit den Menschen spricht und ihnen erklärt, ich bin zwar nicht Bundeskanzlerin, aber doch eure Abgeordnete, wird es dafür Verständnis geben. Und natürlich werde ich versuchen, alles für den Wahlkreis herauszuholen. Diese Region hat massive Chancen, schon durch die Digitalisierung. Wir haben hier eine unfassbar schöne Region. Alle Abgeordneten sagen immer, sie hätten den schönsten Wahlkreis. Aber in meinen Wahlkreis kommen sie dann, um Urlaub zu machen.

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          Von Merkels erstem Wahlkampf im Wahlkreis gibt es ein ikonisches Bild, wie sie mit Fischern zusammensitzt, auch ein Schnaps soll getrunken worden sein. Haben Sie das im Wahlkampf auch erlebt?

          Nein, aber ich konnte auch keinen Schnaps trinken, weil ich ja immer selbst gefahren bin.

          Wie geht es nun weiter für Sie?

          Jetzt packe ich erstmal meinen Koffer, und dann geht es nach Berlin. Es gibt schon heute Abend das erste Netzwerktreffen des Seeheimer Kreises, morgen Abend ist die Parlamentarische Linke dran, der ich mich anschließen werde. Und am Dienstagvormittag ist die erste Fraktionssitzung. Dann geht es los.

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