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Kommentar : Ein Menetekel für Merkel – und Seehofer

Für die CSU gibt es keinen schlimmeren Albtraum als den Verlust der absoluten Mehrheit. Diese Angst und der Streit um die Nachfolge des waidwunden Parteivorsitzenden können auch für die angeschlagene Merkel gefährlich werden.

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          Der Abend, an dem die große Koalition unterging, wartete mit einigen Überraschungen auf, aber auch mit einem Déjà-vu-Erlebnis: Schulz ließ, wie weiland Schröder, in der sogenannten Elefanten-Runde die im Wahlkampf noch völlig weggesperrte Sau raus, während Merkel die Verwandlung des SPD-Vorsitzenden aus einem Dr. Jekyll in einen Mister Hyde und das miserable Ergebnis ihrer eigenen Partei wieder mit einem Lächeln überging.

          2005 half Schröders Auftritt Merkel dabei, das Amt der CDU-Vorsitzenden zu behalten und ins Kanzleramt zu kommen. Nun hängt ihr Verbleiben an der Spitze der Regierung nach der Flucht der SPD in die Opposition davon ab, ob sie ein Viererbündnis zustande bringt, das es im Bund noch nie gab, weil es an eine politische Quadratur des Kreises grenzt.

          Schon FDP und Grüne liegen in Fragen der Migration und der inneren Sicherheit ziemlich über Kreuz. Die CSU aber wäre selbst dann nicht leicht für „Jamaika“ zu gewinnen gewesen, wenn die Wahl glimpflich für sie ausgegangen wäre. Nun aber hat Merkel es mit einem waidwunden Löwen aus Ingolstadt zu tun, der schon lange den heißen Atem eines jüngeren Konkurrenten um die Rudelführung im Nacken spürt.

          Seehofer steht unerwartet früh mit dem Rücken zur Wand. Das Versagen beim Niederhalten der AfD in Bayern muss er auch seiner Schaukelpolitik gegen und für Merkel und für und gegen die Obergrenze anrechnen lassen. Die CSU hat unter Seehofer einen Teil ihrer Stammwählerschaft verwirrt und an AfD und FDP verloren. Die CSU wird, will sie diese Stimmen bis zur Landtagswahl zurückgewinnen, einen klareren Kurs steuern und aus den Koalitionsverhandlungen Trophäen mit nach München bringen müssen, die von Tieren stammen, die für FDP, Grüne und Merkel heilig sind.

          Für die CSU gibt es keinen schlimmeren Albtraum als den Verlust der absoluten Mehrheit. Seehofer wird, das unrühmliche Ende seiner Vorgänger vor Augen, alles daran setzen, die Alleinregierung zu verteidigen. Selbst dann wird seine Herrschaft aber kaum weit über 2018 hinausreichen. Die CSU befindet sich aus ihrer Sicht in einem Überlebenskampf, den der laufende Erbfolgestreit noch erschwert. Diese Kombination könnte auch für die angeschlagene Merkel gefährlich werden. Mit Hochmut blicken CDU und CSU nicht auf den Niedergang der SPD; viele Christliche Demokraten sehen in ihm voller Sorge ein Menetekel.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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