https://www.faz.net/-gpf-7hq0g

Kanzlerschaft und Beziehung : Ein Amt, dem man das Leben widmet

2013: Gertrud und Peer Steinbrück Bild: dpa

Vor Gertrud Steinbrück hat noch nie ein Partner eines Kanzlerkandidaten so deutlich öffentlich gesagt, dass er von der Bewerbung nichts hält. Müssen Partner eine Kanzlerkandidatur unterstützen?

          Es sind erstaunliche Sätze: „Ich werde ja auch oft gefragt, findest Du nicht auch, Frau Merkel macht das gut? Und ich kann nur sagen, Frau Merkel macht das sensationell gut. Mein Problem ist, ich hätte gern ein anderes politisches Ergebnis. Aber von der Technik her... pfff... kommen wir nie ran, super.“ Gesprochen hat diese Sätze die Frau des SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück. Gesendet wurden sie sechs Tage vor der Bundestagswahl in der ARD.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Es ging darum, dass der Kandidat der Sozialdemokraten gelegentlich provoziere, während die Kanzlerin sich fast unsichtbar mache. Gertrud Steinbrück rühmte also die politischen Kampftechniken der Amtsinhaberin. Sie sagte das weder spöttisch noch abwertend. Sie sprach wie ein Abwehrspieler im Fußball, der das Tricksen und Täuschen des Angreifers nicht schön findet, aber eingestehen muss, dass er dagegen machtlos ist.

          „Man gibt nicht auf“

          Gut einen Monat vorher, gegen Ende einer verstolperten Kampagne, hatte Frau Steinbrück dem Fernsehpublikum mitgeteilt, dass sie mit dem Gatten auch übers Aufgeben gesprochen habe. „Selbst wenn man darüber nachdenkt, tut man das nicht. Niemals, man gibt nicht auf.“ Wiederum kurz zuvor hatte Gertrud Steinbrück ihren Mann bei einem gemeinsamen Auftritt anlässlich eines SPD-Konvents zum Weinen gebracht, als sie ihn darauf hinwies, was er alles an privatem Glück wegen seiner Kanzlerkandidatur aufgebe. Sie schleuderte ihm den Vorwurf entgegen, dass er mit seinen Kandidatur-Plänen „hinterm Berg“ gehalten habe, dass sie aus den Nachrichten davon erfahren habe, dass es kein Gespräch gegeben habe, „was das mit uns macht“. Peer Steinbrücks Versuch, sie in ihrem Furor zu stoppen, würgte sie brüsk ab. „Wir haben gesagt, jetzt sind wir einmal ehrlich, also sind wir jetzt ehrlich.“

          Wenn je das Wort „Klartext“ im Zusammenhang mit dem Namen Steinbrück eine Berechtigung hatte, dann an diesem Vormittag. Hier sprach eine selbstbewusste Frau, die sich die Zeit nach ihrer Pensionierung an der Seite ihres Mannes offenbar anders vorgestellt hatte. Nie zuvor hat der Partner eines Bewerbers um das wichtigste Amt im Land so deutlich öffentlich gesagt, dass er oder sie von dieser Bewerbung nichts hält.

          1998: Hannelore und Helmut Kohl

          Die Bedeutung der Ehepartner von Kanzlern ist unterschiedlich. Hannelore Kohl war nicht so begeistert vom Amt ihres Gatten wie er selbst. Aber sie entstammte einer Generation, in der häufig der Mann Karriere machte und die Frau ihn dabei unterstützte. So tat sie es. Sollte sie etwas gegen die insgesamt sechs Bewerbungen ihres Mannes um das Amt des Bundeskanzlers gehabt oder an seinen Siegchancen gezweifelt haben (wofür zumindest in der Spätphase der Regentschaft Kohls manches spricht), wäre sie doch nicht auf die Idee gekommen, dieses in kurzen Abständen öffentlich auszubreiten. Und sie war Kohl eine enorm wichtige Stütze. Sie habe „Wichtigtuer und Einschmeichler“ sofort erkannt und ihn vor mancher personellen Fehlentscheidung bewahrt, sagte Kohl über seine Frau. Sie und die Frau von Kanzler Willy Brandt seien „wohl die beiden einzigen Kanzlergattinnen, die international wirklich eine Rolle gespielt haben“. Hannelore Kohl arbeitete sogar am Zehn-Punkte-Programm zur Wiedervereinigung mit, Kohls wichtigster politischer Leistung.

          2009: Doris Schröder-Köpf und Gerhard Schröder

          Die Frau von Kanzler Gerhard Schröder, Doris Schröder-Köpf, die inzwischen eine eigene politische Karriere plant, hatte ganz und gar nichts dagegen, dass ihr Mann das höchste Regierungsamt anstrebte. Schon Ende Juni 1998, drei Monate vor der Bundestagswahl, kündigte sie ihre „beratende“ Mitwirkung im Wahlkampf an. Nachdem Schröder die Wahl gewonnen hatte, bezog Schröder-Köpf als erste Frau eines Bundeskanzlers ein Büro mit eigener Referentin im Kanzleramt. Schröder bezeichnete seine Frau einmal als seine „wichtigste Verbindung zur Außenwelt, zur Welt außerhalb des Berliner Politikbetriebs“.

          2013: Angela Merkel und Joachim Sauer

          Sogar Joachim Sauer, seit acht Jahren Deutschlands erster Kanzlerinnengatte, scheint irgendwie seinen Frieden mit dem Amt seiner Frau gemacht zu haben. Dabei konnten daran zunächst Zweifel entstehen. Immerhin erschien er nicht im Bundestag, als Angela Merkel zur Bundeskanzlerin gewählt wurde. Doch hat Sauer bis heute nicht den Eindruck erweckt, dass er Einwände gegen die Betätigung seiner Frau als Kanzlerin hat. Vielmehr haben die beiden sich offenkundig für ein Lebensmodell entschieden, in dem jeder dem anderen äußerste Freiheit lässt und die Hoffnung auf gemeinsame Scrabble-Nachmittage gegen null geht. Kinder, die wie im Fall Steinbrück etwas gegen Vaters Kanzlerkandidatur einwenden, hat zumindest Angela Merkel nicht. Sauer begleitet die Kanzlerin nur äußerst selten auf politische Termine. Da muss schon ein G-8-Treffen in Deutschland stattfinden oder eine Reise zum amerikanischen Präsidenten. Öffentlich äußert er sich nie zur Arbeit seiner Frau. Dennoch sagt diese, dass sie ihre Arbeit ohne ihren Mann „gar nicht machen“ könnte.

          Letztlich ist es schwer zu sagen, wie groß der Einfluss eines Ehepartners auf die Politik eines Regierungschefs wirklich ist. Viele von ihnen, auch ausländische, behaupten gern, ihre Partner, meistens sind es die Frauen, seien extrem wichtige Berater für sie. Manchmal ist der Einfluss auch öffentlich gut zu beobachten. Michelle Obama hält sogar Reden auf ihren Mann. Stephanie zu Guttenberg (ja, ja, der Gatte war Verteidigungsminister, nicht Kanzler) hielt sogar eine Rede anstelle ihres Mannes, weil der keine Zeit hatte. Bei diesem Paar wusste man bisweilen nicht mehr, wer eigentlich der Verteidigungsminister war.

          Gertrud Steinbrück sagt: „Frauen, die sich über ihre Männer definieren – das geht gar nicht.“ Mag sein. Aber Bundeskanzler ist kein Job, kein Amt wie jedes andere. Wer Bundeskanzler werden will, muss diesem Amt, solange er es innehat, sein Leben widmen. Ein Ehepartner hat kaum eine andere Chance, als dabei mitzumachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

          Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

          Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

          Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.