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Vor der Bundestagswahl : Jeder Zweite sieht in „Fake News“ eine ernsthafte Gefahr für Demokratie

  • -Aktualisiert am

Inzwischen auch im Duden: „Fake News“ Bild: dpa

Informieren sich die Deutschen vor der Bundestagswahl mehr über das Fernsehen – oder doch über Twitter? Eine repräsentative Umfrage, die FAZ.NET vorab vorliegt, zeigt das Misstrauen vieler Menschen gegenüber klassischen Medien.

          Fast jeder zweite Erwachsene in Deutschland hält Falschmeldungen, sogenannte „Fake News“, für eine ernsthafte Bedrohung der Demokratie. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die FAZ.NET vorab vorliegt. Mit Blick auf die Bundestagswahl im September wurden die Teilnehmer der Umfrage unter anderem gefragt, welche Medien besonders anfällig für verfälschte Informationen seien. Bereits Mitte Juni hatte eine repräsentative Befragung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen ergeben, dass mehr als die Hälfte aller Internetnutzer ab 14 Jahren schon Erfahrung mit Falschmeldungen gemacht hat.

          Vertrauen in Medien stark eingeschränkt

          Die nun vorgestellte Studie zeigt, dass nur eine Minderheit der Wahlberechtigten den Medien als Institution vertraut – deutlich weniger als beispielsweise der Polizei oder dem Bundesverfassungsgericht. Dabei wird innerhalb der Medienlandschaft differenziert: Ein gutes Viertel hält öffentlich-rechtliche Medien für grundsätzlich vertrauenswürdig, was in etwa den Vertrauenswerten der Gewerkschaften oder der Bundesregierung entspricht, aber nur zwölf Prozent vertrauen privaten Medien. Drei von zehn Befragten befürchten zudem, dass klassische Medien wie Tageszeitungen, Fernsehen oder Rundfunk bewusst wichtige Ereignisse aus Gründen der politischen Korrektheit verschweigen. Nur ein Drittel sieht sich durch die mediale Berichterstattung korrekt und umfassend über das politische Geschehen in Deutschland informiert. Allerdings halten mehr Menschen das gedruckte sowie das Online-Angebot von Zeitungen und Nachrichtenmagazinen für vertrauenswürdig (48 und 42 Prozent) als dies beim Angebot der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunksender der Fall ist (47 und 40 Prozent).

          Die große Mehrheit der Wahlberechtigten (61 Prozent) informiert sich online über Politik. Damit ist das Internet inzwischen zur zweithäufigsten Informationsquelle aufgestiegen – wichtiger ist nur noch das Fernsehen (73 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen Rundfunk sowie gedruckte Zeitungen und Nachrichtenmagazine (47 und 42 Prozent). Ein Drittel immerhin bezieht seine Informationen aus persönlichen Gesprächen.

          Unter den Wahlberechtigten, die sich im Internet über Politik informieren, nutzt die Hälfte hierzu Onlineangebote von Zeitungen und Nachrichtenmagazinen. Ein Drittel (34 Prozent) zieht Nachrichtenportale zu Rate, ein Viertel die Webseiten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Unter den sozialen Medien ist Facebook bei der politischen Meinungsbildung am beliebtesten (30 Prozent), gefolgt von Youtube (15 Prozent) und – weit abgeschlagen – dem Kurznachrichtendienst Twitter (sieben Prozent). Jeder zehnte Internetnutzer beteiligt sich dabei aktiv an politischen Diskussionen mit anderen Nutzern; am größten ist dieser Anteil unter potentiellen Wählern der FDP und der Linkspartei (je 19 Prozent), gefolgt von Anhängern der AfD (15 Prozent).

          Soziale Medien am anfälligsten für Fake News

          Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten (54 Prozent) ist der Meinung, Falschmeldungen habe es schon immer gegeben. Dennoch ist fast die Hälfte (48 Prozent) alarmiert und sieht in „Fake News“ eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) glaubt aber auch, der Begriff „Fake News“ werde häufig verwendet, um missliebige Nachrichten unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt zu diskreditieren. Interessant: Immerhin 13 Prozent stimmten der Aussage zu, verfälschte Informationen stellten in anderen Ländern ein großes Problem dar, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, nicht aber in Deutschland.

          Soziale Medien sind nach Ansicht der Befragten besonders anfällig für Falschmeldungen. Den unrühmlichen Spitzenplatz nimmt hierbei Facebook ein, das 61 Prozent der Wahlberechtigten als sehr stark oder stark anfällig einschätzen, gefolgt von Twitter (55 Prozent) und Youtube (51 Prozent). Abgesehen von den sozialen Medien wird interessanterweise nicht nach Mediengattung, sondern nach Anbieter differenziert. So werden Boulevardzeitungen sowohl online als auch in gedruckter Form für anfälliger gehalten (42 bzw. 39 Prozent) als Zeitungen und Nachrichtenmagazine (21 bzw. 14 Prozent).

          Bundestagswahl: Andere Faktoren wichtiger als Fake News

          Mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl erwarten mehr als ein Drittel (38 Prozent), dass Fake News im Wahlkampf eine Rolle spielen werden. Zum Vergleich: 44 Prozent halten Terrorwarnungen und -drohungen für wichtig, 42 Prozent einen „schmutzigen“ Wahlkampf. Allerdings schreibt nur ein Viertel Falschmeldungen die Fähigkeit zu, das Wahlergebnis stark oder sehr stark zu beeinflussen. Terrorismus, schmutziger Wahlkampf, Enthüllungen („Leaks“) sowie TV-Duelle zwischen den Kandidaten halten mehr Wahlberechtigte für ausschlaggebend.

          Interessant ist, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Falschmeldungen unter Anhängern von Linkspartei und FDP am höchsten eingeschätzt wird. Allerdings schreiben Linkspartei-Anhänger „Fake News„ einen großen Einfluss zu, wohingegen FDP-Anhänger der vermeintlichen Wirkung skeptisch gegenüberstehen. Grünen-Anhänger sehen „Fake News“ dagegen insgesamt eher entspannt: Sowohl die Wahrscheinlichkeit des Auftretens als auch der Einfluss von Falschmeldungen wird unter ihnen am niedrigsten eingestuft.

          Das Phänomen „Fake News“ ist in aller Munde, seit die gezielte Streuung von Falschmeldungen insbesondere im Internet verdächtigt wird, während der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten 2016 sowie in Frankreich 2017 eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Im Mai war eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen bereits zu ähnlichen Ergebnissen wie die nun vorgestellte Studie gekommen – insbesondere was die Einschätzung von Gefahr und Einfluss von Falschmeldungen betrifft. Die Umfrage wurde mithilfe eines Onlinepanels durchgeführt, durch das insgesamt 2000 Nutzer, ein repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, Ende Mai über das Themenfeld befragt wurde.

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