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Datenanalyse : Ist die Bundestagswahl schon gelaufen?

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Die Höhe der Ausschläge, insbesondere natürlich im Wahljahr 2005, ist auf den ersten Blick bemerkenswert. Sie wird aber verständlich, wenn wir uns uns – die Wählerinnen und Wähler – genauer anschauen. Ganz selbstverständlich ist heutzutage im Vorfeld von Wahlen von „Unentschlossenen“ und „Spätentscheidern“ die Rede. Zu Recht? Tatsächlich prägen sie in großer Zahl das wahlpolitische Geschehen. „Unentschlossen“ ist ein Wähler, der auf die „Sonntagsfrage“ – „Welche Partei werden Sie wählen, wenn im September Bundestagwahl ist?“ – mit „weiß ich nicht“ antwortet. Den Anteil so definierter Unentschlossener und seine Entwicklung mit näher rückendem Wahltag zeigt die folgende Abbildung für die Wahljahre 2005, 2009 und 2013.

Abbildung 2: Der Anteil der Unentschlossenen in den Wahljahren 2005, 2009 und 2013

Auch hier gibt es mindestens drei Botschaften: Dieser Anteil war im Vergleich der drei Wahljahre im Jahr 2005 am höchsten, er nimmt zweitens in allen drei Wahljahren kontinuierlich ab (auch wenn es immer mal wieder Wochen gibt, die zu verstärkter Unsicherheit bei den Bürgern führt) – und selbst unmittelbar vor der Wahl sind noch 17 (2009, 2013) bis 25 Prozent der Wahlberechtigten (2005) unentschlossen. Bis zum Schluss ist also noch eine Menge zu holen – theoretisch zumindest, denn einschränkend muss man darauf hinweisen, dass bis spät in den Wahlkampf fortbestehende Unsicherheit häufig zu Nichtwahl führt.

Abbildung 3: Zeitpunkt der Wahlentscheidung in den Wahljahren 2005, 2009 und 2013 (Selbstauskunft der befragten Bürger)

Dass Wahlen heute Züge einer Bergetappe mit einem fulminanten Schlussspurt verbinden, zeigt auch die letzte Grafik: In den Wahljahren 2005, 2009 und 2013 wurden Wähler nach dem Wahltag befragt, wann sie eigentlich ihre Wahlentscheidung getroffen haben? Das heißt nicht zwangsläufig, dass Menschen sich zu diesem Zeitpunkt nochmals umentschieden haben, aber zumindest stand doch subjektiv ihre Wahlentscheidung bis dahin zur Disposition. Die Wählerschaft der Jahre 2005, 2009 und 2013 wirkt in dieser Hinsicht gespalten: Gut die Hälfte sagt, dass ihre Wahlentscheidung schon lange – also Monate vor dem Wahltag – feststand. Die andere Hälfte dagegen hat sich erst im Wahlkampf entschieden. Dabei ähneln sich die Bilder der drei Wahljahre so betrachtet sehr. Dies gilt auch bei detaillierter Betrachtung, wann innerhalb des Wahlkampfs diese Entscheidung gefallen ist: 18 Prozent sagen, dies sei „in den Wochen vor der Wahl“ passiert, rund 15 Prozent „in den Tagen vor der Wahl“ und rund 10 Prozent erst „am Wahltag“ selbst.

Alles kann, nichts muss. Auch der Blick auf die Wählerinnen und Wähler untermauert dieses Fazit. Vor uns liegen vier Monate Wahlkampf, in denen noch einiges passieren kann, aber keineswegs muss. Das heißt aber im Mindesten dann auch, dass wir uns nicht einreden lassen sollten, dass doch schon alles gelaufen sei. Das wäre nicht nur eine nicht gerechtfertigte Geringschätzung eines demokratischen Grundpfeilers namens Wahlkampf, es wäre auch eine im Lichte der Zahlen nicht gerechtfertigte Charakterisierung von Entwicklungen, die wir in der jüngeren Vergangenheit in genau diesen Zeiten haben beobachten können.

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