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Ehe für alle : Große Politik im Talkshowsessel

  • -Aktualisiert am

Merkel im Gespräch mit der Zeitschrift „Brigitte“: Wieder ein Wahlkampfthema aus dem Weg geräumt? Bild: AFP

Plötzlich spricht Kanzlerin Merkel von einer Gewissensentscheidung bei der „Ehe für alle“. Die SPD nutzt die Gunst der Stunde. Doch wem nützt der Vorstoß mehr?

          Das Gespräch, das Redakteurinnen der Zeitschrift „Brigitte“ mit Angela Merkel am Montagabend führen, ist nett. Die Bundeskanzlerin über Martin Schulz, ihren SPD-Herausforderer: „Er kann gestochen scharf sprechen. Und er ist unerschütterlich in seinem Glauben an Europa. Das finde ich gut.“ Die CDU-Vorsitzende über ihre Arbeit: „Meine mutigste politische Entscheidung war der Ausstieg aus der Atomenergie. Das war eine Zäsur.“ Merkel über ihre abermalige Kanzlerkandidatur: „Ich fand es wichtig zu überlegen, ob die innere Kraft, Motivation, die Neugier auf andere Menschen und die Freude reichen, bevor ich meiner Partei sage, dass ich wieder zur Verfügung stehe.“ Über ihren Ehemann: „Wir reden nicht dauernd über Politik, aber er ist auch indirekt ein guter Berater.“ Merkel scheint entspannt. Zur Bemerkung des SPD-Kanzlerkandidaten, ihre Wahlkampfstil sei ein „Anschlag auf die Demokratie“, äußert sie: „Eigentlich habe ich Martin Schulz immer ganz anders erlebt, wahrscheinlich ist Wahlkampf ganz schön anstrengend. Schwamm drüber, würde ich sagen.“

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Gegen Ende der Veranstaltung im Maxim Gorki Theater wird sie noch nach dem Thema „Ehe für alle“ gefragt – ein Vorhaben, auf das sich die große Koalition zu Beginn ihrer Arbeit 2013 wegen des Widerstands der Unionsparteien nicht hatte verständigen können, welches aber in den vergangenen Tagen die Gemüter bewegt hatte. Sie sei „bekümmert“, sagt Merkel, dass diese sehr individuelle Frage Gegenstand von „Parteitagsbeschlüssen und plakativen Dingen“ sei. Sie wolle mit der CDU und der CSU „anders darauf reagieren“. Sie selbst und viele Mitglieder in der Union beschäftigten sich intensiv mit dem Thema. Und: Sie wünsche sich eine Diskussion, die „eher in Richtung einer Gewissenentscheidung geht“. Es sei dahingestellt, ob ihre Antwort zielgerichtet eine politische Debatte lostreten sollte oder ob Merkel sich eher als Privatperson fühlte. Ihre Antwort jedenfalls löst ein politisches Beben aus. Eilmeldung der Deutschen Presse-Agentur um 21.23 Uhr. „Merkel rückt vom Nein der CDU zur Ehe für alle ab.“

          Diese landet auch auf den Mobiltelefonen der SPD-Führung. Ende Juni reiht sich Sommerfest an Sommerfest. Martin Schulz, Thomas Oppermann und Hubertus Heil sind abends auf einem Journalistenausstand in einem Biergarten in unmittelbarer Nähe zum Kanzleramt. Schulz bricht schon bald wieder auf. Als die Meldung eingeht, besprechen sich Oppermann und Heil: Das will man Merkel nicht durchgehen lassen. Nun werde man auf Risiko setzen. Oppermann ruft Schulz später an: Auch der SPD-Vorsitzende ist an Bord. Sigmar Gabriel, der sich unwohl fühlt, hat zu dieser Zeit seine eigene Party auf der Dachterrasse des Auswärtigen Amtes längst verlassen. Obwohl er am Abend nicht mehr in die Telefonate eingebunden ist, hat er auf der Heimfahrt nach Goslar eine Idee. Die SPD-Führung hofft: Ist das die Chance, um wieder nach vorne zu kommen?

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