https://www.faz.net/-gpf-7kffi

Heiko Maas : Überraschung von der Saar

Bild: Matthias Lüdecke

Dass Heiko Maas Bundesjustizminister werden soll, ist die vielleicht größte Überraschung der großen Koalition. Der Saarländer wurde lange unterschätzt - dabei könnte er mit seinem Hintergrund noch von großer Bedeutung für die SPD sein.

          3 Min.

          Wenn in jenem November jemand laut gesagt hätte, dass Heiko Maas einmal Bundesjustizminister in einer großen Koalition würde, man hätte ihn ziemlich sicher für verrückt erklärt. Man schrieb das Jahr 2009, die saarländische Landtagswahl war seit ein paar Wochen vorüber und Maas mehr als zuversichtlich, dass er mit seiner SPD endlich den CDU-Mann Peter Müller würde ablösen können - als Ministerpräsident einer rot-rot-grünen Koalition. Doch dann wechselten die Grünen in letzter Minute die Seiten und ließen sich von Müller zu einer Jamaika-Koalition mit der FDP überreden. Heiko Maas, der seit 1999 Oppositionsführer im Saarland war und jetzt endlich liefern wollte, war düpiert und eine politische Karriere, schien es, vorzeitig an ihrem Ende angekommen.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Man hätte damals viel darauf gewettet, dass Maas alles hinwerfen würde - und hätte viel Geld verloren. Denn entgegen allen Erwartungen schüttelte sich der gebürtige Saarlouiser kurz und machte dann als Parteivorsitzender und Fraktionsführer im Landtag weiter. Womöglich war es dieser Moment, auf die größte Niederlage mit größtmöglichem Trotz zu reagieren, der Heiko Maas erst zu einem Politiker reifen ließ, der auch in Berlin würde bestehen können.

          Früh verglühte sozialdemokratische Hoffnung

          Als „ewiger Kronprinz“ war Maas lange verspottet worden, als blasser Bürokrat, der so gern an die goldenen Zeiten Oskar Lafontaines an der Saar angeknüpft hätte und die SPD doch nie zur alten Stärke führen konnte. Dabei war es ausgerechnet Lafontaine, der Maas' politisches Talent als Ministerpräsident erkannte und schon früh förderte. 1998, mit 32 Jahren, wurde Maas Umweltminister unter Reinhard Klimmt - der jüngste Minister in einem deutschen Landeskabinett und eine Auszeichnung, die erst zur Bürde, später aber zur Hypothek wurde.

          So gehört es zum politischen Leben des Heiko Maas untrennbar dazu, dass er Erwartungen, die in ihn gesetzt wurde, lange nicht erfüllen konnte. Als junger Landesvorsitzender übernahm er nach Lafontaine und Reinhard Klimmt als Hoffnungsträger eine zutiefst verunsicherte Partei, die dem brachial-volkstümlichen Peter Müller kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Der Landesvater und Lautsprecher Müller auf der einen Seite, der Leisetreter und nüchterne Abwäger Maas auf der anderen - das waren über lange Jahre die Pole, zwischen denen sich die saarländische Politik bewegte. Und so mancher hatte Maas schon abgeschrieben - als allzu  früh verglühte sozialdemokratische Hoffnungsfigur.

          Zielstrebig unter dem Erwartungsradar

          Als 2012 die Jamaika-Koalition vorzeitig zerbrach und Müllers Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer Neuwahlen erzwang, ging es für Maas deshalb wieder einmal ums Ganze - und wieder enttäuschte er die Erwartungen. Bei den Wahlen wurde seine SPD zwar zweitstärkste Kraft, den erhofften Machtwechsel, dessen Chancen nach den Chaos-Jahren der Jamaika-Koalition so gut standen wie nie zuvor, verschaffte er den Genossen aber wieder nicht.

          In den Tagen und Monaten nach der Wahl bewies der studierte Jurist dann aber, dass er unter dem Erwartungsradar ein ebenso unerschrockener wie gewiefter politischer Taktierer ist. Schon früh lotete er mit Kramp-Karrenbauer die Chancen einer großen Koalition als Juniorpartner der CDU aus - wohl wissend, wie sensibel die Parteibasis darauf regieren würde. Es dürfte im Willy-Brandt-Haus aufmerksam registriert worden sein, wie geschickt Maas seiner Partei die große Koalition verkaufte, ohne sich oder deren Positionen zu verleugnen. Dass die SPD am Ende auf Augenhöhe mit der CDU in die Landesregierung ging und sich bislang auch die Befürchtungen mancher Genossen nicht bestätigt haben, die SPD werde von der CDU zu Tode umarmt, rechnet die Partei Maas noch immer hoch an - in Saarbrücken wie in Berlin.

          Blaupause für Berlin

          Überhaupt ist die große Koalition im Saarland wie eine Blaupause für die kommende im Bund: Maas und die Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (die einen guten Draht zur Kanzlerin hat) verstehen sich in ihrer unprätentiösen Art, Politik zu machen, blendend. Beide sind ideologisch vergleichsweise unverstellt und stehen für einen Typus Parteipolitiker, der eher auf eine pragmatische Mehrheitsfindung denn auf Grabenkämpfe setzt. Als stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Energie macht Heiko Maas seine Arbeit an der Saar seither, wie er bisher alle seine Aufgaben erledigte: unaufgeregt, aber fachlich solide.  

          Der alten und wohl auch neuen Bundeskanzlerin Angela Merkel wird durchaus sympathisch sein. Und auch Sigmar Gabriel dürfte es schätzen, dass mit Maas ein Politiker aus dem linken Parteiflügel nach Berlin aufrückt, der sowohl für eine große Koalition als auch perspektivisch für eine rot-rote Zusammenarbeit stehen könnte.

          Ein politisches Leben lang galt Heiko Maas als junge Nachwuchshoffnung, die ihrem Talent hinterherlief. Jetzt, mit dann doch schon 47 Jahren, könnte er zum ersten Mal Teil der Avantgarde werden.

          Weitere Themen

          Minister Schmal

          Außenamtschef Heiko Maas : Minister Schmal

          Heiko Maas ist nicht unbeliebt, aber eine prägende Rolle spielt der Außenminister nicht. Zuletzt hat er vor allem mit fragwürdigen Auftritten für Aufregung gesorgt.

          Topmeldungen

          Verwaltungshochhaus vom Volkswagen-Werk in Wolfsburg (Archivbild)

          Musterklage : VW öffnet sich für Vergleich mit Diesel-Kunden

          Der Autohersteller beugt sich dem Druck des Gerichts, das auf einen Vergleich dringt. Der Prozess ist aber schon jetzt zäh für Volkswagen. Inzwischen erwartet der Konzern auch schlechtere Geschäftsaussichten.
          Entspannt im Alter: Damit der Ruhestand nicht zur Armutsfalle wird, soll die private Altersvorsorge reformiert werden – aber wie? (Symbolfoto)

          Geförderte Altersvorsorge : Riester-Reform statt Staatsfonds

          Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung ein kostengünstiges Standardprodukt versprochen. In der CDU wächst die Sympathie für die Deutschland-Rente. Nun legt die Finanzbranche ein Gegenmodell vor. Die F.A.Z. hat es vorab.
          Verkehrsminister Scheuer musste sich wegen der Maut-Vergabe im Juli den Fragen des Verkehrsausschusses im Bundestag stellen.

          Pkw-Maut : Rechnungshof kritisiert Scheuer

          Der Bundesverkehrsminister wird seit langem für das Vergabeverfahren für die Pkw-Maut angegriffen. Auch der Bundesrechnungshof ist nicht einverstanden. Es listet gleich eine ganze Reihe von Verstößen auf.
          An der Stelle des Unglücks: Kerzen und Stofftiere erinnern an den Jugendlichen, der hier in der Münchener Innenstadt von einem Raser totgefahren wurde.

          Raserunfall in München : „Keine Hetzjagd“

          Eine Videoaufnahme von dem Raserunfall in München, bei dem ein Jugendlicher starb, soll die Polizei von Hetzjagd-Vorwürfen entlasten und den Vorsatz des Fahrers belegen. Die Staatsanwaltschaft sieht mehrere Mordmerkmale erfüllt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.