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Grünes Wahlergebnis : Wo die Sonnenblumen welken

Wahlniederlage: Die Grünen um das Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin Bild: dpa

Die Grünen können nur über den Absturz der FDP jubeln - das eigene Ergebnis ist eine Enttäuschung. Die Partei hat sich verkalkuliert. Ihre Führungsmitglieder versprechen eine „schonungslose“ Analyse.

          Bei den Grünen jubelt die Mitgliedermenge bloß, als erstmals auf den großen Bühnenbildschirmen der Absturz der FDP gemeldet wird; die guten Zahlen für die Partei Alternative für Deutschland ernten einzelne „Nazis raus“-Rufe. Aber die beiden Spitzenpolitiker, die die Grünen zu diesem schlechten Wahlergebnis geführt haben, Jürgen Trittin und Karin Göring-Eckardt, wollen das Abschneiden der anderen gar nicht zu Ausflüchten nutzen. Eine Niederlage sei das für die Grünen, sagen sie in der Kreuzberger Columbia-Halle – eine „klare Niederlage“, sagt Göring-Eckardt, eine „doppelte Niederlage“, sagt Trittin. Weder sei das Ziel erreicht worden, eine rot-grüne Mehrheit zu bilden, noch sei es gelungen, die Grünen stärker zu machen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          In den weiteren Sätzen driften die Kandidatin, die ihre Unterstützung in der Partei eher aus dem „realpolitischen Flügel“ ableitet, und der Kandidat, der stärker den linken Flügel bindet, schon etwas auseinander. Göring-Eckardt sagt, jetzt sei der Moment für eine „sehr ehrliche und klare Analyse gekommen“. Die Frage, die sich stelle, laute nun: „Wie können wir die Mitte der Gesellschaft, die wir für die ökologische Wende brauchen, für die Grünen zurückgewinnen?“ Eine „harte Analyse“ werde dies, prophezeit sie, „eine schwere Zeit für uns“. Ähnliche Blicke auf „die Mitte der Gesellschaft“ wirft die Fraktionsvorsitzende Renate Künast in zahlreichen Fernsehinterviews an diesem Abend. Wohin sollen die Grünen rücken? Trittins Appelle lauten etwas anders: Er spricht dunkel von „mächtigen Interessengruppen“, die „starken Gegenwind“ gegen die Grünen im Wahlkampf erzeugt hätten. Er sagt, die Grünen wollten „ihrer besonderen Verantwortung zur Sicherung der Energiewende gerecht werden“. Und er endet mit einer Fußball-Metapher: Man könne „mal ein Spiel verlieren, aber dann steht man auf und kämpft weiter“.

          Gemeinsam verloren

          Trittins häufigstes Wort an die Partei lautet: „Gemeinsamkeit“. Ja, die Partei müsse sich den Niederlagen stellen, „schonungslos, aber gemeinsam“. Die Parteivorsitzende Claudia Roth, die wie Trittin im innerparteilichen Richtungsanzeiger der Grünen auf die linke Seite gewiesen wird, spricht ähnlich: Die Gründe für die Niederlage müssten nun gemeinsam debattiert werden – „in großer Verantwortung als Gesamtpartei und in großer Verantwortung für die Gesamtpartei“.

          Die Forderungen nach der harten Analyse, die von Göring-Eckardt, aber auch von anderen führenden Grünen nun erhoben werden, zielen auch auf den Meisterstrategen Trittin. In ihrem Wahlkampf hatten die Grünen die Wunschvorstellung genährt, es könnten sich drei Parteien auf der linken Seite des politischen Spektrums jene „gesellschaftliche Mehrheit“ aufteilen, welche die grünen Programmstrategen als ein – durch Umfragen und Studien gestütztes – Faktum nahmen. Es gelte bloß, so dozierten Trittin und andere, jene „gesellschaftliche Mehrheit“ in eine „politische Mehrheit“ zu überführen. Aus dieser Annahme folgte erstens der Schluss, die eigene Partei konkurriere stärker mit der SPD und der Linkspartei als mit den Repräsentanten des bürgerlichen Lagers, und zweitens das Bemühen, vor allem jene gesellschaftlichen Mehrheitsmitglieder zu mobilisieren, deren Teilnahme an Wahlen als eher unsicher gilt.

          Linker Anspruch, verschreckende Realität

          So suchten sich die Grünen erstens ein solideres und glaubwürdigeres linkes Programm auf die Beine zu stellen als SPD und Linke, übersahen dabei aber, dass ihr Bemühen um Glaubwürdigkeit sich eher an jene (bürgerlichen) Sympathisanten richtete, die der Inhalt des Programms (Steuererhöhungen, Freibetragskürzungen) zugleich verschreckte. Die Nutznießerklientel hingegen war mutmaßlich durch die detaillierte Haushaltsführung des Grünen-Programms weniger beeindruckt, bemerkte hingegen aufmerksam, dass die Grünen-Wahlversprechen zu Mindestlohn und Mindestrente sich in der Wahlwerbung der Linken noch üppiger ausnahmen.

          Und während die Sonnenblumen auf den Tischen welken, die am Anfang des Abends an die Grünen-Anhänger ausgegeben wurden, die durch die Hallentüren strömten, während das Publikum in der ziemlich vollen Columbia-Halle – die üblicherweise als Gehäuse für Rock- und Popmusikauftritte dient – allmählich in ein allgemeines Partygemurmel verfällt, wiederholen die Führungsleute der Partei immer wieder die jetzt bevorstehenden Beratungstermine, um nichts zu Inhalten, inhaltlichen Entscheidungen oder persönlichen Beschädigungen sagen zu müssen: An diesem Montag trifft sich zunächst der kleine Parteivorstand, dann der größere, aber bloß beratend fungierende Parteirat. Für Samstag ist ein Länderrat, ein kleiner Parteitag, nach Berlin einberufen worden.

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