https://www.faz.net/-gpf-7hsvc

Grüne : Der Absturz ist erst der Anfang

Die frustrierten vier: Roth, Özdemir, Göring-Eckhardt und Trittin am Montag in Berlin Bild: Gyarmaty, Jens

Nach dem enttäuschenden Wahlabend wissen die Grünen noch nicht so recht, wohin es nun gehen soll. Jürgen Trittin sieht die Schuld nicht beim Programm seiner Partei. Das sehen nicht alle so.

          Die Grünen stehen nach ihrer Wahlniederlage nicht nur vor einem Führungswechsel, sondern auch vor dem Zwang, die Frage nach ihrem Ort im Parteiensystem beantworten zu müssen. Führende Grüne aus Hessen und aus Baden-Württemberg, die am Montag zur Sortierung des Ergebnis-Scherbenhaufens nach Berlin gekommen sind, tragen eher Ärger statt Kummer auf ihren Gesichtern. Die deutsche „Modellgemeinde“ sei eben nicht Berlin-Kreuzberg, sondern Hassloch in der Pfalz, sagt der hessische Grünen-Fraktionsvorsitzende Tarek Al-Wazir und meint damit, die Grünen hätten sich in Wahlprogramm und Wahlkampf viel zu sehr auf ihr eigenes Wohlgefühl konzentriert, statt auf die gesellschaftliche Realität in Deutschland zu achten. Und in Bayern spottet der Grünen-Landesvorsitzende Dieter Janacek über den „selbstgestrickten Lagerwahlkampf“, der zu dieser Niederlage geführt habe.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Kritik der Realos an den im Wahlprogramm angekündigten Steuererhöhungen und an Bevormundungs-Attitiüden (Veggie Day) mündet an diesem Montag allerdings nicht in die Forderung, nun müssten Sondierungsgespräche mit der Union über eine mögliche gemeinsame Regierung ernst genommen und als Chance begriffen werden. Noch behält der Spitzenkandidat und Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin die Definitionshoheit über die Gründe der Wahlniederlage und ihre Konsequenzen: Die gesellschaftliche Mehrheit, an welche die Grünen mit ihrem Wahlprogramm appelliert hätten, „war in ihren Überzeugungen noch nicht so weit, wie wir das zu Beginn unseres Wahlkampfs dachten“. Und: „Man verändert die Mitte der Gesellschaft nicht, indem man sich ihr anpasst“, doziert Trittin, „sondern indem man für seine Überzeugungen streitet.“

          „Konjunktiv, man beachte den Konjunktiv“

          Auch die den linken Parteiflügel repräsentierende Vorsitzende Claudia Roth will ernsthafte Gespräche mit der Union über eine Zusammenarbeit weiterhin für irreal halten: falls es eine Anfrage der Union zu Sondierungen gäbe, sagt Roth, um dann zu rufen: „Konjunktiv, man beachte den Konjunktiv.“ Die Grünen seien aus demokratischem Anstand allerdings bereit, diese Gespräche zu führen, fügt sie hinzu. Dem grünen Länderrat, einem kleinen Parteitag, der am Samstag in Berlin zusammenkommt, wird der Beschluss empfohlen, dass die beiden Parteivorsitzenden Roth und Cem Özdemir sowie die beiden Spitzenkandidaten Trittin und Katrin Göring-Eckardt diese Gespräche führen sollten.

          Die Enttäuschung über den Wahlausgang stand dem bisherigen grünen Spitzen-Quartett ins Gesicht geschrieben

          Es ist an diesem Montag nicht ganz deutlich, mit welchem Verhandlungsmandat diese Spitzenriege überhaupt ausgestattet sein könnte. Schon in der Wahlnacht animierte Roth den gesamten Vorstand dazu, ein Zeichen zu setzen: Der Vorschlag lautet, alle sollten anbieten, auf dem nächsten regulären Parteitag – der Termin spät im Herbst steht noch nicht fest – ihre Ämter zurückzugeben, damit eine um ein Jahr vorgezogene Vorstandswahl stattfinden könne. Roth deutet zugleich an, ohne es zu sagen, dass ihre Vorstandstätigkeit damit beendet sein werde. Ihr Vorsitzendenkollege Özdemir hingegen stellt klar, dass er zwar die Aktion gutheißt, den Vorstand um ein neues Vertrauen zu bitten, dass er selbst jedenfalls aber für eine neue Amtszeit kandidieren will; er sagt, er sehe seine Rolle „weiter an der Spitze der Partei“. Özdemir hatte versucht, seine persönliche Position und auch ein wenig das Gewicht des Realo-Flügels dadurch zu stärken, dass er in seinem Stuttgarter Wahlkreis direkt gewählt würde. Das misslang. Der einzige direkt gewählte Bundestagsabgeordnete der Grünen bleibt Hans Christian Ströbele, Wahlkreis Berlin Kreuzberg/Friedrichshain.

          Weitere Themen

          Rentner hoffen auf seine Wiederwahl Video-Seite öffnen

          Trump im „Swingstate“ Florida : Rentner hoffen auf seine Wiederwahl

          Der amerikanische Präsident will bei einem Auftritt in Florida seine Bewerbung um eine zweite Amtszeit verkünden. Florida gilt als Rentnerparadies, unter ihnen hat Trump viele Anhänger. Des Weiteren kommt dem Bundesstaat eine besondere Rolle zu.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.