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Gregor Gysi : Das Team ist er

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Zwei von acht: Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi. Bild: ddp images/Clemens Bilan

Das Spitzenteam der Linkspartei zählt acht Köpfe. Die meisten Wähler kennen nur zwei. Sahra Wagenknecht - und Gregor Gysi. Mit ihm hat der Wahlkampf nun unerwartet Schwung bekommen.

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          „Ich habe Ihnen den Sonnenschein mitgebracht“, sagt Gregor Gysi zufrieden, als er am Ende einer anstrengenden Wahlkampfreise auf der Bühne am Erfurter Anger eintrifft. Zweieinhalb Stunden haben Musiker, der Landesvorsitzende Knut Korschewsky, die Bundestagskandidaten und der Fraktionsvorsitzende Bodo Ramelow die Erfurter schon unterhalten. Sie sitzen auf Biergartenbänken, trinken Bier aus Plastikbechern, essen Bratwurst und Fettgebackenes, sammeln Informationsmaterial der Kandidaten und der Partei. Geregnet hat es nur leicht. Je weiter der Tag voranschreitet, desto häufiger zeigt sich die Sonne. Das bleibt nicht das einzige Wunder.

          Gysi hält, bestens aufgeräumt trotz der unerhörten Anstrengungen dieser Wochen, seine Wahlkampfrede mit den bekannten sechs Punkten - vom Nein zu „Kriegseinsätzen“ bis zur Anpassung der Renten in Ost und West. Anders als üblich hat er, für alle sichtbar, ein Manuskript in den Händen, das er gelegentlich konsultiert. Aus ein paar hundert Zuhörern werden rasch viele hundert. Und nach wenigen Minuten sieht man etwas, was sich in Wahlkämpfen selten einstellt: Eine gutgelaunte Menge, Wurst essend, Bier trinkend, mit den Nachbarn plaudernd. Über Gysis Witze wird gelacht, seine Anspielungen werden verstanden. Fast greifbar herrscht ein inniges Einvernehmen zwischen dem da oben und denen in der Menge. Eine Gemeinschaft ist entstanden.

          Betont unerschrocken

          Der Verband der Redenschreiber wählte Gysi zum besten Wahlkampf-Redner: Seine Vorträge seien strukturiert, seine Argumente klar, seine Sätze kurz und verständlich, seine Bilder anschaulich. Dass etwa Al Qaida nach Pakistan „umgezogen“ sei, weshalb der Einsatz in Afghanistan seinen Sinn verloren habe, zeigt sowohl Vertrautheit mit dem Thema als auch eine betonte Unerschrockenheit vor der Bedrohung. Gysi hatte immer Fans, die mit seinen Büchern zu ihm kamen, damit er sie signiere, die ihn anfassen, ihm nahe sein, ihm etwas sagen wollten. Gysi gilt auch, das zeigen die vielen Sicherheitsbeamten bei seinen Auftritten, als besonders gefährdet. Was sich in Erfurt einstellte, hat mit Politik nur am Rande zu tun; es erinnert mehr an Bob-Dylan-Konzerte in kleinen Hallen.

          Gysi ist in blendender Form. Unwiderstehlich zeigt er sich selbst als krasser Außenseiter. Zum Verhör der Berliner Spitzenkandidaten, das die Industrie- und Handelskammer und der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller veranstalteten, kam er zu spät, legte, an der Pressebank angekommen, pantomimisch den Finger auf die Lippen, nahm seinen Platz auf dem Podium ein - und mampfte in aller Ruhe die mitgebrachten belegten Brötchen. Rasch hatte er die Lacher auf seiner Seite: „Ein Ostdeutscher ist Bundespräsident. Eine Ostdeutsche ist Bundeskanzlerin. Und was aus mir wird, wissen Sie alle nicht“: So kann man das Rhabarbern um mögliche oder unmögliche Bündnisse nach der Wahl auch kommentieren.

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