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Deutschland vor der Wahl : Auf Auswärtsfahrt

„Wir werden nicht untergehen“: Mitglieder der Darmstadt-Reisegruppe auf dem Weg nach Wolfsburg Bild: Matthias Wyssuwa

Alle zwei Wochen trifft sich der harte Kern der Fans des SV Darmstadt. Bisher blieb die Politik in ihren Gesprächen draußen. Gedanken machen sie sich trotzdem. Aus der neuen FAZ.NET-Serie „Aufs Maul geschaut – Deutschland vor der Wahl“.

          Gabi ist für alle da. Sie hat Kaffee dabei, Kekse, Haribo-Tütchen, Bonbons und vor allem: gute Laune. Blondes Haar, kleiner Stecker in der Nase, Reibeisenstimme. Es ist viel zu früh an diesem Samstag, aus dem dunkelgrauen Himmel tröpfelt es beständig. Müde Menschen steigen mit ihren Darmstadt-Schals, Darmstadt-Trikots, Darmstadt-Mützen in den Bus. Und Gabi lacht, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt: eine Fahrt zum Auswärtsspiel. Nach Wolfsburg. Abstiegskampf. Noch keinen Auswärtspunkt hat der SV Darmstadt geholt in dieser Bundesligasaison. „Wer jetzt noch dabei ist, ist der harte Kern“, heißt es im Bus. Gut fünf Stunden hin und fünf Stunden wieder zurück. Für 90 Minuten Fußball.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der harte Kern an diesem Morgen sind gut zwei Dutzend Fans. Ein Jugendlicher, ein paar junge Erwachsene und dann vor allem jene, die schon ganz lange dabei sind. Gabi zum Beispiel. Die sich noch daran erinnern können, wie die Darmstädter das letzte Mal in der Bundesliga spielten. Anfang der achtziger Jahre. Alle zwei Wochen treffen sie sich, verbringen ihren Tag zusammen im Stadion und im Bus. Mitfahren dürfen nur Mitglieder, die Fan- und Förderabteilung des Bundesligisten hat alles organisiert. Alkoholverbot, familientauglich. Die Kaffeefahrt unter den Fanbussen. Deshalb sind die meisten hier. „Man will ja nicht, dass einer einem in den Nacken kotzt.“ Der Bus fährt los, Regentropfen liefern sich auf den Scheiben ein Wettrennen. Gabi bietet Bonbons an. Aus den Lautsprechern Lieder über Darmstadt. Es wird geduzt. Marcel sitzt ruhig da und sagt: „Politik und Fußball, das passt gar nicht.“

          Marcel ist in den Zwanzigern, kräftig gebaut und ein Freund klarer Sätze: „Im Stadion schieße ich schon mal über das Ziel hinaus.“ Und: „Wenn’s auf die Nuss gibt, gibt’s auf die Nuss.“ Sein Vater hat ihn einst zu den Lilien ins Stadion mitgenommen. Fußball ist auch Familiensache, Vater („Früher haben wir das vor dem Spiel im Wald geklärt, und dann war dann auch Ruhe“) und Mutter sitzen weiter hinten im Bus. Marcel sagt, er arbeite hart. Logistik, Lager. Dann Fußball. Freunde. Da bleibt keine Zeit. Aber wählen geht er. „Das macht man jetzt, dann hat man’s hinter sich.“ Bernd sitzt gegenüber und sagt: „Hier im Bus findest du alles.“ Alle Berufe, alle Meinungen. Deswegen bleibe die Politik draußen. „Wir wollen uns ja nicht streiten.“ Dabei hat Bernd viel zu sagen.

          Die Fans haben verschiedene Haltungen zur Politik

          Bernd ist lange dabei, hat Darmstadt schon in der vierten Liga begleitet und ist so freundlich, dass er noch nicht einmal mit Eintracht-Fans ein Problem hat. Es ist schwer etwas an ihm zu finden, das nicht von den Lilien ist – bis hin zum Ohrring. Als Kind fing das schon an mit ihm und dem Verein, und jetzt, da der Innenarchitekt selbst Kinder hat, sagt er, verändere das seinen Blick. Auch auf die Politik. Die Umwelt ist ihm wichtig. Was in den letzten Wochen und Monaten so in der Welt passiert ist, beunruhigt ihn. Türkei, Russland, Trump. „Der Aufstieg der Rechten in Europa.“ Die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin findet er gut. Auch der Anschlag in Berlin hat seine Meinung dazu nicht geändert.

          Ruben, Student und bekennender Linkspartei-Anhänger, hat sich dazugesetzt und sieht das so ähnlich. Er persönlich finde Merkel gar nicht so schlecht, sagt er. „Das Schlimmste an Merkel ist die CSU.“ Ihn bewegt: soziale Ungleichheit, die Schere zwischen Arm und Reich. Er sagt: „Natürlich geht es Deutschland gut.“ Aber man könne es immer noch besser haben. Frage an Marcel, was ihn in der Politik bewege, die Flüchtlingspolitik vielleicht? „Haste ja eh keinen Einfluss drauf.“ Mittendrin singt Gabi mal laut mit – „SV Darmstadt 98, du bist mein Verein“ – und sagt: „Entschuldigung, das musste raus.“ Gabi arbeitet im Kindergarten und ist Wahlhelferin. Man könne es kaum glauben, aber selbst eine Wahl könne witzig sein. Von ihrem Papa, sagt sie, habe sie die Leidenschaft für Fußball geerbt. Mit der Politik ist es nicht ganz so gelaufen. Sie lacht und bietet Haribos an.

          Ankunft in Wolfsburg. Kaum hundert Meter weiter marschieren Hunderte Wolfsburger auf. Mit Fahnen im Wind und Fäusten in der Luft, als gelte es, einen Staat zu stürzen. Sie begrüßen den Mannschaftsbus. Dann Anpfiff. „Wir sind Darmstädter.“ Tor für Wolfsburg. Halbzeit. Singen, Zittern, Fluchen. „Wir werden nicht untergehen.“ Abpfiff.

          Warten im Bus. Nebenan laden die Ultras die Bierkästen ein. Gockelgang, Spucke fliegt in dicken Fladen auf den Boden. Mit den Zähnen öffnet einer sein Bier. Zigarettenraucher-Coolness. Abfahrt in die Nacht. Keine Lieder über Darmstadt mehr. Kurze Spielbesprechung, dann Stille. Nur Gabis Lachen ist manchmal zu hören. Kurz vor Darmstadt ein Hinweis auf die nächste Auswärtsfahrt. Gabi singt: „Ingolstadt wird plattgemacht.“ Sie lacht.

          Für unsere FAZ.NET-Serie haben wir uns in der Republik umgehört – wie geht es den Menschen in der Uckermark, in Oberbayern oder in Düren? Klicken Sie auf die Karte, um zu erfahren, was die Deutschen vor der Bundestagswahl bewegt.

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