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Fake News im Wahlkampf : Erfundene Geschichten spielen (noch) keine Rolle

Die Rolle der Kreml-Medien

Sängerlaub erklärt sich die bisherige Abwesenheit solcher „Fake News“ vor allem mit einer erhöhten Wachsamkeit, nachdem das Thema nach der Wahl in Amerika in den Fokus der breiten Öffentlichkeit geriet. Die traditionellen Medien prüften heute schnell, ob eine Nachricht wahr sei und entlarvten Fälschungen rasch – und das sehr publikumswirksam. So geschehen im Falle eines Plakats der SED aus dem Jahr 1986, auf dem plötzlich ein CDU-Wahlspruch auftauchte und das über Flickr und Twitter verbreitet wurde.

Auch eine massive Desinformationskampagne war im Vorfeld der Wahl befürchtet worden, deren Ursprung besonders in Russland vermutet wurde. Schließlich machen die amerikanischen Geheimdienste russische Quellen für viele der Falschnachrichten und Gerüchte im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf verantwortlich. Auch die Veröffentlichung gehackter E-Mails der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton und ihrer Partei  sowie des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron sei aus Russland gekommen, heißt es. Gruppen wie APT 28 und CyberBerkut sollen dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Amerikanische Sicherheitsfachleute bringen beide Gruppen in Verbindung mit dem russischen Geheimdienst. Ob sie jedoch aus eigenem Antrieb handelten oder Befehle aus dem Kreml erhielten, ist unklar.

Viele Fake News im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf betrafen sie: Hillary Clinton

Bei der Verbreitung von Falschnachrichten spielen die beiden Medienkonzerne Sputnik und RT eine wichtige Rolle. Beide werden aus dem Kreml gesteuert und sollen die Sichtweise Moskaus in den Westen transportieren. Vor allem nutzen sie ihre Reichweite, um Unklarheit und Skepsis zu verbreiten. Den Lesern soll nicht mehr klar sein, wem sie eigentlich noch trauen können. Damit untergraben die Kreml-Medien das Vertrauen in das politische System und die Demokratie. Der französische Präsident Emmanuel Macron stellte denn auch die richtige Frage, ob das überhaupt überhaupt noch Journalismus sei.

Ein Beispiel, dass der Einfluss dieser „Medien“ bis nach Deutschland reicht, war der „Fall Lisa“ im vergangenen Jahr. Ein junges russlanddeutsches Mädchen war eine Nacht lang verschwunden und behauptete danach, von Flüchtlingen vergewaltigt worden zu sein. RT und Sputnik verbreiteten diese Version prominent und stellten sie in den Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik der großen Koalition. Dies führte zu mehreren Demonstrationen Russlanddeutscher und Rechter gegen die Regierung. Politischer Nutznießer dieser Einflussnahme im Bundestagswahlkampf war die AfD, die die Ressentiments und Vorurteile vieler Menschen gegenüber Flüchtlingen nutzt und auf dieser Woge der Empörung versucht, in den Bundestag einzuziehen.

Ein Weltbild aus Schnipseln

Dass besonders die AfD von russischem Einfluss profitiert, zeigt das Projekt „Artikel 38“ der „Alliance For Securing Democracy“. Die Macher des Projekts haben Twitter-Konten identifiziert, die russische Falschnachrichten verbreiten. In einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse kommen sie zu dem Schluss, dass Einflusskampagnen bislang vor allem rechtspopulistische Inhalte verstärken. Die etablierten Parteien werden kritisiert, nur über die AfD wird positiv berichtet. Teilweise fordern die Twitter-Konten, die russische Falschnachrichten verbreiten, sogar offen dazu auf, bei der Wahl der AfD die Stimme zu geben.

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