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Kein echter Schlagabtausch? : Wahlkampf mit Vorsicht

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich in Schwerin am Rande einer Wahlkampfveranstaltung mit syrischen Flüchtlingen fotografieren. Bild: dpa

Aus Angst vor dem Sog, den Politiker wie Trump oder Gauland auslösen, haben alle etablierten Parteien die Mutter der Porzellankiste als Wahlberater engagiert. Langweilig ist der Wahlkampf trotzdem nicht.

          Wer die Warnungen und Befürchtungen noch im Ohr hat, die sich vor Monaten auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf richteten, muss sich über die relative Windstille wundern, die sich dann tatsächlich ausbreitete. Weder ist eine nie dagewesene Polarisierung zu spüren noch verderben sogenannte Fake News die Debatten. Da waren die Wahlkämpfe der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von ganz anderem Kaliber.

          Der Schlagabtausch verdiente damals noch seinen Namen, und die Deutschen mussten obendrein zwischen Atomtod, nuklearer Vernichtung und saurem Regen gleich mehrere Apokalypsen im Blick haben, um sich politisch zu orientieren. Gegen die Tabubrüche des grün-alternativen Populismus von damals sind die Provokationen des Rechtspopulismus von heute jedenfalls kleine Nadelstiche gegen das Establishment.

          Ist also Entwarnung angebracht? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte sich dazu angesichts der Entwicklungen im „Westen“ zu Recht nicht durchringen. Weder gebe es, was die deutsche Szenerie angehe, Grund zum Alarmismus, noch könne, wer die amerikanische und die europäische Welt im Blick habe, Grund zur Gelassenheit haben, sagte Steinmeier nun zur Zukunft der Demokratie.

          Andersherum lässt sich auch sagen, dass man es manchem Kritiker deutscher und europäischer Zustände einfach nicht recht machen kann: Entweder es gibt zu wenig Streit und „unpolitische“ Ruhe oder zu viel davon und gleich „Weimar“.

          Die Angst davor, in den Sog politischer Autodidakten wie Trump oder dilettierender Tribune wie Gauland zu geraten, hat dazu geführt, dass alle etablierten Parteien einen gemeinsamen Wahlkampfberater engagierten: die Mutter der Porzellankiste, die Vorsicht. Martin Schulz hat deshalb davor zurückgeschreckt, vor laufender Kamera den Vorwurf gegen Angela Merkel zu wiederholen, sie füge der Demokratie Schaden zu. Ihm und anderen Beteiligten wird deshalb der Vorwurf gemacht, der Wahlkampf sei langweilig, ihm fehlten die unterscheidbaren Angebote, die klaren Kanten.

          Wer genau hinschaut, der erkennt sehr schnell, dass das nicht stimmt. Selten gab es vielmehr ein so großes Angebot wie vor dem 24. September dieses Jahres. Der neue Bundestag wird deshalb, so viel ist jetzt schon sicher, in einem Punkt besser sein als der alte: als Abbild der Gesellschaft.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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