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Mecklenburg-Vorpommern : Schicksal und Taktik

Die neue Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, auf dem Weg zur SPD-Landtagsfraktion Bild: dpa

Der Rücktritt von Erwin Sellering kam überraschend. Dass Familienministerin Schwesig seine Nachfolgerin würde, dagegen nicht. Sie ist beliebt, durchsetzungsstark und politisch erfahren. Die SPD in Berlin muss nun kurz vor der Bundestagswahl umbauen.

          Irgendwann im Laufe der Legislaturperiode in Mecklenburg-Vorpommern hätte es einen Wechsel sowohl an der Spitze der Landes-SPD als auch im Schweriner Ministerpräsidentenamt geben sollen. Erwin Sellering hatte im September noch einmal die Landtagswahl für seine Partei mit 30,6 Prozent gewonnen. Der auf seine Person zugeschnittene Wahlkampf hatte Erfolg, und das gegen den SPD-Trend im Bund. Sellering konnte sich im Land beliebt fühlen. Im Mai wurde er von den Sozialdemokraten auch als Landesvorsitzender wiedergewählt, seit 2007 hat er das Amt inne.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Allerdings ist Sellering 67 Jahre alt. Im politischen Schwerin waren schon seit Längerem die Wetten ein beliebtes Spiel, wer Nachfolger werden könnte. Drei Namen wurden genannt, jeder der drei Politiker war von Sellering gefördert worden. Als Favoritin galt die Frau, die es nun auch werden soll: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. In der Landesregierung aber gilt derzeit Mathias Brodkorb als starker Mann. Seit der Wahl Anfang September ist er Finanzminister – und das wohl auch nur deshalb, weil Schwesig das Amt und damit sozusagen die geborene Nachfolge zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatte übernehmen wollen. Brodkorb war sogar schon als Fraktionsvorsitzender gewählt worden. Er schaffte es, sich bei den zurückliegenden Koalitionsverhandlungen weitgehende Zuständigkeiten zu sichern, sogar Teile aus seinem früheren Ressort, der Bildung und Kultur. Kaum im Amt, löste er zur allgemeinen Verblüffung gleichsam mit einem Federstrich Probleme, die zuvor kaum lösbar erschienen. Den neuen kommunalen Finanzausgleich etwa oder den Aufbau einer eigenständigen Schlösserverwaltung. Der dritte potentielle Nachfolger schließlich war Energieminister Christian Pegel, auch er Jurist und mit Sellering schon in Greifswalder Zeiten gut bekannt. Sellering holte ihn nach Schwerin, zunächst als Leiter der Staatskanzlei, dann als eine Art Zukunftsminister für das Land, zuständig für Energie – sprich erneuerbare Energien – und Breitbandausbau.

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          Nun sind solche Spekulationen Schnee von gestern. Buchstäblich das Schicksal will es anders. Erwin Sellering hat noch bis zur Kabinettssitzung am Dienstag gewartet, um dort seinen Rücktritt von allen Ämtern mitzuteilen. Dass so etwas gerne überraschend geschieht, kann man Politikern nicht verdenken. Aber bei Sellering hat das alles mit Politik nichts zu tun. Eine Routineuntersuchung, ein niederschmetterndes Ergebnis, Lymphdrüsen-Krebs, sofort zu behandeln. Der Rücktritt kam unausweichlich, um sich auf sich selbst konzentrieren zu können. Die Reaktionen sind überall naturgemäß verhalten. Der Koalitionspartner CDU beließ es bei wenigen Worten: „Wir wünschen ihm und seiner Familie viel Kraft in dieser schweren Zeit. Die CDU steht weiterhin für eine verlässliche Zusammenarbeit in dieser Regierung.“ Weder ist eine Debatte über den Zeitpunkt angebracht, zu dem der Führungswechsel in Schwerin geschieht, noch sind Nachfolgedebatten in einem solchen Moment am Platz. So wurde denn die Frage auch rasch und klar geregelt: Schwesig muss es machen. Schon am Dienstagnachmittag war sie als Gast der SPD-Fraktion im Schweriner Schloss dabei. Sie hat die größte politische Erfahrung, ist durchsetzungsstark, im Land durchaus beliebt, weithin bekannt und mit 43 Jahren auch in einem passenden Alter.

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