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Selbstverständnis der CSU : Ein Hauch von Kreuth

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Hohe Verluste in den Wahlkreisen

Die 38,8 Prozent der Stimmen, die das vorläufige amtliche Endergebnis für die CSU in Bayern ausweist – ihr zweitschlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl in ihrer Geschichte –, allein erklärten nicht, dass die Partei um Orientierung rang. Es war die Häufung verstörender Zeichen. Herrmann, der Spitzenkandidat, konnte kein Mandat erringen, weil er sich nur auf der Liste bewarb; er zahlt den Preis dafür, dass die CSU alle Direktmandate in Bayern gewonnen hat.

Funktioniert der „Bayernplan“ auch in einem Jamaika-Bündnis? Daran regen sich erste Zweifel.

Auch ausgesprochene Parteilieblinge wie der bisherige Entwicklungsminister Gerd Müller erlitten in ihren Wahlkreisen hohe Verluste; er büßte bei den Erststimmen 10,2 Prozentpunkte ein. Nicht viel besser erging es Alexander Dobrindt, der das Verkehrsministerium gegen den Vorsitz der CSU-Landesgruppe im Bundestag tauschen will – ein Minus von 9,5 Prozentpunkten steht bei ihm bei den Erststimmen. Scheuer, der Generalsekretär, büßte sogar 12,2 Prozentpunkte ein.

Kein Neuanfang geplant

Im Whiteout die Führungsperson zu tauschen ist verführerisch, zumal wenn sie bis dahin immer der Eindruck erweckte, ganz genau zu wissen, wohin die Reise geht. Doch die CSU hat damit ihre eigenen Erfahrungen. Als sie Edmund Stoiber zum Rückzug aus seinen Ämtern zwang, weil er sich in einem nicht enden wollenden Höhenflug wähnte, nahm die Orientierungslosigkeit nicht ab, sondern mit Günther Beckstein und Erwin Huber noch zu – und endete im Verlust der absoluten Mehrheit. Barbara Stamm, stellvertretende Parteivorsitzende und Landtagspräsidentin, warnte am Montag davor, „über einen personellen Neuanfang auch nur nachzudenken“.

Eilends wurden Loyalitätsadressen für Seehofer gesammelt – nicht ganz uneigennützig. Solange unklare Sichtverhältnisse herrschen, dürfte es für Prätendenten vorteilhaft sein, ihm den Vortritt zu lassen – auch bei der Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres. Der Hauptschuldige für den Verlust der absoluten Mehrheit, der nicht unwahrscheinlich ist, stünde damit schon fest; danach könnten dem Nachfolger oder der Nachfolgerin der Overall mit der Aufschrift „Notarzt“ übergestreift werden.

Probleme bei der Besetzung der Ämter

Ausgeschlossen war am Montag nicht, dass in der CSU doch rasch Zwangsrekrutierungen für die Führungsämter – den Parteivorsitz und die Staatskanzlei – greifen könnten, sollte die Orientierungslosigkeit zunehmen und ein permanenter Whiteout drohen. Joachim Herrmann und Markus Söder wurden in den Blick genommen. Beide sind allerdings Franken; im Stammesland Bayern wird immer noch auf regionale Ausgewogenheit bei den Führungsämtern geachtet. Das bewährte Mittel der Ämterteilung könnte damit ausscheiden, um Diadochenkämpfe um die Nachfolge Seehofers zu vermeiden. Der Niederbayer und stellvertretende Parteivorsitzende Manfred Weber könnte den Regionalproporz aufrechterhalten, wenn er in eines der Ämter einrückt; als Europapolitiker – er ist Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament – gehört er allerdings einer Spezies an, die in Teilen der Partei immer noch misstrauisch betrachtet wird.

Es war ein seltsames Gegenbild zu der über Jahrzehnte gewohnten CSU, das die Partei am Montag bot. Zu einer CSU, die sich immer ganz sicher war, die richtige Partei am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Zu einer CSU, der das selbstbewusste „Mir san mir“ aus jeder Pore quoll. Zu einer CSU, die nicht groß darüber nachdachte, ob sie nun liberal-konservativ oder konservativ-liberal war, sondern einfach die CSU war. Franz Josef Strauß hätte es bei dem Wort „Orientierungsdebatte“ geschüttelt.

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