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Bundestagswahl : Wahlkampf unter einem Prozent

  • -Aktualisiert am

In den Umfragen weit unter einem Prozent: Die DKP Bild: Picture-Alliance

Dutzende Parteien und Listen werben im Bundestagswahlkampf um Stimmen – viele ohne Chance auf einen Sitz im Bundestag. Warum die Mitglieder von Kleinparteien trotzdem kämpfen.

          „Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie kompliziert es ist, bei einer Wahl zu kandidieren“, sagt Anette Thumser, die im Vorstand der Humanistenpartei ist. Zusammen mit zwei Parteikollegen sitzt sie in einem hübschen Altbau im schicken Frankfurter Nordend. Im Wohnzimmer erstrecken sich die Bücherregale bis unter die Decke, auf dem Tisch stehen Biosäfte. Die Humanisten werden in Hessen nicht aus einer Parteizentrale gesteuert, sondern aus Privatwohnungen.

          „Tausende Unterschriften müssen für so eine Wahlzulassung gesammelt werden und an die Wahlämter der Unterzeichner gesendet werden“, fährt Thumser fort. Dann muss der Bundeswahlleiter überzeugt sein, dass man eine ernsthafte Partei ist. Gibt man Pressemitteilungen heraus? Baut man Wahlkampfstände auf? Und diese Wahlkampfstände wollen natürlich alle genehmigt werden. „Es gibt tausend Kleinigkeiten zu beachten.“

          Trotzdem hat der hessische Landesverband der Humanisten die Kandidatur gewagt – und ist gescheitert. Die notwendigen 2000 Stimmen konnten sie nicht rechtzeitig aufbringen. Von Frustration wollen sie nichts wissen. Vor ihrem Eintritt in die Humanistenpartei war Thumser 25 Jahre in der SPD. Hier kannte man solche Sorgen nicht: Die SPD hat Büros in jeder mittelgroßen Stadt und mit Wahlzulassungen beschäftigt sich hier auch keiner. „Dafür sind die so ungelenk wie ein Containerschiff“, sagt Thumser. Neue Ideen hätten es schwer bei den großen Parteien, mit ihren Traditionen und Gepflogenheiten.

          Politisches Engagement muss man sich leisten können

          Die Humanisten sind keine drei Jahre alt. Das bedingungslose Grundeinkommen und Laizismus stehen ganz oben auf ihrer Agenda. Beides Themen, die auch in der SPD Gehör finden würden. In einer Kleinpartei aber findet Thumser, habe sie die Möglichkeit, die Partei noch mitzugestalten. Nicht nur einer von Hunderttausenden sein, keine unendlich lange Tradition auf dem Buckel. Vier Stunden Arbeit ist ihr das am Tag wert. Das ist immerhin ein Halbtagsjob – ohne Gehalt. Politisches Engagement muss man sich leisten können. In großen Parteien wird man irgendwann mit einem Amt entschädigt, wenn man sich gut anstellt. Die Arbeit in einer Kleinpartei dagegen ist ein „Langzeitprojekt“, sagt Thumser. Schon jetzt bereiten die Frankfurter die Hessenwahl im kommenden Jahr vor.

          Anette Thumser mit zwei Parteikollegen

          Im Gegensatz zu den Humanisten haben die Violetten die erste Hürde genommen. Sie haben genug Unterschriften gesammelt, um einen Direktkandidaten für Offenbach ins Rennen zu schicken: Jochem Kalmbacher.

          Zusammen mit seinem Landessekretär Andeas Bleeck sitzt er in seiner Heilpraxis und spricht über spirituelle Politik. Die ist eigentlich Parteidoktrin der Violetten, aber das Schlagwort „spirituell“ schreckt viele Menschen ab. „Die sollen nicht denken, dass wir UFOs sehen“, sagt Kalmbacher. Deshalb haben sie sich dafür entschieden, den Beinamen des hessischen Landesverbandes umzuändern. Den Begriff spirituell haben sie herausgenommen. Jetzt heißen sie ganz nüchtern: „Die Violetten – in und für Hessen“.

          Mit UFOs lassen sich keine Wahlen gewinnen

          Kalmbacher selbst ist Huna-Schamane. In seiner  Praxis heilt er Patienten nach einer Lehre, die angeblich auf einem traditionellen hawaiianischem Kult basiert. „Wir wollen hier Realpolitik machen.“ Vor ein paar Jahren sei die Partei von Lichternährern und anderen Sonderlingen dominiert gewesen. „Für solche Sachen gibt es in Deutschland nur eine verschwindend geringe Zielgruppe“, sagt Kalmbacher, „vielleicht unter einem Prozent.“ Mit UFOs lassen sich keine Wahlen gewinnen.

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