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Grünes Wahlkampffinale : Für Äppelwoi in den Bundestag

  • -Aktualisiert am

Cem Özdemir in Frankfurt Bild: Markus Kollberg

Im Wahlkampfendspurt setzen CDU und SPD auf Großkundgebungen. Die Grünen dagegen veranstalten einen „Wahlmarathon“ – mit teils kuriosen Aktionen.

          3 Min.

          Eigentlich könnten die Ausgangsbedingungen für den Wahlkampf der Grünen in diesem Jahr kaum besser sein. Ein unberechenbarer Diktator bedroht die Welt mit seinen Atombomben, in Amerika regiert ein Präsident, der den Klimawandel leugnet und die Automobilindustrie hat einen heftigen Diesel-Skandal ausgelöst, durch den sich Millionen Verbraucher betrogen fühlen. Die Vorlage ist also eigentlich perfekt, die Grünen müssen nur noch verwandeln – trotzdem dümpeln sie in den letzten Umfragen vor der Wahl nur bei schlappen sieben Prozent.

          Deswegen ruhen in der Partei alle Hoffnungen auf der Schlussphase des Wahlkampfs, in der die beiden Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir in 42 Stunden durch Deutschland touren und jedes Bundesland besuchen. Begonnen haben sie ihren „Wahlkampfmarathon“ am Freitag mit einer Pasta-Party in Berlin-Kreuzberg, wo die Spitzenkandidaten gemeinsam Nudeln kochten und Soßen aus Gemüse zusammenstellten, das sonst weggeworfen worden wäre. Ob das das richtige Rezept ist, um eine Wahl zu gewinnen? Danach setzte sich jeder Spitzenkandidat in einen Wahlkampfbus – Göring-Eckardt fuhr in den Norden und Cem Özdemir nach Süden.

          Schiefe Töne bei der „Cemsession“

          Am Samstagmorgen kam er in Frankfurt an. Für zehn Uhr hatten er und der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripur, zu einer „Cemsession“ eingeladen. Um Viertel vor zehn sind die Bänke, die um ein kleines Podest aufgestellt worden sind, noch komplett leer. Ein paar Partygänger aus der vergangenen Nacht torkeln über die Straße. Die Ladenbesitzer schließen die Türen auf und rollen ihre Waren auf die Bürgersteige. Ein älterer Herr steht in der Nähe und fängt an zu schimpfen, als er erfährt, wer da heute auftreten soll: „Die sollen mich mit Bio in Ruhe lassen, ein Schwarzbrot kostet fünf Euro. Wer soll das bezahlen?“

          Um kurz vor zehn dann der Auftritt der gut organisierten Grünen-Parteibasis: Rund 20 junge Menschen mit grünen Jacken, ausgestattet mit Äpfeln, Flyern und Süßigkeiten, erscheinen aus einer Seitengasse und auch die Plätze um die Bühne füllen sich. Dann kommt auch Özdemir: höflicher Applaus, ein paar Selfies und dann seine Ankündigung, er werde keine Rede halten, sondern nur die Fragen der Bürger beantworten. Nur ein paar Kleinigkeiten wolle er vorweg erwähnen – und beginnt einen 15-minütigen Monolog. Wichtigste Botschaft: „Bald zieht eine in Teilen offen rechtsradikale Partei in den Bundestag ein. Das muss verhindert werden.“ Vom Publikum gibt es dafür Beifall, ein älteres Ehepaar in gleichfarbigen Regenjacken steht auf – und geht: „Wir müssen uns hier nicht beschimpfen lassen“, sagen sie.

          Tag vor der Wahl : Wahlkampfendspurt in Deutschland

          Drei Argumente: Klimaschutz, Klimaschutz, Klimaschutz

          Danach präsentiert Özdemir „drei Gründe, warum Sie die Grünen wählen sollten“, wobei er aber die Gründe zwei und drei unerwähnt lässt und eigentlich nur über Klimaschutz, das grüne Kernthema, spricht. Hier mischt sich dann auch die Moderatorin der Veranstaltung ein und macht darauf aufmerksam, dass die Apfelernte in diesem Jahr sehr schlecht ausgefallen sei. Wer also für einen guten Apfelwein sei, der solle die Grünen wählen, sagt Özdemir. Danach dürfen die Zuschauer Fragen stellen. Wie Özdemir denn seine Versprechen umsetzen wolle, wenn er eine Jamaika-Koalition von Anfang an ausschließe, will ein junger Mann wissen. Tatsächlich ist Özdemir heute relativ zurückhaltend im Umgang mit der FDP, die er in den vergangenen Wochen mehrfach attackiert hatte. Die Grünen redeten prinzipiell mit jedem, „aber nicht über alles“. Es gehe um die Inhalte. „Uns bricht auch kein Zacken aus der Krone, wenn wir in die Opposition gehen müssen“, sagt Özdemir.

          Danach spricht Özdemir über die typischen Wahlkampfthemen seiner Partei und ihre jeweiligen Positionen: Diesel (keine Zukunftstechnologie), Flüchtlinge (keine Zusammenarbeit mit libyschen Milizen), Europa (mit Frankreichs Präsident Macron zusammenarbeiten) und die Türkei (klare Kante zeigen). Nach und nach füllt sich der Platz, auch eine japanische Reisegruppe bleibt stehen und macht Fotos. Doch spannend wird es erst wieder, als ein älterer Herr wissen will, warum er die AfD und ihre Wähler immerzu in die rechte Ecke stelle. Wenn die Grünen sicherheitspolitische Themen ernstnähmen, dann stünden sie auch in den Umfragen besser da. Dafür erntet der Mann Buh-Rufe aus dem Publikum, doch die Moderatorin lobt, dass „auch solche Fragen gestellt werden.“ Özdemir guckt ernst und antwortet in einem fast schon präsidialen Tonfall. Er unterscheide zwischen AfD-Wählern und AfD-Funktionären. Mit ersteren müsse man sprechen, mit letzteren sei das jedoch nicht möglich. Zustimmender Applaus. In diesem Moment ist deutlich zu spüren: Özdemir ist jemand der Regierungsverantwortung übernehmen will!  Danach verabschiedet er sich schnell und fährt nach Heidelberg – er ist schließlich im „Cemspurt“.

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