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Gedämpfte Freude bei Grünen : Auf dem Boden der Tatsachen

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende der Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, am Sonntagabend in Berlin. Bild: dpa

Nach ungetrübtem Jubel ist den Grünen am Sonntagabend nicht zumute. Annalena Baerbock schlägt selbstkritische Töne an – und tut alles, um Spekulationen entgegenzutreten, nun drohe ein offener Streit mit Robert Habeck.

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          In der Columbiahalle in Berlin-Tempelhof bricht Jubel aus, als der grüne Balken auf dem großen Bildschirm anwächst. Die Arme in der Konzerthalle bleiben oben, als er bei 15 Prozent stehen bleibt. Unter Grünen war vor dem Wahlabend eigentlich ausgemacht, dass 15 bis 16 Prozent ein schlechtes Ergebnis wären. Doch die Grünen jubeln gar nicht über das Ergebnis im Bund. Neben dem großen Bildschirm steht noch ein kleiner, und darauf sind die Balken der Berlin-Wahl zu sehen. Sie zeigen, dass die Grünen in der Hauptstadt laut erster Prognose stärkste Kraft sind und dass es für Grün-Rot reichen könnte. Deshalb der Jubel, Berlin scheint in diesem Moment wichtiger als der Bund. Man will zumindest so tun.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer und verantwortlich für den Wahlkampf, kann das so nicht stehen lassen. „Wir haben deutlich zugelegt, aber es fällt mir schwer, mich über dieses Ergebnis zu freuen“, sagt Kellner. Wenn zehn Prozentpunkte hinter SPD und Union ein gutes Ergebnis wären, würde das bedeuten, dass die Ansage, um das Kanzleramt zu kämpfen, nicht so ernst gemeint war. Die Grünen haben ihr Wahlergebnis von 2017 deutlich verbessert. Doch monatelang sah es so aus, als wären zwanzig Prozent und mehr realistisch. Davon sind die Grünen am Sonntagabend weit entfernt.

          „Wir können nicht nur jubeln“

          In der Columbiahalle ist die Freude noch mal groß, als die Verluste der CDU in Mecklenburg-Vorpommern zu sehen sind und die Prognosen dort einen Wiedereinzug in den Landtag versprechen. Den ersten Auftritt auf der Bühne vor Sonnenblumen hat Bettina Jarasch, die Berliner Spitzenkandidatin. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die bei erfolgreichen Landtagswahlen der vergangenen Jahre immer sofort auf der Bühne stand, lässt auf sich warten. Nach der ersten Hochrechnung, wonach für die Grünen nur noch eine 14 vor dem Komma steht, tritt sie auf, zuerst geht es um Berlin, dann um Mecklenburg-Vorpommern: „Großartig!“ Und dann spricht Baerbock vom „historisch besten Ergebnis“ im Bund. Aber auch sie belässt es nicht dabei: „Wir können nicht nur jubeln“, sagt sie. „Wir waren angetreten, um als führende Kraft dieses Land zu gestalten. Das haben wir nicht geschafft, aufgrund eigener Fehler, auch von mir.“ Baerbock will nach vorne blicken: „Wir haben einen Auftrag für die Zukunft.“ Die Halle tobt, skandiert: „Annalena, Annalena.“

          Bundesgeschäftsführer Kellner hatte in den vergangenen Wochen wiederholt beteuert, dass man sich nach der Wahl der Fehleranalyse stellen werde. Gut möglich, dass sie damit bis nach den Koalitionsverhandlungen warten. Im Mittelpunkt steht hierbei natürlich Baerbock. Die für sie besonders schmerzhafte Frage lautet, ob sie die richtige Kandidatin war, ob Regierungs- und Wahlkampferfahrung nicht doch mehr zählen sollten. Und warum die Grünen den Fehler gemacht haben, Binnenkriterien wichtiger zu nehmen als die Frage, wer in der Breite der Gesellschaft die besseren Chancen hat. Es wird auch darum gehen, warum die Grünen keinen Mechanismus für die Entscheidung in der K-Frage gefunden haben, der besser ist, als zwei Personen, die beide unbedingt Kanzlerkandidat werden wollten, die Klärung zu überlassen.

          Unter Vertrauten Baerbocks wird auch über Habecks Verantwortung diskutiert: Seine Äußerungen zu ihrer Kandidatur seien illoyal gewesen, ist zu hören. Bislang war es gelungen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen unter der Decke zu halten. Bricht nun offener Streit aus?

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