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Die CSU im Wahlkampf : Der schwarze Alois und die AfD

Alois Karl (in blauer Steppjacke) auf Wahlkampftour in Ebermannsdorf Bild: Anna-Lena Ripperger

Die Oberpfalz ist der CSU seit Jahrzehnten treu. Doch die AfD könnte auch hier die politischen Verhältnisse durcheinanderbringen. Wie gehen die Christsozialen mit der Konkurrenz von rechts um? Ein Ortsbesuch.

          7 Min.

          Bayern, im September. Nach dem Ortsschild von Neumarkt gibt Alois Karl Gas. „Die Leute dürfen nicht das Gefühl haben, dass man sich nicht mehr anstrengt“, sagt er. Karl ist auf Wahlkampftour in seiner Heimat, der Oberpfalz. Bis zum Schluss will er um Stimmen werben, am Wahlsonntag hat er seinen letzten Termin. Nervös ist er nicht. Dafür ist der Oberpfälzer schon zu lange in der Politik – und bei der richtigen Partei, der CSU.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Die kann bei der Bundestagswahl laut des aktuellen Bayerntrends des Bayerischen Rundfunks mit 47 Prozent der Stimmen rechnen. Damit bliebe sie zwar leicht unter ihrem Ergebnis von 2013 – 49,3 Prozent. Große Sorgen macht sich deshalb aber keiner in der CSU, zumindest nicht öffentlich.

          Auch Alois Karl ist zuversichtlich, zum vierten Mal in den Bundestag einzuziehen. Seit 2005 sitzt der 66 Jahre alte Politiker für den Wahlkreis Amberg im Bundestag. „Der ist größer als das Saarland“, sagt Karl – und spielt damit auch darauf an, wie viele Kilometer er mit seinem dunkelblauen Audi zurücklegen muss, um potentielle Wähler zu erreichen.

          Karl hat Routine im Wahlkämpfen, es ist sein siebter, Kommunal- und Bundesebene zusammengenommen. Während seines Jurastudiums in Regensburg trat er der CSU bei – um die anderen Studentenvertreter zu ärgern, die alle in der SPD waren. „Das war die Zeit der Studentenproteste und das hat mir nicht gefallen. Also habe ich Revolution gemacht, im Privaten.“

          Revoltiert hat Karl später auch noch als Bundestagsabgeordneter: 2009 gab er einer Milchbäuerin im oberpfälzischen Trautmannshofen eine Ohrfeige, nachdem sie ihm während einer Debatte um die niedrigen Milchpreise mehrere Liter Milch übergeschüttet hatte. Zu dieser „reflexartigen Handlung“, wie Karl sie nannte, steht er noch heute. Man müsse sich als Politiker nicht alles gefallen lassen, sagt er.

          Schwarz, stark, gut?

          Standfestigkeit hat Karl auch in der Kommunalpolitik bewiesen. Er machte in der Oberpfälzer CSU Karriere und wurde 1990 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt: Neumarkt in der Oberpfalz, eine musterhafte CSU-Stadt zwischen Nürnberg und Regensburg, seit Jahren ein tiefschwarzer Fleck im auch sonst noch ziemlich schwarzen Bayern.

          100 Prozent Arabica-Bohnen: Der „Schwarze Alois“ des CSU-Bundestagskandidaten Alois Karl

          Mit diesem Adjektiv bewirbt sich Karl auch selbst: „Schwarzer Alois. Schwarz. Stark. Gut“ steht auf dem Wahlkampf-Kaffee, den er zusammen mit einer Oberpfälzer Kaffeerösterei kreiert hat. Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat schon ein Päckchen von ihm bekommen.

          Erste Station von Karls Tour ist um sieben Uhr morgens eine Bäckerei in Ebermannsdorf. Der Ortsverband hat einen Pavillon aufgebaut und verteilt Brezen. Auf einem Biertisch stapelt sich Wahlkampfmaterial. Neben Bleistiften, Haarbürsten und anderem CSU-Nippes liegt auch ein Stapel glänzender Broschüren: der CSU-Bayernplan, das Wahlprogramm der Christsozialen, mit dem sie in Abgrenzung zur Schwesterpartei ihr konservativeres Profil betonen will. Darin enthalten ist auch die strittige Obergrenze-Forderung für Flüchtlinge – 200.000 pro Jahr sollen kommen dürfen, mehr nicht.

          Was vordergründig so wirkt, als wolle die CSU samt ihres Chefs Horst Seehofer einfach nicht aufhören, Merkel und der CDU das Leben schwer zu machen, ist auch ein Akt des Selbstschutzes. Denn mit der AfD hat sich – anders als von Parteiikone Franz Josef Strauß proklamiert – rechts neben der CSU wieder eine Partei etabliert. Und in Bayern ist im kommenden Jahr Landtagswahl. Das macht die Sache mit dem Profil so wichtig für die CSU.

          Revier-Markierung: Eingang zum Amberger Büro von Alois Karl

          Denn die Partei will nach der Bundestagswahl zwar an der Seite der CDU mitregieren. Noch wichtiger ist es ihr aber, in München die absolute Mehrheit zu bewahren. Die hat sie schon einmal verloren. Von 2008 bis 2013 musste sie mit der FDP regieren. Ein zweites Mal einen solchen Totalschaden zu erleiden, das würde der CSU wohl ziemlich zusetzen, ist sie doch an ein Regieren ohne Kompromisse gewöhnt.

          Den Erfolg der AfD findet der CSU-Bundestagsabgeordnete Karl deshalb „schon ärgerlich“. „Und viele fürchten, dass er auch dauerhafter ist als bei anderen“, sagt er mit Blick auf politische Parteien, die nach anfänglichen Erfolgen rasch wieder in Vergessenheit gerieten, wie die Schill-Partei, die Republikaner oder die Piraten. Um sein eigenes Mandat fürchtet Karl aber nicht. „Hier haben sie einen aus München aufgestellt. Der soll in der Partei durchaus eine wichtige Funktion haben. Aber hier kennt man ihn nicht.“

          Die CSU zeigt Präsenz

          Ganz unbekannt ist Peter Boehringer allerdings nicht. Der Ökonom und Sachbuchautor war 2011 Hauptinitiator der Bürgerinitiative „Holt unser Gold heim“. Er steht auf Platz 2 der AfD-Landesliste – keine ganz schlechte Position, sollte es die AfD in den Bundestag schaffen. „Das möge Gott verhüten“, sagt Karl. Und schiebt dann empört hinterher: „Dieser AfD-Kandidat hat null mit Neumarkt zu tun, der kennt vielleicht die Schreibweise, sonst nichts.“

          Überhaupt, erzählt Karl, sei ihm von seinen Mitbewerbern um das Direktmandat nur einer von neun bekannt, Johannes Foitzik, der Kandidat der SPD. „Die anderen hat man unterm Jahr gar nicht gesehen.“ Bei Karl sei das anders, bestätigen Oberpfälzer, wenn man sie auf ihren Vertreter im Bundestag anspricht. Der Karl sei oft unterwegs in seinem Wahlkreis, er komme zu den Festen, besuche die Vereine. Das Erfolgsgeheimnis der CSU liegt auch darin begründet: Viele ihrer Politiker hängen sich vor Ort rein, packen den Terminkalender voll, markieren ihr Revier.

          Das Engagement der CSU-ler könnte aber bald nicht mehr reichen. In zwei Anfang September veröffentlichten Prognosen für die Bundestagswahl kam die AfD immerhin auf acht Prozent. „Mit der AfD ist es wie mit der Bild-Zeitung:  Keiner kauft sie, aber jeder weiß, was drinsteht“, sagt Josef Gilch. Der erste Bürgermeister von Ebermannsdorf ist an diesem Morgen zur Bäckerei Hiltner gekommen, um Alois Karl beim Wahlkämpfen zu unterstützen. Gilch kennt die Bürger seiner Gemeinde gut und trotzdem tut er sich schwer mit einer Prognose zur AfD. Wie verhalten sich die Leute in der Wahlkabine, wenn keiner zuschaut?

          Die AfD wird allen Parteien stimmen wegnehmen, glaubt Gilch. Als die CSU in Bayern noch Ergebnisse von über 50 Prozent einfuhr, konnte sie es sich leisten, ein paar Prozentpunkte zu verlieren. Beim momentanen Stand könnten die aber ausreichen, um den Thron der CSU zum Wackeln zu bringen. Und die bislang so klaren politischen Verhältnisse durcheinanderzuwirbeln, vor allem bei der Landtagswahl 2018. Dass rechts neben der CSU wieder Platz ist für eine andere Partei, findet Gilch aber nicht so schlimm. „Diese Leute wollen wir gar nicht haben“, sagt er, bevor er sich von Karl verabschiedet.

          Der fährt weiter nach Schnaittenbach. Dort hat sich der CSU-Ortsverband neben einen kleinen Lebensmittelladen postiert. Es gibt Bier, in Bayern immer noch ein beliebtes Wahlkampfinstrument. Der Listenkandidat ist da, der Quetsch’n-Leo spielt mit seinem Akkordeon auf. Karl schüttelt Hände, verteilt Broschüren, lässt sich fotografieren.

          „Bei uns ist alles herausgeputzt“

          Wir, nur wir sorgen dafür, dass es Euch Bayern gut geht, das ist die Botschaft, die die CSU seit Jahrzehnten aussendet. In der Oberpfalz hat sie dieses Versprechen in den vergangenen Jahren eingelöst. Die Region, früher einmal arm und vor allem von der Landwirtschaft geprägt, hat den Strukturwandel geschafft, vor allem im Süden. Dienstleistungsunternehmen haben sich angesiedelt, viele sind im Kleinen Marktführer.

          Wahlkampf im Lebensmittelladen: Alois Karl (CSU) unterwegs in Schnaittenbach

          „Bei uns ist alles herausgeputzt“, sagt Karl stolz und zeigt auf die Hauptstraße der kleinen Stadt. Er habe sich auch in Berlin immer für die Strukturförderung im ländlichen Raum eingesetzt, erklärt er. Und die habe hier, in der Oberpfalz, Wirkung gezeigt. Auch auf die Verkehrsprojekte, die er in seinen Wahlkreis geholt hat, weist Karl stolz hin, als er über die gut ausgebaute Bundesstraße Richtung Amberg fährt. Sein Wahlkreis sei der einzige gewesen, der von CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt gleich mit zwei Bauvorhaben bedacht worden sei.

          Der Erfolg, auch eines der Geheimnisse der CSU. Sie betont gerne, dass Bayern die wirtschaftlich erfolgreichste Region der EU ist – und dass die weitere positive Entwicklung des Bundeslandes nur mit ihr als Regierungspartei gelingen kann. Diese Erzählung hat die CSU perfektioniert, genauso wie die Verknüpfung von bayerischer Identität und Partei: Mia san mia, aber nur mit der CSU.

          Besonders volkstümlich tritt Karl an diesem Samstag allerdings nicht auf. Kein Lodenjanker, kein breiter Oberpfälzer Dialekt, keine Obergrenze-Parolen. Überhaupt scheint Karl, der bisher im wichtigen Haushaltsausschuss des Bundestages saß, eine vernünftige Finanz- und Wirtschaftspolitik wichtiger zu sein als eine harte Linie bei den Flüchtlingen. Nach einer guten halben Stunde CSU-Selbstvergewisserung am Wahlkampfstand dankt Karl seinen Schnaittenbacher Helfern und steigt wieder in seinen Audi.

          Für den Wahlkampf ist Geld da

          Der Marktplatz von Hirschau ist schmuck, aber verlassen. Im Nieselregen stehen die Vertreter des CSU-Ortsverbandes unter einem Pavillon und warten fast vergeblich auf Interessierte, denen sie Alois-Karl-Fußbälle oder -Kaffeebecher überreichen können. Fürchtet man hier die AfD? „Das klingt jetzt hart und ist auch nicht gegen die Flüchtlinge selbst gerichtet. Aber sie haben die Stimmung kaputt gemacht, zugunsten der AfD“, sagt ein Mitglied der CSU-Fraktion.

          „Die Leute wollen das geregelt haben“, erklärt auch der zweite Bürgermeister  Ambergs. Die kreisfreie Stadt ist die vierte Station auf Alois Karls Wahlkampftour. Mit „das“ meint CSU-Mann Martin Preuß die Zuwanderung, den Umgang des Rechtsstaates mit den Migranten – wie viele dürfen unter welchen Bedingungen rein, wie viel kostet das. Preuß hat sich zusammen mit einem Dutzend Vertretern der CSU-Ortsverbände und der Frauenunion auf einer Brücke über der Vils positioniert. Zum Wahlkampfstand gehören auch eine Foto-Box, ein Glücksrad und ein Kaffeeautomat. Die CSU hat Geld für den Wahlkampf.

          Selbst ein Fass würde gewählt

          Gibt die AfD beim Thema Flüchtlingen den Takt vor? Nein, heißt es am Stand. Neben dem zweiten Bürgermeister Preuß lobt auch Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny die Leistungen Bayerns in der Flüchtlingskrise. Zwischen der hartnäckigen CSU-Forderung nach einer Obergrenze und dem C im Parteinamen sehen die beiden keinen Widerspruch – und ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber der AfD. Die hätte den christlichen Gedanken ja gar nicht, die wolle niemandem in Deutschland Schutz gewähren.

          Doch das Schreckgespenst AfD geht auch in Amberg um. Am Vormittag habe ein „AfDler oder Reichsbürger“ die Wahlkampfhelfer in ein Gespräch verwickelt, berichtet eine Vertreterin der Frauenunion. „Und dann hat er heftig gegen Merkel gewettert. Das war schon unschön.“ Es sei das erste Mal in drei Wochen Wahlkampf gewesen, dass sie jemand so angegangen habe.

          Doch die meisten Passanten, die an dem Stand in der Amberger Innenstadt vorbeikommen, sind freundlich – und eher an den kleinen Wahlkampfgeschenkchen interessiert als an politischen Diskussionen. Auch von Bundestagsmitglied Alois Karl nehmen sie kaum Notiz.

          FDP-Direktkandidat Moritz Pöllath am Wahlkampfstand in Amberg

          Karl sei auch nicht besonders beliebt, heißt es am Nachbarstand. Dort wirbt FDP-Direktkandidat Moritz Pöllath um Stimmen. „Die CSU könnte auch ein Fass aufstellen und es würde gewählt.“ Was nach dem normalen Frust eines unterlegenen Konkurrenten klingt, hat einen wahren Kern: Die strukturelle Macht der CSU ist in Bayern nicht zu brechen, bisher zumindest. Ihre Vertreter sitzen in den Gemeinde- und Stadträten, sie sind in Vereinen, Verbänden und Pfarreien vertreten. Die CSU hat sich in Bayern über Jahrzehnte in der Fläche festgesetzt.

          Der Opa soll nicht gewählt werden

          „Wenn die FPD im Wahlkreis Plakate aufhängt, dann machen das wir vier, wie wir hier stehen“, sagt Pöllathn und deutet auf seine drei jungen Wahlkampfhelfer. „Die CSU setzt 20 Leute von der Jungen Union mit einem Kasten Bier auf einen Traktor und dann erledigen die das. Und danach gibt es eine Party.“ Das hätte er auch gerne, gesteht der FDP-Kandidat.

          Dass in Bayern jeder CSU-Kandidat gewählt wird, das will Alois Karl nicht so stehen lassen. „Der Wähler ist durchaus schlauer“, sagt er, während er seinen Audi wieder Richtung Neumarkt steuert, zum nächsten Termin. Er verweist auf die Bürgermeisterwahl in seiner Heimatstadt. Nachdem er 2005 nach fünfzehn Jahren aus dem Neumarkter Rathaus in die Bundespolitik gewechselt sei, habe die CSU den Bürgermeisterposten verloren – zum ersten Mal seit 60 Jahren, an einen Kandidaten der Freien Wähler.

          Dass er selbst der richtige Kandidat für den Bundestag ist, daran scheint Karl nicht zu zweifeln – im Gegensatz zu seinem Enkel. Der Erstklässler ruft Karl während dessen Wahlkampftour auf dem Handy an. Und erklärt, es könne doch auch sein, dass der Opa nicht gewählt werde. Dann hätte er auch mehr Zeit zum Spielen. „Du musst doch dem Opa Glück wünschen“, sagt Karl gespielt empört zu seinem Enkel. „Und auch der CSU“, hätte er noch hinzufügen können.

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