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Das Comeback der FDP : Triumphale Rückkehr ins Ungewisse

  • -Aktualisiert am

Lindners Triumph: Die FDP ist wieder da. Bild: Jens Gyarmaty

Nach dem triumphalen Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag muss sich Christian Lindner die Frage stellen: Werden die Freien Demokraten wieder mit Angela Merkel regieren? Die Signale des FDP-Retters sind deutlich.

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          Sie zählen zurück: Zehn, neun, acht... Ganz auf die Sekunde geht es nicht aus, aber fast. Kaum sind mehrere hundert FDP-Mitglieder und Sympathisanten am Sonntag kurz vor 18 Uhr in der Parteizentrale beim Rückwärtszählen bei null angekommen, da erscheinen auf der Großbildleinwand erste, vorläufige Wahlergebnisse. Der Jubel baut sich auf, als die Resultate von Linkspartei und Grünen unter der Marke von zehn Prozent bleiben, denn längst haben die Anwesenden genügend Hinweise, dass die FDP darüber landen wird. Die Grünen zu überflügeln ist für viele FDP-Mitglieder eine besondere Genugtuung. Viele haben nicht vergessen, wie die Grünen öffentlich jubelten, als die FDP vor vier Jahren an der Fünfprozenthürde scheiterte. Als der FDP-Vorsitzende Christian Lindner eine knappe Dreiviertelstunde nach Schließung der Wahllokale ans Mikrofon tritt, sagt er, „in einem Land, das Schadenfreude kennt“, gebe es eine Botschaft, die über das „Comeback“ der FDP hinausgehe: „Nach einem Scheitern ist ein Neuanfang möglich.“

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Es ist die Krönung eines Wiederaufstiegs, der der FDP schon seit zwei Jahren gute Resultate bei Landtagswahlen einträgt. Grund genug also zur Freude in der Parteizentrale. Nur die Erzählung, man liefere sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der AfD um den dritten Platz im Bundestag, die sich schon im Laufe des Nachmittags als nicht haltbar erwies, ist nun endgültig hinfällig.

          Selbstverständlich gibt es keine Festlegungen am Sonntagabend, wie es weitergeht. Man habe keinen Auftrag zur Regierungsbildung erhalten, den habe die Union, sagt Lindner. Sollte man zu Gesprächen eingeladen werden, werde man diese aber führen. Nach der Ankündigung führender Sozialdemokraten, man werde angesichts des schlechten Wahlergebnisses der SPD in die Opposition gehen, sieht es schon früh am Sonntagabend allerdings so aus, als könnte die Herausforderung, nach vier Jahren in der außerparlamentarischen Opposition sofort wieder auf den Regierungsbänken Platz zu nehmen, auf die FDP zukommen.

          Lange Zeit hatte die Partei, die sich inzwischen offiziell „Freie Demokraten“ nennt, über solch eine Herausforderung nicht nachdenken müssen. Immer weiter ging es bergab nach dem September 2013, zum Teil wurde die Lindner-Truppe nur noch unter „Sonstige“ gezählt. Ein Jahr nach der Bundestagswahl ging in Sachsen die letzte Beteiligung an einer Landesregierung verloren. Da wäre es nicht nur merkwürdig gewesen, Mutmaßungen über eine Regierungsbeteiligung im Bund anzustellen, sondern lächerlich.

          Reden nach der Wahl : Merkel kleinlaut, Gauland obenauf

          Erst 2016, als die Wahl in Baden-Württemberg gut ausging für die FDP und sie in Rheinland-Pfalz sogar wieder beim Regieren mitmachte, vor allem aber nach dem Eintreten in Koalitionen in Düsseldorf und Kiel in diesem Jahr und Umfragen im Bund, die immer stabiler über der Fünfprozenthürde lagen, tauchte in den Interviews führender FDP-Politiker die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung in Berlin wieder auf. Vorsichtig allerdings und immer mit vielen Einschränkungen versehen, vor allem der Selbstverständlichkeit, dass man in einer Regierung eigene Ziele müsste durchsetzen können.

          Lindner erwies sich über all die Zeit und bis zur Wahl als Meister der Nicht-Festlegung. Keine Koalitionsaussage, weder positiv noch negativ, keine inhaltliche Hürde, die er nicht hätte überspringen können, ohne sofort als wortbrüchig dazustehen. Als die Umfragen in den letzten Wochen vor der Wahl kurzzeitig das Bild entstehen ließen, dass sogar eine schwarz-gelbe Regierung nicht gänzlich ausgeschlossen wäre, dass vor allem aber ein Bündnis aus Union, FDP und Grünen das Gegenmodell zur ewigen großen Koalition werden könnte, äußerten sich führende FDP-Leute zunehmend deutlich zum Thema Regierungsbeteiligung. Eine realistische Machtperspektive kann schließlich dazu taugen, einen schwankenden Wähler anzulocken.

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