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Kanzler-Nominierung : Plötzlich hat Merkel einen Gegner

Höhenflug: Martin Schulz’ Nominierung hat der SPD einen gehörigen Sympathiebonus beschert. Bild: EPA

Die Unionsparteien treffen sich zum Friedensgipfel unter anderen Umständen: Die aktuellen Umfragen der SPD erwecken den Eindruck, dass die Kanzlerin einen ernsthaften Gegner bekommt. Bei der CSU weckt das neue Sorgen – sie betreffen die Landtagswahl 2018.

          Erst über Zukunftsthemen reden, abends gemütlich grillen, dann die gemeinsame Kanzlerkandidatin vorstellen. So planen ziemlich viele Spitzenpolitiker von CDU und CSU für diesen Sonntag und Montag. Ausflug nach München, eine Übernachtung. Große Debatten? Nicht zu erwarten. Aber die Streitthemen? Abgehakt. Obergrenze, Mütterrente und Volksentscheide kommen einfach in den „Bayernplan“, das CSU-Ergänzungsprogramm. Und die Kanzlerkandidatur? Auch keine Überraschung. Horst Seehofer hatte Angela Merkel ja schon am Wochenende zuvor als gemeinsame Kandidatin ausgerufen.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gepflegte Langeweile also bei der Union. Allerdings sind die meisten froh darüber – nach den monatelangen Attacken Seehofers auf die Kanzlerin. Ende des vergangenen Jahres hatte er das lange vereinbarte Treffen noch in Frage gestellt. Es mache „nur dann einen Sinn, wenn wir uns bis dahin in den Grundzügen der Sicherheits- und Flüchtlingspolitik einig sind“, ließ er über seine Lieblingszeitschrift „Spiegel“ wissen. Heute ist klar: Das war Teil einer Inszenierung, bei der er, Seehofer, am Ende entscheidet, wann wieder Frieden einkehrt zwischen den Schwestern.

          Aber nun ist der „Versöhnungsgipfel“ von München zugleich das unfreiwillige Kontrastprogramm zur SPD. Während sich die Unionsgranden am Grill versammeln, jagt Martin Schulz durch die Republik, nimmt jeden Termin mit, den ihm die Ortsverbände bieten, und kriegt jedes Mal die Hütte voll. Sozialdemokraten sind gerade so aufgekratzt, als gäbe es Ecstasy auf Rezept. Schon die neuesten Umfragewerte gesehen? Bei der Union dagegen: ein Programmpapier, erarbeitet von sechs Arbeitsgruppen auf ebenso vielen Konferenzen; ach ja, und eine Pressekonferenz mit der Kanzlerkandidatin am Montag. „Wir müssen uns schon überlegen, wie wir ihr Rückenwind geben“, sagt einer aus der CSU-Spitze.

          SPD macht Sprung nach vorn

          Die Meinungsumfragen haben sie natürlich auch in der Union genau verfolgt. In allen Erhebungen seit Schulz’ Nominierung macht die SPD einen Sprung nach vorn. Im ARD-Deutschlandtrend landet sie nun bei 28 Prozent, mehr als in der gesamten Legislaturperiode, ein Plus von sagenhaften acht Prozentpunkten. Die Union steht bei 34 Prozent. Im Direktvergleich der Kanzlerkandidaten liegt Schulz deutlich vorn: Ihn würden 50 Prozent wählen, Merkel nur 34 Prozent. Ein Schock?

          Das würde keiner so sagen, schon gar nicht öffentlich. CDU-Leute geben sich betont gelassen. „Wir freuen uns, dass der Patient SPD aus seiner Depression erwacht. Das tut der Demokratie gut“, sagt Jens Spahn, Hoffnungsträger der Konservativen. „Der Anfangshype um Schulz ist normal, wird aber schnell wieder vergehen, wenn die sachpolitische Auseinandersetzung beginnt.“ So ähnlich war auch die Einschätzung, als sich das Präsidium am Montag traf. Die Umfragewerte sagten mehr über die Krise der Sozialdemokraten als über die tatsächliche Stärke ihres Kandidaten aus, beruhigten sich die CDU-Granden. Immerhin sei nun klar, mit wem man es zu tun bekomme. Also, an die Arbeit. Nach ein paar Minuten ging es dann um das Treffen in München. Die Kanzlerin sagte nichts zu Schulz.

          Der Wahlkampf beginnt, da werden Fassaden aus Selbstbewusstsein und Siegesgewissheit hochgezogen. Doch dahinter nisten Unruhe und Nervosität. Sigmar Gabriel wäre den meisten in der Union als Gegner lieber gewesen, auf ihn hatte man sich eingestellt. Außerdem ist den Profis nicht entgangen, dass Schulz als erster Sozialdemokrat die Kanzlerin im Direktvergleich abhängt. Weder Frank-Walter Steinmeier noch Peer Steinbrück schafften das. Steinbrück rückte selbst in guten Zeiten nie mehr als zehn Prozentpunkte an Merkel heran.

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