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Contra : Wir sind nicht allein!

Mit seinem Mittelfinger zeigt Peer Steinbrück vor allem eins. Was einen Politiker von einem Staatsmann unterscheidet. Deutschland erweist er damit einen Bärendienst.

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          Die Welt im Jahr 2014: Ein deutscher Kanzler prangt auf Protestplakaten rund um den Globus. In Syrien (weil Deutschland kommt), in Afghanistan (weil Deutschland geht) sowie in Griechenland, Spanien und Italien (weil Deutschland Forderungen stellt). Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und die Geste des Kanzlers zeigt der Welt nur eins: „Fuck you“.

          Es ist nicht Steinbrücks Fehler, die Welt zu vergessen. Deutschland und seine Politiker neigen dazu, nur bis zum Tellerrand zu blicken. Das zeigt auch der aktuelle Wahlkampf. Im Fernsehduell der Kanzlerkandidaten kamen Merkel und Steinbrück - (von der Euro-Krise abgesehen) -  mit ein paar nichtssagenden Floskeln zu Syrien durch. Über Jahrzehnte spielte das keine Rolle. Deutschland war – in West wie Ost – ein Juniorstaat unter der Obhut der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Das aber ist Geschichte. Heute ist das Land - wider Willen – der einflussreichste Akteur Europas. Der Kontinent und die Welt schauen auf den deutschen Wahlkampf, der sich in diesen Tagen seinem Höhepunkt nähert.

          Nichts außer Aufmerksamkeit

          Peer Steinbrücks Beliebtheitswerte liegen weit hinter jenen der Amtsinhaberin zurück. Doch seit kurzer Zeit verspürt seine Partei Rückenwind. Eine aktuelle Umfrage sieht Regierungslager und Opposition gleichauf. Und bis zum Wahltag wird es in diesem  Kopf-an-Kopf-Rennen viele Unentschlosse geben. Da ist Kreativität gefragt im Wahlkampfteam und bei den Strategieberatern des SPD-Kanzlerkandidaten. Mit seinem Stinkefinger auf dem Titel des SZ-Magazins ist Peer Steinbrück die Aufmerksamkeit der Republik nun wieder gewiss. Aber geht es nur darum?

          Ein Kanzlerkandidat muss wie kein zweites Mitglied seiner Partei den Wahlkampf mit voller Energie führen, er muss stets mehr fordern, als alle leisten können und um die besten Ergebnisse bis zum Letzten kämpfen. Dabei Grenzen zu überwinden, neue Wege zu beschreiten und Denkbarrieren zu brechen ist nicht nur sein Recht, sondern seine Pflicht. Eines aber darf er dabei nicht vergessen: Mit dem Einzug ins Kanzleramt ist ein Kandidat nicht mehr nur Politiker, sondern auch Staatsmann. Dann ist er das Aushängeschild, das Gesicht des Landes. Für das Weiße Haus in Washington genauso wie für die Familien in den Slums von Neu Delhi und die Kinder in den Koranschulen Pakistans. Nicht alle Menschen dort werden die Geste verstehen, die, aus innenpolitischen Motiven entstanden, nun um die ganze Welt geht.

          Die Welt erwartet Anstand

          Steinbrück darf sich solche Ausfälle nicht leisten. Wer als Politiker den Mittelfinger hebt, mag ein paar Wählerstimmen gewinnen und Deutschlands „King of Kotelett“ werden. Wer aber dieses Land führen will, muss darauf verzichten. Die Welt erwartet von einem deutschen Kanzlerkandidaten mehr Anstand als von einem schlecht gelaunten Imbissbudenbesitzer.

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