https://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/bundestagswahl-wo-haben-die-parteien-gewonnen-und-verloren-17557766.html

 

Deutschland hat gewählt

Die SPD erobert den Osten, die Grünen die Großstädte

Von TIMO STEPPAT und JENS GIESEL (Grafik)
27. September 2021

CDU und CSU verlieren auch im ländlichen Raum massiv - einstige Hochburgen kann die Union nur knapp verteidigen. Wie die Regionen gewählt haben.

Bei der Bundestagswahl hat die Union massive Verluste erlitten, fast neun Prozentpunkte. Auch wenn viele Unionspolitiker ihre Direktmandate verteidigen konnten, zeigt sich doch, wie stark sie auch in einstigen Stammregionen Federn lassen musste. Zugleich konnte die SPD  wieder in Regionen des Ostens  punkten, die politisch längst verloren schienen. Wo die Parteien gewonnen und wo sie verloren haben.


Die Genossen erobern den Osten

Auch wenn die SPD ihre Anfänge im Osten hat, 1863 wurde sie in Leipzig gegründet, hat sie es besonders in Mitteldeutschland in den zurückliegenden 20 Jahren nicht leicht gehabt. Bei dieser Bundestagswahl geht der Trend zumindest in eine andere Richtung. Die Sozialdemokraten verzeichnen ihre stärksten Zuwächse insgesamt im Osten. Mit 24,2 Prozent für den gesamten Osten ist die SPD wieder auf westdeutschem Niveau. Der Zuwachs zeigt sich besonders in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Bundespartei auch von der gleichzeitig abgehaltenen Landtagswahl und einer sehr beliebten Ministerpräsidentin von der SPD profitiert hat. Teilweise gibt es ein Plus von 15 Prozent im Nordosten. Der Zuwachs zeigt sich aber auch in Brandenburg, wo die Sozialdemokraten in Wahlkreisen wie  Uckermark-Barnim oder Märkisch Oderland 14,5, bzw. 12,5 Prozentpunkte zulegen können. 

Im Süden Thüringens profitiert auch das Zweitstimmenergebnis der SPD vom Kandidatenrennen zwischen dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen von der CDU und Frank Ullrich für die SPD, der auch von anderen Parteien wie den Grünen unterstützt wurde. Das Direktmandat gewann Ullrich. Ein Plus von 11,5 Prozentpunkten beim Zweitstimmenanteil. 

Ein weiteres Land, in dem die SPD ihre Ergebnis sehr deutlich verbessern kann, ist das Saarland. Die Partei erhält dort die meisten Stimmen, die Direktkandidaten gewinnen alle Rennen - auch gegen profilierte CDU-Politiker wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier und die ehemalige Ministerpräsidentin des Landes, Annegret Kramp-Karrenbauer. Für die CDU-geführte Landesregierung in Saarbrücken, die 2017 mit einem furiosen Erfolg von Kramp-Karrenbauer auf den letzten Metern gegen die SPD gewann, dürfte das ein Alarmsignal sein. Im Februar kommenden Jahres sind dort Landtagswahlen. Auch in NRW finden im kommenden Mai Landtagswahlen statt. Die SPD ist dort bei der Landtagswahl stärkste Kraft. Doch zurückliegende Landtagswahlen haben gezeigt, dass es auf die Spitzenkandidaten ankommt. Nach dem Weggang von Armin Laschet nach Berlin soll Hendrik Wüst zum Nachfolger als Ministerpräsident der CDU gewählt werden. Mit wem die SPD antritt, ist nicht klar. Ob sich ein “Amtsbonus” in nur einem halben Jahr aufbauen lässt, ist schwer zu sagen.


Die CSU verliert in ihren Hochburgen

Oberbayern ist das Herzland der CSU. In Traunstein erzielt die Partei traditionell sehr gute Ergebnisse. 2017 erzielte der ehemalige Verkehrsminister Peter Ramsauer dort das beste Ergebnis der Partei, 50,3 Prozent. Er gewinnt das Mandat auch 2021, allerdings nur mit 36 Prozent. Auch im Zweitstimmenanteil büßt die CSU dort 13 Prozentpunkte ein. Ähnliche Verluste beim Zweitstimmenergebnis gibt es im Oberallgäu (-11,1 Prozentpunkte) und im Ostallgäu (-10,3 Prozentpunkte). Insgesamt zeigt sich, dass auch die CSU in Bayern massiv an Rückhalt verloren hat. Sie kommt bayernweit auf 31,7 Prozent - für CSU-Verhältnisse eine Katastrophe. 


Die Grünen erobern die Großstädte

In Universitäts- und Großstädten sind die Grünen traditionell am stärksten. Hier leben besonders viele junge Menschen, die eher für die Partei stimmen. Direktmandate haben die Grünen besonders in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gewonnen. In zwei Wahlkreisen in Hamburg sowie in einem Wahlkreis in München ist ihnen das gelungen. In Kiel etwa lagen sie, was das Zweitstimmenergebnis betraf, sogar vor der SPD, die aber aufgrund des höheren Erststimmenanteils das Direktmandat holen konnte. 

Deutliche Zuwächse zeigen sich in der Breite aber auch in Würzburg, Regensburg, Dresden, Jena, Leipzig oder Halle. Doch besonders im ländlichen Osten wie auch in Bayern bleiben sie eine Kleinpartei, die weit entfernt davon ist, Anspruch auf das Kanzleramt zu erheben. Besonders die Schwäche im Osten haben die Grünen vielfach versucht zu bekämpfen, bislang offenbar ohne Erfolg. 


Deutliche Verluste für die FDP in NRW

Die FDP hat besonders in Nordrhein-Westfalen starke Verluste zu verzeichnen. 2017, bei der letzten Bundestagswahl, profitierte sie vom Hoch der Landtagswahl wenige Monate zuvor und der anschließenden Regierungsbeteiligung der Liberalen. Im Wahlkreis Düsseldorf I konnte Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die damals stellvertretende Parteivorsitzende war, das beste Zweitstimmenergebnis der Partei bundesweit erzielen. Diesmal büßt die Partei dort 8,8 Prozent ein. In ähnlichem Umfang legen dort die Grünen zu. Insgesamt hat sich die FDP in NRW auf ein Normalmaß entwickelt. In Baden-Württemberg und in Südhessen gelingt es der Partei, ihr Ergebnis gegenüber 2017  deutlich zu verbessern. Wo die CDU schwach ist, in Teilen Niedersachsens und im Münsterland, gelingt es der FDP, Enttäuschte für sich zu gewinnen. 


Volkspartei im Osten

In ganz Deutschland verzeichnet die AfD Verluste. In Nordrhein-Westfalen sind es mal drei, mal vier Prozentpunkte. In Niederbayern, wo der Unmut über die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel 2017 besonders groß war, sinken die Zustimmungswerte der AfD etwas deutlicher um fünf Prozentpunkte. Weitere Zuwächse verzeichnet die AfD lediglich in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Doch auch im Westen ist die Partei alles andere verschwunden, sie liegt immer noch bei acht Prozent. Im Osten hingegen landet sie bei der Bundestagswahl auf Platz zwei mit 19 Prozent - vor der CDU. 


Deutliche Verluste für die CDU in Stammregionen

Die CDU verliert besonders in bestimmten ländlichen Regionen, derer sie sich bislang sicher sein konnte. Im Westen von Rheinland-Pfalz, in den Wahlkreisen Bitburg, Trier oder Ahrweiler, sind es Einbußen von 12 bis 14 Prozentpunkten. Ähnliche Verluste sind es in Oberschwaben in Baden-Württemberg, im Münsterland oder im Osnabrücker Raum in Niedersachsen. In der CDU-Hochburg Cloppenburg-Vechta verliert die Partei 14,7 Prozentpunkte bei den Zweitstimmen gegenüber 2017. Dass sie trotzdem die meisten Direktmandate im Münsterland und westlichen Niedersachsen gewinnen kann, verdankt sie ihren beliebten Direktkandidaten - und der Schwäche der Grünen und der SPD in diesen ländlichen Räumen. Zuwächse verzeichnet hier die FDP. Im eher konservativen Wahlkreis Celle-Uelzen in Niedersachsen sind es nicht mal tausend Stimmen, die dem CDU-Verteidigungspolitiker Henning Otte das Direktmandat sichern. 

Hohe Verluste verzeichnet die CDU im hohen Norden, in den Wahlkreisen Flensburg und Nordfriesland (13,7, bzw. 13,8 Prozentpunkte Minus). 


DAS LAND UND SEINE WAHLKREISE Alle Ergebnisse zur Bundestagswahl 2021
ANALYSE DER BUNDESTAGSWAHL 2021 Welche Koalition wollen die Wähler?

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 27.09.2021 17:53 Uhr