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Bundestagswahl : Tücken der Sonntagsfrage

Präsentiert das ZDF-Politbarometer: Theo Koll Bild: Screenshot: www.zdf.de

Erstmals wird ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender unmittelbar vor einer Bundestags- oder Landtagswahl eine Meinungsumfrage veröffentlichen. ARD und ZDF gehen methodisch getrennte Wege.

          Wenn an diesem Donnerstagabend das Zweite Deutsche Fernsehen wie an jedem Tag das Heute-journal ausstrahlt, dürfte die Sendung mehr Zuschauer anlocken als normal. Denn erstmals wird eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt unmittelbar vor einer Bundes- oder Landtagswahl eine in ihrem Auftrag entstandene Meinungsumfrage veröffentlichen: Bühne frei für das seit 1977 erstellte Politbarometer – und das gleich in doppelter Hinsicht, denn während die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen um Matthias Jung und Andrea Wolf ihre am Mittwoch und Donnerstag telefonisch erhobenen Daten bis zum Abend gewichtet haben muss, kann sich Richard Hilmer mit seinen Kollegen des Berliner Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap zurücklehnen. Sie müssen sich nur für den Wahlsonntag wappnen. Im Frühjahr haben die Chefredakteure der ARD entschieden, dass in der Woche vor der Wahl keine Antworten auf die „Sonntagsfrage“ veröffentlicht werden.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Leichtgemacht haben es sich beide Seiten mit ihren Entscheidungen nicht. Denn mochten die sonntags Punkt 18 Uhr veröffentlichten Prognosen über den Wahlausgang in den vergangenen Jahren immer genauer geworden sein, so war die Diskrepanz zwischen den Parteiwerten, die zehn Tage vor der Wahl ermittelt wurden, und dem Abschneiden in der Wahl mitunter beträchtlich. Allen voran haben sich der Ausgang der Bundestagswahl im September 2005 und der Landtagswahl in Niedersachsen im Januar 2013 in das Gedächtnis von Politikern und Meinungsforschern eingebrannt.

          Häme für Meinungsforscher

          Vor acht Jahren entschieden sich am Wahltag weitaus weniger Bürger für Angela Merkels CDU, als es den Sommer über und sogar noch zehn Tage zuvor den Anschein hatte. In Niedersachsen wiederum ließen alle veröffentlichten Umfragen erkennen, dass die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern drohte und eine Fortsetzung der CDU/FDP-Regierung unwahrscheinlich schien. Am Wahltag stimmten jedoch fast zehn Prozent der Wähler für die Freien Demokraten, was den Meinungsforschern neuerlich viel Häme eintrug.

          Diese verteidigten sich mit dem Hinweis, dass sie das wahlentscheidende Stimmensplitting innerhalb des bürgerlichen Lagers in den letzten Tagen vor der Wahl hatten kommen sehen, ihre Zahlen aber nicht mehr hatten veröffentlichen dürfen. Dieses Argument wiederum nährte das Misstrauen, mit Meinungsumfragen werde längst mehr Stimmung gemacht als Stimmung abgebildet.

          Immer mehr Umfragen - immer unterschiedlicher

          Dieser Vorwurf ist nicht unberechtigt –- doch trifft er zumeist die Falschen. In der Tat hat die Zahl der Meinungsumfragen in den vergangenen Jahren sprunghaft zugenommen. Vor wichtigen Wahlen vergeht kaum ein Tag, an dem Zeitschriften und Zeitungen nicht neue Zahlen veröffentlichen. Die Methodik der Umfragen und damit die Qualität der Daten haben mit der Häufigkeit der Veröffentlichungen nicht immer Schritt gehalten.

          Doch dass in der Regel das Forsa-Institut mit schrillen Thesen wie dem 28-Prozent-Höhenflug der Grünen im Mai 2011, einem Stimmenanteil der Piraten von zwölf Prozent im Frühjahr 2012 oder Ende August mit einer „sehr großen Dunkelziffer“ potentieller AfD-Wähler von sich reden macht, tut der Schlagzeilenträchtigkeit solcher Einlassungen ebenso wenig Abbruch wie der Umstand, dass es noch immer nicht zum Standard gehört, den Befragungszeitraum zu nennen und die statistischen Fehlermargen auszuweisen.

          Den Instituten Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen bleibt es jeweils zum Wochenende hin vorbehalten, die publizistischen Ausschläge der ersten Wochenhälfte wieder auf Normalmaß zurückzustutzen – ohne dass sie dabei methodisch im Gleichklang stünden. So ist die in den Abweichungen der 18-Uhr-Prognose messbare Konkurrenz zwischen den Instituten und ihren Auftraggebern so stark, dass in der Vergangenheit keine Kosten und Mühen gescheut wurden, um jeweils den Aufwand und die Methodik der Umfragen gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.

          Diese reichen, wie es vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung von Infratest dimap hieß, von der abnehmenden Bindekraft der Volksparteien über die steigende Zahl un- und kurzentschlossener Wähler bis zum vermehrten Einsatz des strategischen Stimmensplittings.

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